Das Handy als Ressourcenfresser

28. Juli 2009, 08:27
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Viel zu wenige der ausrangierten Mobiltelefone werden fachgerecht entsorgt und rezykliert. Das könnte sich rächen, so eine Studie

Eine gefährliche Entwicklung skizziert Chemieprofessor Armin Reller vom Institut für Physik und Ressourcenstrategie in der jüngsten Ausgabe des Öko-Magazins Gaia: Er warnt vor einem Engpass bei seltenen Metallen wie Indium, Tantalum oder Palladium, und schuld daran ist - vor allem - das Mobiltelefon. Rohstoffe, die bisher lediglich für die Wissenschaft von Interesse waren, würden durch den Mobilfunk in beträchtlichem Ausmaß nachgefragt und teilweise unwiederbringlich verschwendet.

Gewürzmetalle

Insbesondere bei den sogenannten Gewürzmetallen sollten Industrie und Gesellschaft die Alarmglocken läuten, meint er. "Gewürzmetalle": Darunter verstehen die Fachleute ein Metall, das einerseits nur in vergleichsweise geringen Mengen auftritt, das aber aufgrund seiner Eigenschaften entscheidend ist für eine Technologie in einem Mobiltelefon oder aber einem Flachbildschirm. Wie bei Gewürzen auch werden diese Metalle nur hauchdünn aufgetragen, quasi aufgedampft, sodass bis dato keine Technik besteht, wie diese Gewürzmetalle wieder aus einem ausrangierten Handy herausgeholt werden können.

Bis vor der Erfindung des Mobilfunks führten die Gewürzmetalle - beispielsweise Palladium, Tantal, Indium - ein industrielles Schattendasein und wurden gerade mal in der Wissenschaft verwendet.

Barrieren

Wenn Industrie und Gesellschaft nicht beginnen, auf diese selten vorkommenden Metalle mehr zu achten - sprich: Geräte so weit als möglich zu rezyklieren -, könnte es sein, dass Industrie und Gesellschaft derzeit den Grundstein für künftige Wachstumsbarrieren legen, schreibt Reller in der Studie "The Mobile Phone: Powerful Communicator and Potential Metal Dissipator". Denn die Gewürzmetalle sind überall dort wichtig, wo es um zukunftsträchtige Entwicklungen geht: neben Informations- und Kommunikationstechnologie auch bei Fotovoltaik oder künftigen Batterie-/Speichertechnologien.

"Es ist alarmierend, dass es keine Strategie gibt, wie mit den Metallen sorgsam und nachhaltig umgegangen wird", so Reller. In jedem Handy stecken rund 30 verschiedene Metalle - trotzdem sind die Lebens-, "Wertschöpfungs"-Zyklen - von der Herstellung bis zur Ausmusterung - von Mobilfunken kaum bekannt. Und dies, obwohl es sich um einen riesigen Markt handelt. In den letzten zehn Jahren wurden zig Milliarden Mobiltelefone verkauft. Forschung hinsichtlich Ersatztechnologien von sich leicht erschöpfenden, nur selten vorkommenden Rohstoffen, gibt es so gut wie nicht.

Rohstoffspekulation

Das Problem hat bisher in erster Linie Rohstoffspekulanten interessiert, die sich von einer Verknappung hohe Wertsteigerungen ihrer Aktienportfolios erhoffen können. Auch die hohe Abhängigkeit von einigen wenigen Produzenten, die häufig in politisch wenig stabilen Ländern abbauen, wird von Zeit zu Zeit als Problem erkannt.

Laut Rellers Untersuchung ist die Problematik aber noch viel komplexer: Die Gewürzmetalle sind häufig Nebenprodukte von Massenrohstoffen. So wird beispielsweise Indium zusammen mit Zink abgebaut. Kommt es - aus welchen Gründen auch immer - zu einer Schließung der Zinkmine, wird der Abbau von Indium ebenfalls aufgegeben, da dieser für sich genommen zu kostenintensiv wäre. Die Abhängigkeit von wenigen Rohstoffanbietern ist enorm, so Reller. Selbst wenn eine Versorgungskette kurzfristig abbricht, hätte dies verheerende Folgen für einen Hersteller. (Johanna Ruzicka / DER STANDARD Printausgabe, 28.07.2009)

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