Süßer Vogel Herzensträgheit

27. Juli 2009, 17:59
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Die Festspiele haben die "Möwe" -Inszenierung von Jürgen Gosch in das Salzburger Landestheater eingeladen: Sternstundenstaub

Salzburg - Obwohl doch die Salzburger Festspiele beschlossen haben, ihre diesjährigen Umtriebe unter den Titel "Spiel der Mächtigen" zu stellen, taugt Jürgen Goschs ingeniöse Inszenierung von Tschechows Komödie Die Möwe zu keinerlei Verdeutlichung von Spruchweisheiten: Sie leistet mehr als das.

Goschs triumphal einfache Möwe-Interpretation - im Salzburger Landestheater vor eine teerschwarze Wand mit Sitzbank gestellt (Bühne: Johannes Schütz), in deren Schatten ein 13-köpfiges Ensemble hellwach auf seine Einsätze wartet, enthält die Absage an jede Ideologie. Ob diese nun "Regietheater" heißt, "Ekeltheater" oder einfach nur Jux und Tollerei.

Gosch, der aus Ostdeutschland stammende, im Juni leider Gottes an Krebs verstorbene Regisseur, reduzierte die zeitgenössische Inszenierungskunst in seinen späten Arbeiten noch einmal auf die Grundlagen einer vielfach missbräuchlich angewendeten Arbeitsethik. Frei muss der Schauspieler sein. Er soll erfinden dürfen, ohne dass er jemals befürchten müsste, aus der Richtung des Regiepults ein Donnerwort an den Kopf geworfen zu bekommen.

Nun handelt ausgerechnet Die Möwe vom Elend und vom Glanz des Schaustellergewerbes. Die verblühte Provinzdiva Arkadina (Corinna Harfouch) unterhält auf einem Landgut einen Provinzhofstaat. Sie ist die aus lauter kleinen Überspanntheiten zusammengesetzte Schauspielkönigin Mutter, die auf "Weltausstellungen" in Poltawa oder Charkow zweifelhafte Triumphe feiert. Sie führt einen schnöselhaften, unentwegt Alltagskram notierenden Novellendichter (Alexander Khuon) als Schoßhündchen mit sich. Sie unterdrückt ihren Sohn Kostja (Jirka Zett), dessen blauäugiger Idealismus dazu verdammt ist, in der Provinz folgenlos zu verrauchen.

Tschechow zeigt, was es heißt, sich in Ermangelung gesicherter Lebensgrundlagen bloß von Illusionen ernähren zu müssen. Gosch wiederum demonstriert, dass man die törichten Anwandlungen auch solcher Menschen ernst zu nehmen hat, die an ihrer eigenen Durchschnittlichkeit verzweifeln.

Paare und Untergeher

Und so treten die Schauspieler in Gruppenkonstellationen zusammen. Schieben ihre unbeholfen sitzenden Existenzmasken nach vorn an die Rampe. Ihre Redetexte schöpfen sie gleichsam aus dem Inneren der Körper.

Obwohl Gosch alles andere als ein Brecht-Jünger war, so hat er die Disposition des Schauspielers wie kein anderer zur Frage der "Haltung" erklärt: Hellwach ist das Ensemble des Deutschen Theaters Berlin. Jeder und jede bezieht zu seiner, zu ihrer Figur deutlich Stellung. Das blasse Probenlicht funzelt, aber es trübt keinen Einsatz, keine schmerzliche Exaltation.

Der viel zu früh vergreiste Bruder der Arkadina (Christian Grashof) führt das zum Verrecken elende Leben des unnützen Gnadenbrotempfängers. Peitscht, wenn er seinen Neffen Kostja zu trösten versucht, seine Seele hoch zu wirren Liedgesängen, zu Ohnmachts- und Herzanfällen.

Kostja wiederum ist verliebt in die junge Nina (Kathleen Morgeneyer). Diese versucht sich furienhaft an einem Dramolett des wirren Jungpoeten: Bloßfüßig auf einem Flussstein balancierend, mimt sie eine lächerliche Ente.

Sie selbst ist "die Möwe" . Sie, die angehende Jungschauspielerin, wird sich von Trigorin (Khuon), einem stotternden, an seiner eigenen erotischen Übermacht sich ungläubig verschluckenden Bluffer, ins Unglück stürzen lassen. Wenn längst alles zu spät ist, die Träume alle verdampft sind, spielen sie alle nur noch Lotto.

Nur Kostja, der Jüngling, verschwindet, geht von der Bühne ab. Die Seiten seiner Texte hat er langsam zerrissen. Ein Schuss fällt. Die Szene friert ein. Salzburg hat seine drei Sternstunden gehabt. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 27.07.2009)

  • Tschechows Provinzillusionisten: Nina (K. Morgeneyer, auf dem Stein), hinter ihr C. Harfouch.
    foto: horn

    Tschechows Provinzillusionisten: Nina (K. Morgeneyer, auf dem Stein), hinter ihr C. Harfouch.

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