"Liszt hat viele Facetten"

27. Juli 2009, 17:49
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Der russische Meisterpianist Arcadi Volodos eröffnet am Dienstag die "Liszt-Szenen" mit einem Soloabend - STANDARD-Interview

Standard: Bei Ihren Recitals hat man den Eindruck, dass die Werke miteinander kommunizieren. Ist das für Sie ein bewusster Prozess?

Volodos: Ja, das Zusammenwirken hat für mich eine sehr große Bedeutung. Die Stücke klingen anders, je nachdem, was vorher und nachher gespielt wird - das betrifft auch Tonarten und Kompositionsstile. Es muss immer eine Gesamtdramaturgie des Konzerts geben.

Standard: In Ihrem Salzburger Liszt-Programm (das Konzert findet am 28. Juli im Mozarteum statt) zeigen Sie diese Komponistenpersönlichkeit von verschiedensten Seiten.

Volodos: Genau das wollte ich auch. Für mich ist es absolut unverständlich, wie man Liszt noch im 21. Jahrhundert nur als einen virtuosen Komponisten auffassen kann. Das ist eine Kulturlosigkeit! Liszt hat durch seine musikalischen Formen und seine Sprache das Klavier so sehr ausgeweitet. Bei ihm klingt das Klavier wie ein Orchester: Das hatte vorher niemand fertiggebracht. Die Menschen sehen nur die Oktavenpassagen, aber Liszt macht musikalische Bilder wie ein Gewitter oder einen Wasserfall, die nichts mit den virtuosen Passagen zu tun haben.

Standard: Sehen Sie also bei ihm das Theatralische im Vordergrund?

Volodos: Liszt hat etwas Theatralisches, aber nur in einem kleinen Teil seines Werks. Ich würde sagen, dass seine Religiosität sehr wichtig war. Er hat Züge eines Pilgers, eines Reisenden und Philosophen. Das sind sehr viele Facetten.

Standard: Welche dieser Seiten sind für Sie besonders wichtig?

Volodos: Alle. Man muss versuchen, Liszt in seiner Gesamtheit wiederzugeben, das ist dabei die große Herausforderung für uns Interpreten. Seine Dante-Sonate ist für mich etwa eine symphonische Dichtung, in der er die großen Fragen des Lebens stellt, auf die wir nie eine Antwort wissen werden.

Standard: Ihre erste, aufsehenerregende CD war Transkriptionen gewidmet. Was hat Sie an dieser Form besonders interessiert?

Volodos: Die Transkription interessiert mich deshalb, weil sie eine ständige Variierung bedeutet. Man kann das immer anders spielen, bis zur Unendlichkeit.

Standard: Gilt das nicht im Grunde für jede Interpretation? Welche Rolle spielt für Sie die Spontaneität?

Volodos: Das ist für mich überhaupt der einzige Sinn: dass das Publikum den Eindruck hat, das Stück wird gerade erst geboren. Wenn man sich denkt, jemand hat etwas gut eingeübt, hat das keinen Sinn. Ich glaube, gerade junge Musiker sollten ihr Talent nicht mit stundenlangem Üben vergeuden.

Standard: Auch Ihre Karriere verläuft ja nicht stromlinienförmig.

Volodos: Ich hatte das Glück einer unversehrten Kindheit. Zwischen neun und 15 Jahren erobert sich der Mensch sozusagen seine Welt. Wenn man ihm genau diese Zeit stiehlt, indem man ihn zum Üben zwingt, ist das oft sehr traurig. Es gibt viele, die darunter leiden, etwa in den hochspezialisierten Schulen, wo Kinder unter großem Druck stehen und zu Wettbewerben geschickt werden. Konkurrenz ist schlecht für die kindliche Seele.

(Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 27.07.2009)

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Zur Person:Arcadi Volodos, geboren 1972 in St. Petersburg,
begann erst mit 15 Jahren, sich ernsthaft dem Klavier zu widmen.
Studium u.a. in Paris. Der Wettbewerbsverweigerer wurde durch einen
Zufall entdeckt und errang bald den Ruf eines der weltbesten Pianisten.
 
    foto: arens

     

    Zur Person:
    Arcadi Volodos, geboren 1972 in St. Petersburg, begann erst mit 15 Jahren, sich ernsthaft dem Klavier zu widmen. Studium u.a. in Paris. Der Wettbewerbsverweigerer wurde durch einen Zufall entdeckt und errang bald den Ruf eines der weltbesten Pianisten.

     

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