Von der Profischwimmerin zur Frau Badewaschel

27. Juli 2009, 17:41
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Der Beruf des Bademeisters war in Wien lange Zeit reine Männersache. Inzwischen gibt es immerhin vier Bassinaufseherinnen in der Hauptstadt. Eine davon ist Elionora Bayer

Wien - Neben Kleinkindern, die ohne Schwimmflügerln im seichten Wasser planschen, versetzen Elionora Bayer vor allem PensionistInneen, die besonders sportlich sein wollen, in höchste Alarmbereitschaft. "Bei den Älteren muss man schon auch sehr aufpassen", sagt sie. "Die überschätzen sich leider sehr oft. Erst liegen sie stundenlang in der prallen Sonne, und dann rennen sie quasi ins Wasser - da mach ich mir wirklich Sorgen, dass sie einen Schlaganfall bekommen." 

Seit fünf Jahren ist Bayer im städtischen Angelibad an der Alten Donau Bademeisterin. Von April bis Oktober sitzt sie fünf Tage pro Woche in einer kleinen Holzhütte und beobachtet Ufer und Wasseroberfläche. Stets bereit, jemanden vor dem Ertrinken zu retten - oder Streit zwischen Badegästen zu schlichten. "Bisher ist zum Glück noch nichts Schlimmes passiert." 

Lange Zeit waren in den städtischen Bädern ausschließlich Männer in Sachen Sicherheit unterwegs. Erst seit ein paar Jahren erledigen auch vereinzelt Frauen diesen Job. Von 110 BassinaufseherInnen - so die offizielle Berufsbezeichnung für den Wiener Badewaschel - sind derzeit vier weiblich. 

Ein Gutteil der Frauen, die sich für den Beruf interessieren, scheitert laut zuständiger Magistratsabteilung an der umfangreichen Schwimmprüfung. 200 Meter Brust-, 100 Meter Rückenschwimmen, 25 Meter Streckentauchen, zweimal hintereinander einen fünf Kilo schweren Ring aus fünf Metern Tiefe tauchen - für Bayer war das alles kein Problem. Schließlich schwimmt die gebürtige Moldawierin seit ihrem 8. Lebensjahr mehrmals pro Woche. Nach einem Autounfall, bei dem sie sich schwere Rückenverletzungen zuzog, empfahl der Arzt ihren Eltern, regelmäßig mit ihr schwimmen zu gehen. "Seit damals habe ich nie mehr damit aufgehört", sagt die 45-Jährige. Nach dem Sportinternat besuchte Bayer die Sport-Uni in Kiew, nach ein paar Jahren als Profi-Schwimmerin arbeitete sie schließlich als Trainerin. "Dabei wollte ich eigentlich immer Meeresbiologin werden - aber mein Schwimmtrainer hat es mir damals ausgeredet." 

An der Alten Donau gefällt es Bayer inzwischen aber fast genauso gut wie am Meer. "Ich mag die Leute hier sehr. Und bin froh, dass ich wieder etwas mit Wasser zu tun habe." Seit neun Jahren ist Bayer - Mutter zweier erwachsener Söhne - mit einem Österreicher verheiratet. Die ersten Jahre in Wien arbeitete sie als Zimmermädchen. Bis ihr Mann auf gut Glück im Angelibad anrief und nachfragte, ob dort noch eine Bademeisterin gebraucht werde - und ihr prompt ein Ausbildungsplatz angeboten wurde. 

Körperlich arbeiten muss Bayer auch im Freibad: Von 7 bis 9 Uhr reinigt sie täglich Wiese und Uferbereich, fischt Algen aus dem Wasser. Wenn das Bad im Oktober zusperrt, beginnt für Bayer jener Teil des Jahres, in dem sie sich ausschließlich um den Haushalt kümmert. "In den ersten paar Wochen bin ich dann auch immer ganz froh, wenn ich nicht allzu viele Menschen sehe." (Martina Stemmer, DER STANDARD, Print, 28.7.2009)

  • Elionora Bayer, seit fünf Jahren im Angelibad beschäftigt: „Eigentlich
wollte ich Meeresbiologin werden. Aber mein Schwimmtrainer in Kiew hat
mir das damals ausgeredet."
    foto: standard/urban

    Elionora Bayer, seit fünf Jahren im Angelibad beschäftigt: „Eigentlich wollte ich Meeresbiologin werden. Aber mein Schwimmtrainer in Kiew hat mir das damals ausgeredet."

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