"Am Schluss kommt Blase des Goldes"

29. Juli 2009, 09:10
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Vermögensverwalter Bergold sieht Goldpreis auf 5.000 Dollar steigen

derStandard.at: Sie haben die Krise schon vor Jahren vorausgesagt. Haben Sie eine ganz besondere Glaskugel, in die Sie schauen?

Uwe Bergold: Nein, wir haben auch keine hellseherischen Fähigkeiten. Wir machen im Gegensatz zu anderen unsere Analysen aufgrund der Makroebene. Wir betrachten also das große Ganze. Das machen in unserer heutigen schnelllebigen Zeit die wenigsten. Die meisten denken in Wochen und Monaten, wir denken in Jahren und Jahrzehnten.

derStandard.at: Ein altmodischer Zugang?

Bergold: Ja. Außerdem beschäftigen wir uns mit der klassischen Ökonomie und interessieren uns auch für die Geschichte und für massenpsychologische Phänomene. Die Kombination der klassischen Ökonomie mit der Geschichte finden Sie heute im Bankenwesen ganz, ganz selten.

derStandard.at: Welche Faktoren haben Sie also im Jahr 2000 dazu bewegt, Aktien abzustoßen?

Bergold: Wenn man sich damals die fundamentalen Bewertungsniveaus angeschaut hat - ganz klassisch die Dividendenrenditen und KGVs (Kurs-Gewinn-Verhältnis) - so waren die damals schon seit drei, vier Jahren jenseits von Gut und Böse. Das konnte man nur im historischen Kontext sehen, über die letzten 100 Jahre hinweg. Auch die Bewertungen haben wir uns angeschaut. Wir bewerten jeden Vermögensgegenstand auch in Unzen Gold, nicht nur in Dollar und Yen.

derStandard.at: Was hat Ihnen das im makroökonomischen Zusammenhang gesagt?

Bergold: Ganz wichtig sind die makroökonomischen Zyklen mit einer Dauer von rund 35 Jahren. Wir haben also wirtschaftliche Expansionen oder Kontraktionen. In diesen Zyklen haben wir gesehen, dass wir uns 2000 an der Spitze bewegt haben. In der Geschichte war es immer so: Wenn das Thema Aktien in der breiten Masse - also beim Friseur und beim Taxifahrer - ankommt, dann ist Finale.

derStandard.at: Die Erkenntnis lautet also wieder einmal: Man hätte es wissen können.

Bergold: Das Problem ist die Emotion. Börsen gibt es seit 1603. Wir haben alle Börsen, alle Zyklen, alle Crashes analysiert über die letzten 400 Jahren. Und wir haben festgestellt: Es läuft immer das gleiche Spiel ab. Nur die Akteure wechseln. Das Urproblem ist, jeder will am Schluss dabei sein. Viele glauben dann, der Nachbar ist reich und dieser investiert und jener macht mit Aktien sehr viel Geld. Das hat es schon immer gegeben.

derStandard.at: Schon im März 2000 gaben Sie das Signal für einen Ausstieg aus dem Standard-Aktienmarkt. Bekommen Sie viele Dankesbriefe von Anlegern, die Sie vor dem Crash bewahrt haben?

Bergold: Wir sind seit 2000 im Rohstoff- und Edelmetall-Sektor tätig, und Kunden, die von mir im langfristigen Bereich betreut wurden, sind alle im Gewinn. Probleme bekamen Leute, die später gekommen sind. Beim letzten Absturz 2008 haben wir vier, fünf Monate einen extremen Verfall und quasi überall Verluste erlebt. Aber alle Leute, die Edelmetallinvestments getätigt haben und unseren Empfehlungen gefolgt sind, die haben beim physischen Goldinvestment auch im letzten Jahr zehn Prozent Profit gemacht.

derStandard.at: Gold als Kriseninvestment ist ja ein altes Rezept.

Bergold: Und Bonds, sonst gab es im vergangenen Jahr nichts. Unserer Empfehlung seit 2001: Zwanzig bis 30 Prozent jedes Portofolios in physisches Edelmetall zu investieren, dann hat man in den letzten Monaten und Jahren sowieso kein Problem gehabt. Der Goldpreis hat sich in Dollar knapp vervierfacht und in Euro verdreifacht.

derStandard.at: Anderseits bleibt der Goldpreis seit geraumer Zeit unter 1.000 Dollar. Wie kommen Sie darauf, dass er auf 5.000 Dollar steigen wird, wie Sie das jüngst in einem Interview gesagt haben?

Bergold: Was viele Leute nicht beachten: Für mich persönlich ist der Goldpreis in Dollar überhaupt nicht interessant. Ich lebe in Europa und schau mir den Goldpreis in Euro an oder in Schweizer Franken. Ich muss in Euro einkaufen nicht in US-Dollar. Außer in US-Dollar und außer gegenüber dem japanischen Yen hat der Goldpreis in allen anderen Währungen sein damaliges Hoch aus dem Jahr 2008 schon lange überschritten. Es wird immer nur der Goldpreis in Dollar betrachtet.

derStandard.at: Trotzdem bleibt der Goldpreis seit über einem Jahr relativ konstant.

Bergold: Das ist eine Konsolidierung, die sich schon ziemlich lange hinzieht. Vermutlich war der eine oder andere überrascht, dass der Goldpreis nicht weiter ausgebrochen ist. Der Goldpreis steigt nicht wegen der Krise. Er steigt wegen der Krisenbekämpfung - sprich der Politik des billigen Geldes. Als wir 2001 in Gold investiert haben, hat noch keiner von der Weltwirtschaftskrise gesprochen oder von einem Finanzcrash. Der Goldpreis hat den ganzen Anstieg von 2001 bis 2007 gemacht, ohne dass irgendwo in den Medien groß dramatische Ereignisse angekündigt worden wären. Die Krise begann also im Jahr 2000, nicht erst 2007/2008. Aber aufgrund der expansiven Geldpolitik haben wir die Möglichkeit, dass der Markt, das Finanzsystem nicht abstürzt. Sondern dass das über die Länge quasi hinausgezögert wird und wir so eine Blasenrotation erleben. Die erste Blase waren die Aktien, die zweite Blase die Immobilien, dann kommt die Blase der Bonds und der Rohstoffe. Am Schluss auch die Blase des Goldes.

derStandard.at: Und durch die Geldpolitik kann die Inflation nicht ausbleiben?

Bergold: Da muss man differenzieren. Einmal zwischen der Preissteigerung und der eigentlichen Definition der Inflation. In Österreich gibt es den schönen Ökonomie-Zweig, die Austrian Economics. Friedrich Hayek und Ludwig von Mises haben ganz klar Inflation definiert als Geldmengenwachstum pro Produktionseinheit. Das bedeutet, die Preissteigerung ist die Folge der Inflation. In der modernen Volkswirtschaft wird das nicht getrennt, da wird Inflation als Anstieg des Warenpreisindexes bezeichnet, wobei das nur eine Teilauswirkung des eigentlichen Inflationsvorganges ist. Sie als Konsument können Ihr Geld auch sparen. In dem Moment kommt der Inflationskreislauf in Gang. Sie kaufen Aktien, Immobilien und festverzinsliche Wertpapiere. Dann steigen deren Preise. Genau diesen Vorgang haben wir die letzten zwölf Monate erlebt. Die ganze Überschussliquidität, die ins System gepumpt wurde, ist in die Bonds-Märkte hinein geflossen und das hat dazu geführt, dass wir aktuell aberwitzig niedrige Zinsen haben.

derStandard.at: Mit welchen Folgen?

Bergold: Dieser Prozess der klassischen Asset-Preis-Inflation im modernen Jargon wird nicht auf Dauer auf die Asset-Klasse Bonds beschränkt bleiben. Sobald hier der Schalter umgelegt wird und wir eine Zinswende sehen oder das Geld aus dem Bankmarkt rausfließt, dann werden wir massive Steigerungen bei den Rohstoffen sehen. Die Rohstoffsteigerungen werden sich dann über die Produzentenpreise am Ende auf die Erzeugerpreise niederschlagen. Auch die Aktienmärkte werden davon profitieren. Die Liquidität drückt alles nach oben.

derStandard.at:
Wie schätzen Sie diesbezüglich den Zeithorizont ein?

Bergold: Ich sehe nicht gleich eine Hyperinflation. Was die Inflation betrifft, muss man unbedingt die frühzeitigen Preissteigerungen bei den Produzentenpreisen anschauen. Man muss sich nur den Ölpreis anschauen. Der hat sich mittlerweile vom Tief, im Februar 2009, aus bereits wieder verdoppelt. Der Kupferpreis - einer der wichtigsten Industrierohstoffe überhaupt - hat sich seit dem Tief mehr als verdoppelt. Man hat meistens einen Vorlauf von ca. zwölf Monaten, bis sich diese Preise irgendwo bei Konsumgütern zeigen. Seit Juni steigen die Produzentenpreise, zwar auf tiefem Niveau, aber sie steigen. In den nächsten Monaten muss man sensibel seine Fühler ausstrecken. Man weiß auch, dass der Goldpreis nichts anders ist als ein Inflationsseismograph.

derStandard.at: Sehen Sie schon eine Goldblase?

Bergold: Nein. Jetzt von einer Goldblase zu sprechen, ist lächerlich, auch wenn viele sagen, dass der Goldpreis zu hoch ist. Was ich meine ist: Es hat in der Geschichte noch nie eine Anlageklasse gegeben, die nicht in einer Blase geplatzt ist. Die Goldblase ist noch gar nicht erst entstanden, das, was wir jetzt erlebt haben, ist erst ein Bläschen.

derStandard.at: Physisches Gold ist im vergangenen Jahr weg gegangen wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Wie sieht es denn jetzt mit Goldminen aus?

Bergold: Die ganze Minenindustrie ist auch unser Anlageschwerpunkt. Da ist Folgendes zu beobachten: Seit dem Washington Agreement 1999, das den Verkauf des Zentralbankgoldes beschränkte, geht die Produktion zurück. Die Goldminen funktionieren wie ein Hebel auf den Goldpreis, sowohl nach unten als auch nach oben. Aber in der jetzigen Situation sind die Goldminen im historischen Vergleich relativ günstig bewertet.

derStandard.at: Die Goldgruben machen also ihrem Namen alle Ehre. Als Goldgrube erweisen sich dann aber offenbar zukünftig auch wieder Investments in Rohöl, womit die Preise wieder kräftig steigen werden. Und wir werden uns wieder mit der Frage des Anteils der Spekulanten am Preisanstieg zu beschäftigen haben.

Bergold:
Warum hat dann niemand von den „bösen Spekulanten" gesprochen, als der Ölpreis 70 Prozent verloren hat? Wenn wirklich Spekulanten am Anstieg Schuld waren, dann waren auch Spekulanten am Verfall Schuld. Davon habe ich nichts in den Medien gelesen. Ein Spekulant macht aber keinen Trend, ein Spekulant setzt sich auf einen Trend drauf. Trends werden immer durch Fundamentaldaten gelegt. Auch das ist ein altes Phänomen. Sie können zurückschauen bis zur Französischen Revolution. Wann immer in der Geschichte durch Geldentwertungsvorgang die Preise stiegen, waren immer die Spekulanten Schuld. So wird das auch bleiben.

derStandard.at: Was tun Sie denn, wenn die Rohstoffblase am Platzen ist?

Bergold: Ich mache es genau umgekehrt zu 2001, als wir in Rohstoffe gegangen sind. Wir werden verkaufen und ich kauf mich verdammt billig in den Standard-Aktien-Markt ein. (Regina Bruckner, derStandard.at, 29.7.2009)

Zur Person

Uwe Bergold, Dipl.-Betriebswirt (FH) mit Schwerpunkt Bank-, Finanz- & Investitionswirtschaft kündigte in einer Zeitungspublikation den Aktiencrash im März 2000 und ein Jahr später die Goldhausse an. Seine Anlagestrategien wurden wiederholt von Fachmedien ausgezeichnet. Bergold ist Fondsadvisor für die Kapitalanlagegesellschaft Sal. Oppenheim, mehrfacher Buchautor und war Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Amberg-Weiden. Zusammen mit Christian Wolf ist er Gesellschafter der GLOBAL RESOURCES INVEST GmbH & Co. KG und Geschäftsführer der GR Asset Management GmbH.

  • Uwe Bergold setzt derzeit voll auf Rohstoffe. Wenn die Blase platzt will er wieder "verdammt billig" in den Standard-Aktien-Markt einsteigen.
    foto: standard

    Uwe Bergold setzt derzeit voll auf Rohstoffe. Wenn die Blase platzt will er wieder "verdammt billig" in den Standard-Aktien-Markt einsteigen.

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