Armee durchsucht Islamistenviertel - Sicherheitsmaßnahmen verstärkt, nächtliche Ausgangssperren
Lagos/Nairobi - Armee und Polizei haben sich in der nordnigerianischen Stadt Maiduguri in der Nacht auf Mittwoch heftige Gefechte mit Anhängern einer radikalislamischen Sekte geliefert. Nachdem bereits am Dienstagabend das Haus von Islamistenführer Mohammed Yusuf beschossen worden war, durchkämmten Sicherheitskräfte in den frühen Morgenstunden das Hauptquartier der Gruppe und den benachbarten Stadtteil, in dem sich die radikalen Muslime am Dienstagnachmittag verschanzt hatten.
Der nigerianische Präsident Umaru Yar'Adua zeigte sich zuversichtlich, dass die am Sonntag aufgeflammten Kämpfe mit den Islamisten bald beendet seien werden. "Die Regierung hat gehandelt, um ein potenziell gefährliches Problem an der Wurzel zu packen", sagte er. Die Islamisten, die seit Sonntag Polizeistationen in vier überwiegend islamischen Teilstaaten des westafrikanischen Landes attackiert hatten, hätten "Waffen gesammelt und gelernt, Bomben zu bauen, um den Frieden zu zerstören".
Mehr als 200 Tote
Bei Kämpfen zwischen Sicherheitskräften und Islamisten im Norden Nigerias sind nach Polizeiangaben allein in der Stadt Maiduguri mehr als 200 Menschen getötet worden. Nach den blutigen Auseinandersetzungen in Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaates Borno, seien am Montag 206 Leichen gezählt worden, hieß es am Dienstag. Bei 197 handelte es sich demnach um Mitglieder einer islamistischen Sekte, die übrigen neun waren Polizisten. Die heftigen Kämpfe in Maiduguri dauerten am Dienstagnachmittag an.
Der nigerianische Staatschef Umaru Yar'Adua sagte, die Lage im Norden des Landes sei "unter Kontrolle". In Maiduguri stehe der Angriff auf den geistlichen Führer der Sekte, Mohammed Yussuf, vor dem Abschluss. Dort beschoss die Armee das Haus des Sektenführers mit Mörsern. Der Präsident äußerte sich auf dem Flughafen von Abuja kurz vor seinem Abflug nach Brasilien. Er hatte Polizei und Armee angesichts der Kämpfe am Montagabend in "totale Alarmbereitschaft" versetzt.
Die erstmals 2004 in Erscheinung getretene Sekte, die sich den afghanischen Taliban verbunden fühlt, kämpft für einen islamischen Gottesstaat im Norden Nigerias. Von der Gewalt sind auch die nördlichen Bundesstaaten Bauchi, Kano und Yobe betroffen.
Ausdehnung der Scharia auf alle Landesteile gefordert
Nach Angaben der DPA sind die Aufständischen Anhänger der Boko
Haram-Sekte "Erziehung/Bücher ist Sünde", die sich für die Einführung
der Sharia im gesamten Land einsetzen. Die Sektenmitglieder selbst
nennen sich Taliban. Die Islamisten wollen eine Ausweitung des islamischen Rechts (Scharia) auf alle nigerianischen Bundesstaaten durchsetzen. Bisher gilt die Scharia nur in etwa einem Dutzend Staaten Nigerias, darunter auch in den nun von der Gewalt betroffenen. In Nigeria stellen Christen und Muslime einen etwa gleich großen Bevölkerungsanteil. Doch während der Norden überwiegend islamisch ist, konzentriert sich die christliche Bevölkerung auf den Süden des Landes.
Kein Zusammenhang mit Al Kaida nachgewiesen
Spannungen liegen in Nigeria immer nur knapp unter der Oberfläche. Armut, der Kampf um die wenigen Ressourcen und ethnische, kulturelle und religiöse Unterschiede sind die Ursache für viele Auseinandersetzungen. Die aktuelle Gewaltwelle allerdings, analysiert Caroline Duffield von der BBC, sei anders gelagert. Diesmal gehen nicht unterschiedliche Bevölkerungsgruppen auf einander los, sondern junge Männer aus religiösen Gruppen bewaffnen sich und attackieren die Polizei.
Religiöse Randgruppen hätten zwar immer wieder Verbindungen zur Al Kaida vorgegeben. Gewaltakte, die mit der Al Kaida in Zusammenhang gebracht werden, gab es aber bisher noch nicht. Die Idee, dass militante Islamisten sich in Nigeria festsetzen wird im Regelfall als unwahrscheinlich betrachtet, schreibt Duffield. Die lokalen Traditionen und Identitäten würden das verhindern. Trotz der reichen Ölvorkommen des Landes war die Regierung nicht in der Lage, die Armut in der Bevölkerung zu mindern. Ein guter Nährboden für extremistische Bewegungen. (red/APA)