Heute planen, morgen rollen

28. Juli 2009, 10:55
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Gerade im privaten Hausbau ist barrierefreies Bauen nach wie vor ein Fremdwort. Doch wer auch im hohen Alter noch in den eigenen vier Wänden leben will, der kommt nicht umhin, entsprechend vorauszuplanen

"Barrierefreiheit wird immer wieder mit einer angeborenen oder unfallbedingten Behinderung assoziiert", sagt Alfred Wolf, Architekt und Experte für behindertengerechtes Bauen in Graz, "in Zukunft wird sich dieses Thema aber vor allem im Alter stellen." Die Zahlen sprechen für sich: Laut einer Prognose der Statistik Austria wird ab dem Jahr 2040 jeder dritte Österreicher mehr als 60 Jahre alt sein. Einige davon werden ihren Lebensabend im Rollstuhl oder auf Krücken verbringen.

"Gerade junge Menschen denken bei der Planung ihres Hauses kaum daran, dass die biologische Uhr tickt", meint Wolf. Umso tiefer ist später der Griff in die Brieftasche, wenn aufwändige Umbauarbeiten anstehen, um trotz Gehbehinderung weiterhin im Haus wohnen zu können. Wer eine barrierefreie Nachrüstung hingegen von Anfang an mitdenkt, kann langfristig viel Geld sparen.

Schwellenloser Zugang

Doch wie sieht cleveres Design for all, wie barrierefreies Bauen heutzutage genannt wird, eigentlich aus? "Vorausschauende Planung macht vor allem in Schlüsselbereichen Sinn", erläutert Wolf, "das fängt beim schwellenlosen Zugang zum Haus an und reicht bis zur richtigen Größe des Bades." Hier gilt es, den sogenannten Wendekreis zu beachten. Das ist eine Kreisfläche von 150 Zentimeter Durchmesser, die das Wenden mit dem Rollstuhl ermöglicht. Wolf: "Diese Fläche sollte von fixen Sanitäreinbauten frei bleiben."

Ist der Raum zu klein, etwa weil es sich um eine baulich getrennte Toilette handelt, sollten die Trennwände in Leichtbauweise ausgeführt und von Installationen freigehalten werden. Auf diese Weise ist es möglich, zum gegebenen Zeitpunkt die Wand abzutragen und beispielsweise das WC mit dem nebenan liegenden Badezimmer zusammenzulegen. Ein Wandabbruch ist keine Hexerei und ist bereits um 750 Euro machbar.

Weniger dienlich sind Leichtbauwände dort, wo später einmal Stützgriffe benötigt werden könnten - also neben dem WC sowie im Bereich von Waschbecken, Dusche und Badewanne. Hier ist zu bedenken, dass sich Hilfsgriffe nur auf Massivbauwänden beziehungsweise auf entsprechend verstärkten Leichtbauwänden montieren lassen. "Solche Verstärkungen kosten ein paar hundert Euro", rechnet der Architekt vor, "eine nachträgliche Stabilisierung der Wand mitsamt Abbruch und Neuverfliesung hingegen kostet ein Vielfaches davon."

Je breiter, desto besser

Doch nicht nur im Sanitärbereich ist auf Barrierefreiheit zu achten. Vor allem auf Gängen und in Türdurchgängen kann es im Falle von körperlicher Eingeschränktheit zu Engpässen kommen. "Gänge sollten 120 Zentimeter breit sein und Wendeflächen haben", empfiehlt der Architekt, "offene Grundrisse bieten hier im Gegensatz zur klassischen Gang-Zimmer-Wohnung einen großen Vorteil, weil enge Vorzimmer wegfallen."

Wer sich besonders absichern will, der sieht auch breitere Türen vor. In der Bauordnung sind je nach Bundesland zwar Innentüren mit 80 Zentimeter Breite vorgeschrieben, doch zehn Zentimeter mehr wirken sich kostenmäßig kaum aus und ermöglichen zu einem späteren Zeitpunkt womöglich eine bequemere Durchfahrt.

Hat das Haus mehrere Geschoße, sind vertikale Aufstiegshilfen unumgänglich. Ein konventioneller Lift ist die komfortabelste, aber auch die kostenintensivste Variante. Unter 30.000 Euro spielt sich nichts ab. Viele Betroffene greifen daher zum Treppenlift, obwohl dies nach Auskunft von Planern eher eine Notlösung ist. Aus diesem Grund sollte sorgfältig geprüft werden, welche Lösung für den konkreten Ort die beste ist.

Neben dem Treppenlift (rund 5000 Euro) steht auch noch der sogenannte vereinfachte Aufzug zur Auswahl. Das ist eine Art Hebebühne in einem Leichtbauschacht, die laut Aufzugshersteller Weigl um 15.000 Euro zu haben ist. Bei zweigeschoßigen Wohnräumen lässt sich so eine Liftlösung gut in die Architektur integrieren.  (Fabian Wallmüller, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.7.2009)

  • Wenn die wichtigsten Vorkehrungen schon beim Hausbau getroffen wurden, ist die barrierefreie Nachrüstung kein Problem.
    collage: standard/friesenbichler

    Wenn die wichtigsten Vorkehrungen schon beim Hausbau getroffen wurden, ist die barrierefreie Nachrüstung kein Problem.

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