"Auf die Finger klopfen reformiert kein System"

28. Juli 2009, 18:42
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Österreichs längstdienender Gefängnisdirektor, Wolfgang Werdenich, befürchtet eine Verschärfung der Drogenpolitik

Wolfgang Werdenich befürchtet Verschärfung der Drogenpolitik. Warum eine Gesellschaft ohne Randgruppen schwer denkbar ist, erklärt Österreichs längstdienender Gefängnisdirektor Karin Bauer.

STANDARD: Spüren Sie die Wirtschaftskrise?

Werdenich: Nicht wirklich – bis jetzt eher in Form von Ankündigungen, dass in den nächsten Jahren gespart werden muss. Das System ist derzeit noch relativ stabil. Aber es macht mir schon Sorge, wie viel die Gesellschaft künftig noch für Drogentherapie ausgeben wird wollen.

STANDARD: Sie fürchten eine Tendenz hin zu mehr Polizei?

Werdenich: Eine Verschärfung der Vorgangsweise. Derzeit beruht unsere Drogenpolitik auf drei Säulen: polizeiliche Verfolgung, Behandlungsangebote – sogenannte höherschwellige Angebote – und niederschwellige Drogenpolitik, also mit einer gewissen Gelassenheit zu akzeptieren, dass sich nicht alle wegtherapieren und wegsperren lassen. Derzeit funktionieren alle diese Säulen ganz gut, und die Kooperationsbereitschaft zwischen den einzelnen Akteuren ist hoch. Meine Sorge ist, dass es stärker in Richtung hopp oder tropp geht: erfolgreich behandelt werden oder eingesperrt werden – und dieser Dualismus entspricht halt nicht der Lebensrealität der meisten Drogenkonsumenten.

STANDARD: Das ist eine Frage des gesellschaftlichen Konsenses.

Werdenich: Ja. Ab 1985 – also nachdem man die Übertragungswege des Aids-Virus entdeckt hat – hat sich der Konsens durchgesetzt, dass man nicht will, dass sich diese Leute über Prostitution und Diebstähle ihr Gift finanzieren, es sind daher in Folge Angebote zur niederschwelligen Versorgung entstanden. Das gesellschaftliche Interesse war, Drogenabhängige so leben zu lassen, dass sie für andere Mitglieder der Gesellschaft keine Bedrohung sind. Das Ziel war nicht mehr, alle clean zu kriegen und die Unmoral des Drogenkonsums unbedingt auszurotten, sondern quasi durchfüttern und schauen, wie sich die Leute entwickeln. Viele wollen ohnehin aussteigen und versuchen es immer wieder, so viel Druck braucht man da gar nicht machen. Natürlich bedeutet das auch einen gewissen finanziellen Aufwand, und derzeit hab ich das Gefühl, es werden aber Strukturen gebastelt, um diese Kosten zu begrenzen.

STANDARD: Führt die Wirtschaftskrise zu mehr Drogenabhängigen?

Werdenich: Nein. Mit zunehmender Armut wird die Zahl der verwahrlosten Drogenabhängigen vermutlich steigen. Unsere Klientel, Leute, die verwahrlost sind, mit hohem Anteil an Delinquenzen, hohem Anteil an Migranten in der zweiten und dritten Generation – denen geht es auch in der Hochkonjunktur nicht gut. Sie sind entwurzelt, sie finden keine klare Rolle in der Gesellschaft.

STANDARD: Eine unverrückbare Randgruppe der Leistungsgesellschaft?

Werdenich: Eine Gesellschaft ohne Randgruppen ist ja kaum denkbar und vielleicht auch gar nicht so gut. Es gibt empirische Belege dafür, dass eine Gesellschaft Randgruppen braucht – böse gesagt, damit die dem Normalbürger bestätigen, dass er einer ist. Es gibt eine kriminalsoziologische Theorie, die für mich sehr überzeugend ist – den "labelling approach" – wo nachgewiesen werden konnte, dass im England des 17. und 18. Jahrhunderts Kriminelle systematisch in die Kolonien exportiert wurden, ohne sichtbaren Effekt auf die Kriminalität in England. Abweichendes Verhalten scheint also eine notwendige Dimension zu sein. Das Ziel wäre also eher, mit Randgruppen zu leben, und nicht, sie wegzusperren oder wegzutherapieren. Wobei wir aber wieder bei dem Punkt sind, dass das ohne einen gewissen finanziellen Aufwand nicht geht.

STANDARD: Fürchten Sie Radikalisierung?

Werdenich: Eine geringere Bereitschaft für alternative Modelle in der Drogentherapie fürchte ich mehr. Klar lässt sich eine Gesellschaft mit mehr Polizei kontrollieren. Aber will ich das? Man könnte ja die Spardiskussion ernst nehmen und sich die Frage stellen, ob nicht bestimmte Varianten der Entkriminalisierung und Legalisierung von Drogen deutlich weniger kosten als der derzeitige Kontrollaufwand und noch dazu ein sinnvollerer Ansatz sind.

STANDARD: Was wird sich insgesamt nach dieser Finanz- und Wirtschaftskrise geändert haben?

Werdenich: Die spannende Frage ist für mich, was bleibt von den derzeitigen Instrumenten zur Krisenabwehr. Europa muss sich sicher von der Illusion verabschieden, dass man immer auf der Gewinnerseite ist.

STANDARD: Lässt sich die sogenannte Schuldfrage punkto Krise klären?

Werdenich: Das Beharrungsvermögen der Spielteilnehmer ist sehr groß. Es hilft auch wenig, Schuldige zu identifizieren – außer es ist das, was der Strafvollzug schon immer war: Du siehst, wer in den Häfn geht und denkst dir: wie gut, dass ich ehrlich bin, es zahlt sich ja doch aus. Die Bösewichte kriegen öffentlich ein paar auf die Finger, und so hat man das Gefühl, es stimmt eh alles. Aber das reformiert ja kein System. Ich glaube nicht, dass sich nach Durchschreiten der Krise so viel geändert haben wird, auch nicht an den Motiven der Täter. Die waren vorher risikobereit und gewinnorientiert und sind das nachher auch noch, vor allem nachdem sich herausgestellt hat, dass das Risiko – mit Staates Hilfe – nicht so groß ist.

STANDARD: Sind Sie veranlagt – wie ist Ihre Zukunftsvorsorge?

Werdenich: Ich bin ja Beamter (lacht) – aber ich besitze auch Aktien.(DER STANDARD, Printausgabe, 29.7.2009)

Zur Person

Der Hainburger Wolfgang Werdenich (62) ist promovierter Psychologe, Therapeut, seit mehr als 30 Jahren in der Drogenarbeit und -forschung tätig, seit 1980 Gefängnisdirektor in Favoriten. Werdenich war der Erste, der nach der Broda'schen Justizreform 1975 alternative therapeutische Modelle in Österreich auf den Weg brachte.

  • Erwartet Ansteigen der verwahrlosten Drogenabhängigen durch mehr Armut
infolge der Krise: Gefängnisdirektor Wolfgang Werdenich vor "seinem"
Haus in Wien-Favoriten.
    foto: robert newald

    Erwartet Ansteigen der verwahrlosten Drogenabhängigen durch mehr Armut infolge der Krise: Gefängnisdirektor Wolfgang Werdenich vor "seinem" Haus in Wien-Favoriten.

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