Zwei Leben nach Überlingen

27. Juli 2009, 18:21
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"Flug in die Nacht" schildert das Flugzeugunglück anhand zweier realer Tragödien bis zur Verzweiflungstat: Jene des diensthabenden Lotsen und jene des Angehörigen eines Opfers

Wien - Wie ein Leben von einem Moment zum anderen vorbei sein kann: einmal nach dem Zusammenprall zweier Flugzeuge, der für 71 Menschen, darunter 49 Kinder, den jähen Tod bedeutet. Oder durch eine Überforderung, die den Tod eben jener 71 Menschen zur Folge hat.

Wie weiterleben? 

Vor den Trümmern seiner Existenz steht der Fluglotse Johann Lenders (Ken Duken). Vor einem Moment noch war er glücklich verheirateter Vater zweier Kinder, danach lebt er im Glauben, entscheidende Informationen nicht oder falsch weitergegeben, die Katastrophe also verschuldet zu haben. Wie weiterleben?

Der Fernsehfilm Flug in die Nacht von Till Endemann erzählt die Geschichte rund um den Flugzeugabsturz im deutschen Überlingen am 1. Juli 2002. Eine Maschine der russischen Republik Baschkirien mit 49 Kindern an Bord und ein Frachtflugzeug der DHL kollidierten über dem Bodensee. Die Umstände, die zum Unglück führten, wurden lange verheimlicht. Hinter dem Absturz standen restriktive Sparprogramme, technische Mängel der Gerätschaft und verantwortungsloses Handeln der Luftüberwachungsfirma Skyguide. In Flug in die Nacht spielt Ken Duken den Fluglotsen, dessen Leben eineinhalb Jahre später endgültig vorbei ist. Und zwar genau dann, als es wieder aufwärts zu gehen scheint. Er kündigt und entschuldigt sich bei einer Angehörigen. Danach kann der Lotse wieder Kindergeschichten vorlesen. Doch da kommt ein zweites beendetes Leben hinzu: Jenes des Russen Yuri Balkajew (Jevgenij Sitochin), der seine Frau und zwei Kinder verloren und selbst nichts mehr zu verlieren hat. Flug in die Nacht schildert zwei private Dramen hinter einer Katastrophe, die man für gewöhnlich nur aus Medien kennt.

Skandalöse Umstände 

Es gehört zu den Qualitäten des Films, dass er neben den skandalösen Umständen der Ereignisse zu zeigen versucht, wie Angehörige mit bürokratisierter Empathielosigkeit konfrontiert werden. Angehörigen von Absturzopfern werden einige der Stehsätze bekannt vorkommen, die bei solchen Gelegenheiten Anwendung finden. Trauerbotschaften, die etwa mit der Floskel "Es ist davon auszugehen, dass ..." eingeleitet werden oder schnelle Schuldzuweisungen: "Und wie das alles geschehen konnte: vermutlich menschliches Versagen". Oder die beschämende Praktik, sich bei Angehörigen nicht zu entschuldigen: Das könnte als Schuldeingeständnis gewertet werden und Kosten verursachen.

So sinkt das Mitgefühl herab zum anonymisierten Gestammel: "Der tragische Unfall lässt vermuten, dass es in diesem Netzwerk zu Fehlern gekommen ist."(Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 28.7.2009)

  • Nach dem Absturz reist Yuri Balkajew (Jevgenij Sitochin) nach Überlingen. In den Trümmern findet er Frau und Kinder. Er hofft vergeblich auf Entschuldigung: "Flug in die Nacht", ARD, Mittwoch 20.15.
    foto: ard

    Nach dem Absturz reist Yuri Balkajew (Jevgenij Sitochin) nach Überlingen. In den Trümmern findet er Frau und Kinder. Er hofft vergeblich auf Entschuldigung: "Flug in die Nacht", ARD, Mittwoch 20.15.

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