Die Retterin des Geruchssinns

28. Juli 2009, 19:30
posten

Sissel Tolaas ist Duftforscherin: Sie mixt eigenwillige Parfums, lehrt an der Harvard University "unsichtbare Kommunikation" - und glaubt, dass man durch Düfte die menschliche Psyche heilen kann

Die Tür schwingt auf und eine Frau mit blondem Haar und knallrot geschminkten Lippen steht auf der Schwelle. Sie trägt enge Jeans, eine schwarze Bluse und sieht aus wie Marilyn Monroes ältere Schwester. "Hi", sagt sie und grinst übers ganze Gesicht. "I am Sissel."

Sissel Tolaas stammt aus Norwegen und ist Duftforscherin. Sie lebt in einer mondänen Altbauwohnung in Berlin-Wilmersdorf, gleich neben ihrem Labor. Hier entwirft sie für International Flavors and Fragrances (IFF), einen der größten Aromenhersteller weltweit, neue Duftnoten.

Nebenbei schafft sie Geruchs-Kunstwerke, die in Galerien auf der ganzen Welt gezeigt werden. Und sie lehrt an der Harvard University "unsichtbare Kommunikation".

Es riecht - nach nichts

Zielstrebig schreitet Tolaas voraus in einen hellen, lang gezogenen Raum. Eine Mischung aus Konferenzzimmer, Lounge und Büro. Auf dem Boden ein saftig grüner Kunststoffteppich mit langen Fasern, der wie eine Wiese aussieht. In milchigen Vasen leuchten schneeweiße Tulpen. Es riecht - nach nichts.

Erstaunlich, ist Sissel Tolaas' Domäne doch die Welt der Düfte. "23.700-mal pro Tag atmen wir ein und aus", doziert sie, "und wir bewegen dabei mehr als zwei Kubikmeter Luft." Doch es sei ein Jammer, seufzt sie, dass bereits Kinder von ihren Eltern "fragwürdige Geruchsnormen" eingebläut bekämen, zum Beispiel die Unterscheidung zwischen Duft und Gestank. "Kein Wunder, dass der Riechsinn immer stärker verkümmert."

Genetiker bestätigen diese Diagnose: Einst hatte der Homo sapiens - so wie andere Säugetiere - hunderte intakte Riechgene in seinem Erbgut. Doch inzwischen sind rund zwei Drittel dieser Gene mutiert - und nicht mehr funktionsfähig.

Das Fatale: Auch der Geschmackssinn ist zu großen Teilen in der Nase angesiedelt. Wenn wir keine Riechzellen hätten, würde eine Banane wie eine Kartoffel schmecken und Château Lafite wie Kochwein aus dem Tetrapack. Auch daher will Tolaas den Niedergang der Nase stoppen.

Mit Handschuhen und Plastikbeuteln pirschte Sissel Tolaas monatelang durch Städte und Wildnis, sammelte alles, was eigenwillig duftete: vom Kameldung aus Kairo bis hin zur fauligen Mango aus Indonesien. Alle ihre 6370 Fundstücke verschloss sie luftdicht in Blechdosen. Nur zum Training werden sie kurz geöffnet: Tolaas übte die Düfte wie Musiker Tonleitern, lernte sie auswendig. Sechs Jahre lang. Ihr Hauptziel: Ekel abbauen. "Toleranz fängt bei der Nase an!", sagt die Forscherin.

"Man muss die Gerüche mischen: zum Beispiel Hundekot und Rosenblätter", erklärt Tolaas. Dann verwandle sich das Würgen im Hals bald in Faszination. Bei ihr selbst scheint der Trick funktioniert zu haben. "Alles duftet auf seine Weise reizvoll", sagt sie, "auch ein toter Körper."

Mithilfe der sogenannten Headspace-Technologie entschlüsselt die Forscherin Aromastoffe in ihre feinsten Strukturen: Der Duft einer Blüte etwa, einer Leiche oder einer frisch angeschnittenen Frucht wird einfach abgesaugt und in einer Glasglocke aufgefangen. Dann erstellt man seine "molekulare Identitätskarte" und rekonstruiert ihn aus synthetischen Grundstoffen. Etwa 2000 kleine braune Fläschchen, die flüssige Duftgrundstoffe enthalten, hat Tolaas in weißen Regalen aufgereiht.

Scheinbar wahllos greift sie einige Phiolen aus den Regalen: Aus einer duftet es nach frisch gemähter Wiese. Aus der nächsten steigt ein undefinierbarer Hauch von irgendwas in die Nase. Das sei der Duft einer Jungfrau, sagt Tolaas, der mit der Headspace-Technik am Körper einer jungen Frau abgesaugt wurde. "Düfte haben Macht", sagt sie und lächelt geheimnisvoll. Wenn man etwa künstliches Babyhaut-Aroma in der Luft zerstäube, baue das Aggressionen ab.

Auch bei der Partnerwahl dürften Düfte eine wichtige Rolle spielen: Neulich konnten auf olfaktorischer Ebene gar Hinweise auf den Ödipuskomplex gefunden werden: Ein Team um die Psychologin Martha McClintock von der University of Chicago ließ 49 Frauen an verschwitzten Männer-T-Shirts schnuppern. Es stellte sich heraus, dass die Frauen am liebsten den Geruch von Männern einatmen, die eine ähnliche genetische Ausstattung haben wie ihr Vater.

Der Duft des Glücks

Momentan beschäftigt Tolaas sich mit dem Thema "Glück". Die chemische Zusammensetzung von Freudentränen ist völlig anders ist als diejenige von Tränen der Trauer, haben Laboranalysen ergeben. Nun möchte sie den kaum wahrnehmbaren Geruch von Freudentränen rekonstruieren. Vielleicht könnte er eines Tages therapeutisch eingesetzt werden und zu Glücksgefühlen anregen.

Neurowissenschaftliche Forschung deutet auf eine Sonderstellung des Geruchssinns hin: Wenn visuelle oder akustische Informationen auf uns einströmen, werden sie zuerst an den Thalamus geleitet, eine Art Kontrollzentrum im Hirn. Daher kann man etwa den Redeschwall eines Menschen gezielt ausblenden. Informationen aus Duftmolekülen hingegen gelangen aus den Riechzellen in der Nasenschleimhaut am Kontrollzentrum vorbei, direkt in den Hyppocampus, wo Emotionen und Erinnerungen verarbeitet werden.

Aus diesem Grund speichert das Hirn emotionale Ereignisse gemeinsam mit Gerüchen ab - und bereits der Hauch eines Dufts kann das gesamte Ereignis wieder ins Gedächtnis zurückholen. "Ein interessantes Potenzial für die Psychotherapie", sagt Tolaas. (Till Hein/DER STANDARD, Printausgabe, 29.07.2009)

  • "Toleranz fängt bei der Nase an", sagt Sissel Tolaas, die auch schon Gerüche von Hundekot und Rosenblättern gemischt hat.
    fotos: t. morgan

    "Toleranz fängt bei der Nase an", sagt Sissel Tolaas, die auch schon Gerüche von Hundekot und Rosenblättern gemischt hat.

Share if you care.