Der genetische Code

28. Juli 2009, 16:46
50 Postings

Der Golf GTI VI ist der stärkste, schnellste, teuerste unter seinen Brüdern. Am Zigarettenanzünder im Kofferraum lässt sich ein Kühlschrank anstecken

Damals, vor 22 Jahren, ist der GTI einfach passiert. Er stand beim Händler, hatte 30 Kilometer auf dem Tacho und eine Tagesanmeldung hinter sich, auf dass er überhaupt zugelassen werden durfte. Schließlich wurde anno 1987 in Österreich der Katalysator zur Pflicht. Völlig zu Recht, aber der GTI war ja schon fix und fertig und aus diesem Grund vergleichsweise günstig (180.000 Schilling), hatte sogar so etwas wie einen Bordcomputer, Sportsitze, getönte Scheiben und hing so schön direkt am Gas.

22 Jahre später hat der GTI keine 200.000 Kilometer auf dem Tacho, noch immer keinen Katalysator, einen neuen Besitzer und hängt noch immer so schön direkt am Gas. Die alle paar Jahre wiederkehrenden Gedanken, das Ding doch zu verkaufen, wurden zuvor alle paar Jahre verworfen. Als einen einmal die Behörde zum technischen Check befahl und der Prüfer meinte, das Auto, damals gerade noch ein Teenager, würde er auch nicht hergeben, förderte das naturgemäß den Besitzerstolz. Der alte GTI, anfänglich schlicht als Gebrauchsgegenstand betrachtet, steigerte also stets den ideellen Wert. Schließlich musste der Problemlose doch einem großen Kombi Platz machen. Und der Käufer musste versprechen, seinen alten Besitzer damit fahren zu lassen, wann dieser will. Etwa zum Vergleichszwecke.

Sein 1,8-Liter-Motor mit Einspritzung leistet 112 PS und er hat wie weiland üblich fünf Gänge. Den Sechser reißen 210 PS nach vorn, produziert von einem Zwei-Liter-Turbomotor, umgesetzt von einem Sechsganggetriebe. Wer mag, kriegt natürlich auch das Doppelkupplungsgetriebe mit Tiptronic. Der Alte freilich wog nicht einmal eine Tonne, der Neue bringt fast 1400 Kilogramm auf die Waage. Dennoch geht er um Häuser besser. Nummer II läuft keine 200 km/h, Nummer VI 240, quasi akademisch betrachtet. Dabei verbrauchen die beiden ungefähr gleich viel Sprit. Auch wenn vermutlich keine Schraube mehr gleich ist, spürt man die Verwandtschaft. Das muss etwas mit dem genetischen Code zu tun haben.

foto: zelsacher
Zwischen dem Zweier und dem Sechser liegen Welten, schaut man objektiv hin und hinein. Subjektiv betrachtet, sind die beiden eng verwandt. Mehr Bilder vom neuen Golf GTI gibt es hier
foto: christian fischer

Im Gegensatz zum Alten kann man beim Neuen völlig gefühllos aufs Gas steigen, obwohl es sich bei beiden um Fronttriebler handelt. Macht man das beim Zweier, drehen sich die Vorderräder zwar zügig, aber sie drehen sich am Stand. Besondere Sensibilität ist naturgemäß auf Schotter oder nasser Fahrbahn gefragt. Beim Sechser ist die Elektronik (ESP) entschieden dagegen, Gummi zu geben. Dazu sorgt das elektronische Sperrdifferenzial namens XDS dafür, dass heftiges Gasgeben etwa in einer Haarnadel unbestraft bleibt. XDS sorgt dafür, dass das kurveninnere Rad im Bedarfsfall abgebremst wird. Die Traktion ist erstaunlich. Und anders als früher lässt sich die hintere Sitzbank getrennt umlegen. Der Zigarettenanzünder im Kofferraum ist dann von hohem praktischen Wert, wenn man kühle Getränke und frischen Schinken beim Picknick schätzt.

Im Sechser wohnt eine zeitgemäße Hi-Fi-Anlage und im Zweier ein Radio samt Kassettenspieler mit Drehknöpfen. Muss man aber wirklich nicht einschalten, besonders beim Neuen nicht, denn dessen Motor liefert einen tollen Sound, also das Ansauggeräusch, ganz sicher nicht zufällig in den Innenraum. Nicht immer, aber bei Vollgas von 3500 Umdrehungen ab rasant ansteigend, und das ist das Problem. Dreht man drei, vier oder gar fünf Gänge aus, befindet man sich jenseits aller Tempolimits.

Sicherheitshalber lässt sich das Cockpit aufs iPhone laden, auf dass man mit dem Finger Gas gebe und dem virtuellen Ansauggeräusch lausche. Im Sechsten auf der Autobahn bei zulässiger Höchstgeschwindigkeit bei rund 3000 Umdrehungen und in echt hört man genau nichts. Charakterfestigkeit ist also gefragt. Volkswagen rät erst jenen, die schon 21 sind, zum Kauf eines GTI. (Benno Zelsacher/DER STANDARD/Automobil/24.7.2009)

Eine Ansichtssasche vom Golf GTI gibt es >hier<!

  • Nichts ist so, wie es früher einmal war. Und doch sitzt man in vertrauter Umgebung.
    foto: christian fischer

    Nichts ist so, wie es früher einmal war. Und doch sitzt man in vertrauter Umgebung.

  • Der Golfball am Schalthebel ist original. Das Lenkrad spendierte der neue Besitzer.
    foto: zelsacher

    Der Golfball am Schalthebel ist original. Das Lenkrad spendierte der neue Besitzer.

  • So ein Bremssattel (GTI VI) versteckt sich nicht. Foto: Christian Fischer
    foto: christian fischer

    So ein Bremssattel (GTI VI) versteckt sich nicht. Foto: Christian Fischer

  • Link     Volkswagen
    grafik: der standard
Share if you care.