"Mir sind nie die Reifen aufgestochen worden"

29. Juli 2009, 10:18
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Gabriele Zuna-Kratky, Direktorin des Technischen Museums, über ihre Zeit als Lehrerin, ihr Chemie-Labor im Badezimmer und Museen als Schule der Neugierde

Heute leitet Gabriele Zuna-Kratky das Technische Museum in Wien, früher hat sie sich an einer polytechnischen Schule um 14- bis 18-Jährige bemüht, die ihr letztes Schuljahr absolvieren. "Ich war in der Klasse nicht die mit dem Rohrstock, sondern eher die große Schwester", erzählt sie im Interview mit derStandard.at. Dass sie überhaupt dort unterrichtet hat, verdankt Sie mehr dem Los-Glück als einer Stellenausschreibung. Ein Gespräch über Eltern, die Lehrern das "Watschen"-Austeilen erlauben, Lehrer als Zahnarzthelfer und die Chancen der Neuen Mittelschule. Die Fragen stellten Teresa Eder und Rosa Winkler-Hermaden.

derStandard.at: Frau Zuna-Kratky, Sie waren vor längerer Zeit selbst als Lehrerin an einer polytechnischen Schule tätig. Waren Sie beliebt unter den Schülern?

Zuna-Kratky: Da müssen Sie die Schüler fragen. Mir sind nie die Reifen aufgestochen worden. Ich habe nie die Straßenseite gewechselt, wenn ich Schüler gesehen hab. Ich habe noch Jahre nachher Kontakt gehabt. Wie ich ans Technische Museum gekommen bin – und das war immerhin zehn Jahre nachdem ich von der Schule gegangen bin – sind noch Glückwunschkarten aus der Schule gekommen.

Damals war ich sehr jung, sehr engagiert und habe sehr viel Kraft gehabt. Ich hab alle pädagogischen Bücher verschlungen und nebenbei noch Pädagogik und Soziologie an der Uni studiert – die Zeit hab ich gehabt als Lehrerin. Den Unterricht habe ich sehr sozial-integrativ und kooperativ gestaltet. Ich war in der Klasse nicht die mit dem Rohrstock, sondern eher die große Schwester.

derStandard.at: Warum wollten Sie damals gerade an einer polytechnischen Schule unterrichten?

Zuna-Kratky: Ich habe für die Hauptschule zwei Lehramtsprüfungen gemacht. Damals, 1988, sind wir zu viert fertig geworden und es hat geheißen, dass es Plätze an der Hauptschule und am polytechnischen Lehrgang gibt. Keiner wollte an den polytechnischen Lehrgang. Und ich hab gesagt: drehen wir unsere Karteikarten um, und der, der verliert, hat den polytechnischen Lehrgang gezogen. Ich hab dann natürlich verloren, weil ich den blöden Vorschlag gemacht hab, und war ziemlich sauer. Ich bin also als ausgebildete Hauptschullehrerin an den polytechnischen Lehrgang gegangen. Es hat mir dann so gefallen und es war so eine Herausforderung, dass ich mir dann gedacht hab: warum nicht? Ich habe dann sogar zwei Lehramtsprüfungen für den polytechnischen Lehrgang nachgemacht.

derStandard.at: Was war die große Herausforderung?

Zuna-Kratky: Wir haben Schüler zwischen vierzehn und sogar achtzehn Jahren gehabt. Die Mehrzahl war unmotiviert. Die zu begeistern ist natürlich ein Kraftaufwand aber eine spannende Aufgabe. Wir haben dafür nur ein Jahr Zeit gehabt. Bis Weihnachten lernt man sie kennen, ab Ostern hat man sie schon wieder verloren, weil dann haben sie sich schon Jobs gesucht. Man kann ihnen, wenn man sich sehr anstrengt und gut ist, noch einiges mitgeben. Das war für mich einfach spannender als mit jüngeren Kindern zu arbeiten.

derStandard.at: Gab es Erlebnisse aus ihrer Zeit als Lehrerin, die Ihnen bis heute in Erinnerung geblieben sind?

Zuna-Kratky: Es bleiben einem immer die schönsten und traurigsten Erlebnisse in Erinnerung. Eines der traurigsten Erlebnisse war, als ein Schüler verunglückt ist und wir das gemeinsam verarbeitet haben.

Es sind am polytechnischen Lehrgang sehr viele sozial benachteiligte Kinder. Ein Schüler ist einmal zu mir gekommen und hat mir freudig erzählt, dass er jetzt sein eigenes Zimmer hat. Ich habe gewusst, dass er mit seiner alleinerziehenden Mutter in einer Zimmer-Küche-Wohnung aufgewachsen ist. Er hat mir ein Foto von seinem Zimmer gezeigt: Zwischen dem Herd und der Wand war es abgetrennt mit einem Vorhang. Das war sein Zimmer, auf das er sehr stolz war. Wir haben das dann gemeinsam in der Klasse gefeiert. Wenn man nicht aus so einer Schicht kommt, kennt man das nicht. Das habe ich erst dort kennengelernt.

Ich habe damals ein Motorrad gefahren, das hat auch Punkte gebracht bei den Schülern. In einer ersten Leistungsgruppe habe ich versprochen, dass die, die ein Sehr Gut bekommen, mit mir eine Runde drehen dürfen, wenn die Schule aus ist. Sie haben dann ziemlich gestrebert. Das schöne ist, dass bei vielen das Vertrauen, das man in sie gesetzt hat, auch wieder zurückgekommen ist. Bei manchen auch nicht, aber mit diesen Enttäuschungen muss man leben.

derStandard.at: Warum haben Sie dann den Beruf gewechselt?

Zuna-Kratky: Ich habe das zehn Jahre gemacht und gemerkt, dass es von Jahr zu Jahr immer schwieriger wird. Über die Jahre hat sich der Migrantenanteil ziemlich verschoben. Am Anfang habe ich zwei in der Klasse gehabt, die Deutsch nicht als Muttersprache hatten. Am Ende war es umgekehrt: da waren zwei mit deutscher Muttersprache. Das hat sich unglaublich verschoben und hat immer mehr Kraft gekostet. Ich habe mein Studium fertig gemacht und wollte dann auch etwas anderes erleben. Ich habe mich aber nicht mit Grausen abgewandt.

derStandard.at: Es gibt jede Menge Firmen und Betriebe, die das Bildungsniveau der Schul-Absolventen beklagen. Täuscht der Eindruck oder hat sich das Niveau in den letzten Jahren wirklich verschlechtert?

Zuna-Kratky: Dass sich die Zeiten geändert haben, das ist klar. Andere Probleme sind dazugekommen. Zum Beispiel der hohe Anteil an Migranten, das Nicht-Verständnis für andere Kulturen und Sprachbarrieren. Hinzu kommt, dass die Schüler heutzutage oft auf sich allein gestellt sind und an die Schulen übergeben werden, damit die Eltern sich in die Arbeit zurückziehen können. Dann ist niemand mehr als Ansprechpartner da.

Das war auch mein Problem zu Schulzeiten: Bei mir sind Eltern zum Sprechtag gekommen und haben gesagt: „Geben Sie ihm eine Watsche, dann weiß er wenigstens was er tut. Wir erlauben es Ihnen." Oder zu einer Frau habe ich gesagt: "Dass Ihr Sohn sich den Kopf rasiert hat, das sehen Sie ja. Aber, dass er Stiefel anzieht und die Leute tritt?" Als Antwort kam: "Ich steh den ganzen Tag in der Putzerei. Ich komm am Abend heim, bin so müde. Der Vater ist weg, ich hab noch zwei Buben. Was weiß ich, was der den ganzen Tag macht? Weiß ich, wer seine Freunde sind?"

Dass man die Erziehungskompetenz und alles Weitere den Lehrern überlässt, ist unfair. Ein Lehrer muss heutzutage Pädagoge, Familienersatz, Psychologe und Arzt sein. Der muss schauen, ob die Schüler zum Zahnarzt gehen. Das tun die Eltern teilweise nicht, zumindest war es am polytechnischen Lehrgang so.

derStandard.at: Was kann man ändern? Gehört das Schulsystem geändert?

Zuna-Kratky: Es gibt nicht eine Lösung. Es ist ein Zusammenspiel von vielen Faktoren und es müssen einfach alle zusammenhalten. Momentan sehe ich sehr viele Schuldzuweisungen. Ich verstehe auch, dass viele Lehrer sehr an ihre Grenzen kommen, vor allem wenn sie den Beruf lange ausüben.

derStandard.at: Ist die Neue Mittelschule da ein Schritt in die richtige Richtung?

Zuna-Kratky: Dass eine möglichst spät erfolgende Selektion besser ist, ist mittlerweile, glaube ich, allen klar geworden. Gerade wenn man die bildungsferneren Schichten fördern möchte, muss man das über einen längeren Zeitraum tun. Eine gemeinsame Schule kann da schon einiges auffangen. Dort, wo es auch bisher funktioniert hat, war im ländlichen Bereich, wo es keine Gymnasien gegeben hat. Manche Gymnasien in Wien haben dann wirklich die „Stars vom Land" gehabt, die von der Hauptschule übergetreten sind.

derStandard.at: Sind Sie für Zugangsbeschränkungen an den Universitäten?

Zuna-Kratky: Ich halte das nicht für so schlecht. Zu meiner Zeit hat es das noch nicht gegeben und ich habe mehrfach die Studienrichtung gewechselt. Es hätte mir wahrscheinlich sehr gut getan eine Eingangsphase zu haben. Denn dann kommen vielleicht einige schon vorher drauf, dass sie doch lieber etwas anderes studieren wollen, und nicht erst dann, wenn es zu spät ist.

derStandard.at: Würden Sie Studiengebühren wieder einführen?

Zuna-Kratky: Es ist ein sehr schwieriges Kapitel. Ich würde mehr von denen verlangen, die es sich wirklich leisten können und die befreien, die es sich nicht leisten können. Denn ich halte dieses alles über einen Kamm scheren für nicht sehr gerecht.

derStandard.at: Zurück zum Museum: Wie versuchen Sie die Kinder für Technik zu begeistern?

Zuna-Kratky: Sie dort abzuholen, wo die Interessen entstehen. Interaktive Tätigkeiten sind unheimlich wichtig. Wir lassen die Kinder selbsttätig lernen – das ganze mit dem Ziel, dass sie mit ein bisschen mehr Wissen wieder nachhause gehen. Sie sollen Neues dazugelernt haben, ohne dass es weh getan hat. Wir wollen ihnen Neugierde mitgeben, so dass sie nach dem Besuch im Museum auch noch Fragen stellen. Der wichtigste Grundsatz ist, dass wir das Vorwissen nicht überschätzen aber ihre Intelligenz nicht unterschätzen.

derStandard.at: Haben Sie sich als Kind für Chemie, Physik und Mathematik interessiert?

Zuna-Kratky: In Mathe war ich schlecht, das lag aber auch an der Vermittlung damals. In Physik und Chemie war ich ziemlich gut. Ich habe zuhause ein Labor aufgebaut, da habe ich die Küche einmal abgefackelt, dann habe ich mein Labor im Badezimmer aufgebaut. Da durfte ich dort neben der Badewanne werken und mit meinem Chemielabor experimentieren. Einmal bin ich in Flammen aufgegangen. Schwefel war irrsinnig klasse und ich hatte sogar einen Bunsenbrenner. Meine Eltern haben gesagt, die spinnt. Warum spielst du nicht mit Puppen?

derStandard.at: Können Sie dann nachvollziehen warum so wenige Mädchen technische Berufe ergreifen?

Zuna-Kratky: Das ist etwas, was mir wahnsinnig weh tut. Wir versuchen hier im Museum die Mädchen zu den Autos zu bringen – vergebens. Ich hoffe, dass das irgendwann anders wird, aber wenn man sich die Zahlen an der TU anschaut: Bei Maschinenbau gibt es vielleicht fünf Prozent Absolventinnen. Dabei brauchen wir Technikernachwuchs. In manchen Sparten kommen auf einen Absolventen zehn Jobs. Da gibt es ein großes Ungleichgewicht und trotzdem studieren die Leute das nicht. Vielleicht muss man die Grundlage sehr, sehr früh legen. Aber wenn schon die zweijährigen Mädchen zu den Puppen rennen und die Buben zum Auto. Wir bemühen uns jedenfalls sehr. (Teresa Eder, Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 29.07.2009)

Zur Person: Gabriele Zuna-Kratky (51) ist seit Jänner 2000 Direktorin des Technischen Museums. Davor war sie Lehrerin an einem polytechnischen Lehrgang und arbeitete im Bundesministerium für Unterricht und Kunst in der Abteilung Schulfernsehen/Schulfunk und Medienerziehung.

  • Zuna-Kratky über ihre Beliebtheit an der Schule: "Ich habe damals ein Motorrad gefahren, das hat auch Punkte gebracht bei den Schülern." Sie ist davon überzeugt, dass es nicht sinnvoll ist, ein
Leben lang als Lehrer zu arbeiten. Alle zehn Jahre wechselte sie bisher
ihre Tätigkeiten.
    foto: derstandard.at

    Zuna-Kratky über ihre Beliebtheit an der Schule: "Ich habe damals ein Motorrad gefahren, das hat auch Punkte gebracht bei den Schülern." Sie ist davon überzeugt, dass es nicht sinnvoll ist, ein Leben lang als Lehrer zu arbeiten. Alle zehn Jahre wechselte sie bisher ihre Tätigkeiten.

  • Dass Gabriele Zuna-Kratky als Kind lieber Experimente mit Schwefel
veranstaltete als mit Puppen zu spielen, verstanden ihre Eltern nicht.
"Sie haben eher gesagt: Die spinnt."
    foto: derstandard.at

    Dass Gabriele Zuna-Kratky als Kind lieber Experimente mit Schwefel veranstaltete als mit Puppen zu spielen, verstanden ihre Eltern nicht. "Sie haben eher gesagt: Die spinnt."

  • Auch am technischen Museum tut man sich schwer damit, Mädchen für Autos und Technik zu begeistern. "Wir bemühen uns jedenfalls sehr."
    foto: derstandard.at

    Auch am technischen Museum tut man sich schwer damit, Mädchen für Autos und Technik zu begeistern. "Wir bemühen uns jedenfalls sehr."

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