Pons-Verlag gibt Rechtschreib-Wörterbuch im Internet frei

28. Juli 2009, 11:19

"Wir haben besonders gefährdete Inhalte" - Duden setzt auf B2B-Lösungen

Mehr als ein Jahrzehnt lang haben Wörterbuch- und Lexikonverlage Schutzdämme gegen das Internet errichtet. Sind die Nachschlagewerke erst einmal frei verfügbar, so die allgemeine Sorge, würde niemand mehr die gedruckten Bücher kaufen. Jetzt werden die Dämme abgebaut. In dieser Woche hat der Pons-Verlag sein Rechtschreib-Wörterbuch ins Netz gestellt. "Wir haben besonders gefährdete Inhalte", erklärt Verlagssprecherin Anne Pelzer. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis es diese kostenlos im Internet gebe. "Da wollten wir sicherstellen, dass unsere Kunden weiterhin bei uns nachschlagen, anstatt zu anderen Angeboten abzuwandern."

"Eine kleine Wörterbuchsubstanz" im Netz

Die anderen, das sind bei Wörterbüchern von Fremdsprachen vor allem die Betreiber von dict.leo.org, das an der TU München entstand und inzwischen von einer privaten Firma weiterbetrieben wird. Angesichts dieser Konkurrenz stellte der Stuttgarter Pons-Verlag schon 2001 "eine kleine Wörterbuchsubstanz" im Netz bereit. Im Oktober vergangenen Jahres entstand daraus ein umfangreiches Sprachenportal mit sechs Fremdsprachen und einer Datenbank von 4,5 Millionen Wörtern.

Das Internet verlangt aber nicht nur nach frei zugänglichen Inhalten, sondern auch die Beteiligung der Nutzer. "Das haben wir schon bei Wikipedia gelernt", sagt Pelzer. "Beim 'Open Dictionary' kann jeder nach der Anmeldung sofort mitschreiben an den Inhalten." Die User-Beiträge erscheinen zunächst mit einem braunen Hintergrund, um sie von den Einträgen der Wörterbuch-Redaktion abzuheben. Sobald sie von Pons-Mitarbeitern geprüft sind, werden sie grün markiert.

"Mit den Beiträgen von Usern haben wir nur gute Erfahrungen gemacht", sagt die Verlagssprecherin. Oft handle es sich um Ergänzungen von Profis wie Fachübersetzern. Für jeden Mitwirkenden wird eine "Visitenkarte" angelegt, auf der die Beiträge angezeigt werden und die Verlinkung zur eigenen Website möglich ist. "Wir wollen den Ruhm nicht für uns", sagt Pelzer dazu. "Das gehört zu den goldenen Regeln im Netz."

"Die Online-Inhalte werden wöchentlich aktualisiert"

Bei der deutschen Rechtschreibung mit zurzeit 140.000 Stichwörtern steht das Community-Modell noch am Anfang. Bisher ist lediglich vorgesehen, dass die Nutzer Vorschläge für weitere Begriffe einreichen. Auf diese Weise kam etwa das Verb "twittern" hinzu. "Die Online-Inhalte werden wöchentlich aktualisiert", sagt die Verlagssprecherin. Platz gebe es genug - "wir haben dieses Portal zukunftsfähig aufgesetzt." Im August soll es auch eine Version der Website für mobile Geräte geben - mit entsprechend darauf zugeschnittenen Werbeformaten.

Denn die Einnahmen aus der Internet-Werbung sollen zu einem weiteren Standbein des Verlags werden. "Wir rechnen fest damit, dass dies eine stabile Säule für unsere Erträge sein wird", sagt Pelzer. Der Vermarkter für das Portal sei mit Blick auf die interessante Zielgruppe sehr optimistisch. Und selbst in der Wirtschaftskrise seien die Ausgaben für Online-Werbung weiter gestiegen.

"Wir werden das Buch auch künftig pflegen"

"Wir gehen mit unseren Angeboten dorthin, wo die Kunden sie brauchen", erklärt die Verlagssprecherin. Neben dem Nachschlagen im Internet gibt es werbefreie Download-Angebote, E-Book-Titel und die Print-Ausgabe. "Wir werden das Buch auch künftig pflegen", heißt es bei dem zur Klett-Gruppe gehörenden Verlag.

Beim Duden-Verlag, der wie kein anderer Anbieter für die deutsche Rechtschreibung steht, hat das Internet eine andere Rolle. "Das ist das Schaufenster, um auf unsere Problemlösungen aufmerksam zu machen", sagt Verlagssprecher Klaus Holoch. Die Möglichkeit, die Rechtschreibung einzelner Begriffe online nachzuschlagen, gebe es schon seit fünf Jahren, sei aber nur ein ergänzender Service.

"Es geht nicht darum, irgendetwas kostenlos ins Netz zu stellen, sondern um Innovationen beim Thema Rechtschreibung"

Wer den vollständigen Eintrag im Universalwörterbuch bei duden.de lesen will, muss ein Abo haben - für monatlich 7,95 Euro. Kostenpflichtig soll auch ein Online-Korrekturprogramm werden, das derzeit in Entwicklung ist. Einen Termin für die Fertigstellung gibt es noch nicht. "Es geht nicht darum, irgendetwas kostenlos ins Netz zu stellen, sondern um Innovationen beim Thema Rechtschreibung", sagt Holoch. "Auf das Wort im deutschen Sprachgebrauch gibt es kein Urheberrecht."

Der Duden-Verlag hat gerade erst die 25. Auflage seiner "Deutschen Rechtschreibung" veröffentlicht und bietet diese auch in einem Paket mit der Korrektursoftware an. Hier ist die gedruckte Ausgabe aktueller als das Internet. Während der Print-Duden schon das Verb "twittern" konjugiert, fragt die Online-Suche noch: "Meinten Sie wittern?" (AP)

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10 Postings
Michael B
02
28.7.2009, 20:43
Somit haben sich 25 Jahre Lobbying der Wörterbuchverlage für eine "neue Rechtschreibung" zur Förderung des Wörterbuchverkaufs erst recht nicht ausgezahlt.

Der DUDEN-Verlag wurde schon verkauft, und Pons gibts jetzt also gratis.
Zurück bleiben als einzige die "Gämse" und das "dass".

Toll.

Charlie Brown
40
29.7.2009, 09:06

Ich mag die neue Rechtschreibung... der Umstieg war in den meisten Fällen imho leicht und logisch.

Michael B
00
29.7.2009, 20:08
Der Umstieg ist in den meisten Fällen schon wieder zurückgenommen worden.

Z.B.: "zurückgenommen".

Blieb also "die Gämse". Angeblich von "Gams".
Analog zu "die Ältern". Kommt von "Alt". Wenn man es wirklich logisch will....

Charlie Brown
00
29.7.2009, 22:40

"in den meisten Fällen" - das widerspricht meiner Wahrnehmung, aber ok, ist nicht mein fachgebiet.

und ich bleib dabei: ss/ß, mehrfachkonsonanten, auch die gämse und wohl noch so einiges sind, wenn man es neu lernt, sicher einfacher als die alten regeln.

Michael B
00
30.7.2009, 20:31
Es wird heute sicher öfter falsch "dass" geschrieben, als früher "daß".

realmike
 
00
28.7.2009, 20:17

"Innovationen beim Thema Rechtschreibung" finden sicher auch breite Zustimmung bei allen Schülern! :-D

Bender Rodriguez
13
28.7.2009, 11:38
Wir haben besonders gefährdete Inhalte

Eher besonders banale, mit denen man sich bislang trotzdem eine goldene Nase verdienen konnte.

slacker
02
28.7.2009, 11:35
mörður ægisson
01
28.7.2009, 20:08
Wiktionary-Wikiwörterbuch

Ein Schwesterprojekt der Wikipedia, das freie Wörterbuch. Searchplugins gibts auch ;) http://mycroft.mozdev.org/search-en... wiktionary Das deutschsprachige ist meines Erachtens auf gutem Weg ein brauchbares Wörterbuch zu werden.

Inquirer
01
29.7.2009, 06:38

Danke. Ein Hinweis auf wiktionary hätte wirklich in den Artikel gehört.

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