Gesamter Vorstand zurückgetreten

27. Juli 2009, 16:46
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Weil die Israelitische Kultus­ge­meinde den Zugang zu ihrem Archiv blockiert, legte das siebenköpfige Leitungsgremium seine Arbeit nieder

Wien - Eklat im Wiesenthal-Institut: Wie der Standard erfahren hat, ist vergangene Woche der gesamte siebenköpfige Vorstand des zeitgeschichtlichen Projekts, das sich mit Holocaust-Studien befasst, aus Protest zurückgetreten.

Der Politologe Anton Pelinka, der nun quasi Exvorstandsvorsitzender des Wiesenthal-Instituts ist, bestätigt auch die Rücktritte renommierter Wissenschafter wie Bertrand Perz von der Uni Wien oder Brigitte Bailer-Galanda vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes. "Wir haben nicht die zugesagten Möglichkeiten eines Zugangs zum Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde bekommen, was jedoch eine Voraussetzung für die Durchführung des Projekts ist" , begründet Pelinka die Entscheidung des Gremiums.

Hintergrund: Das Archiv der Kultusgemeinde (IKG) soll der weltweit größte erhaltene Bestand einer jüdischen Gemeinde sein, tausende Verwaltungsakten, Korrespondenzen, Karteien und Bücher finden sich dort. Nach Absprache mit der IKG hat das Wiesenthal-Institut bereits Fördergelder vom Finanzministerium und der Stadt Wien zugesagt bekommen, etwa für eine Digitalisierung des Archivs. Die entsprechenden Geräte wurden dafür bereits angeschafft, Personal wurde angeheuert. Doch dem Vernehmen nach sperrt sich der Vorstand der IKG nun seit einem halben Jahr gegen eine Öffnung seines Archivs. Damit konfrontiert, erklärt Pelinka: "Ja, es geht um finanzielle Redlichkeit. Und wir können dafür nicht mehr die Verantwortung übernehmen."

Ein Insider vermutet Konflikte innerhalb der jüdischen Gemeinde als Ursache für die Blockade des Archivs. "Da gibt es von manchen anscheinend die abstruse Sorge, dass man ihnen etwas wegnehmen will" , die jedoch Avshalom Hodik, als ehemaliger Generalsekretär selbst IKG-Mitglied, offenbar nicht teilt. Denn auch er ist als Vorstandsmitglied des Wiesenthal-Instituts zurückgetreten.

Ariel Muzicant, Präsident der Kultusgemeinde, ist bis Ende August auf Urlaub, bis dahin, will er die Angelegenheit nicht kommentieren. "Wir werden das nach meiner Rückkehr besprechen" , sagt er.

Droht mit dem Abgang des Vorstandes nun das vorzeitige Aus für das Forschungszentrum? Derzeit befindet sich das Wiesenthal-Institut mit Mitarbeitern und Büro in einer Vorlaufphase, ab 2012 sollte der Vollbetrieb im Palais Strozzi in der Wiener Josefstädter Straße aufgenommen werden. Pelinka: "Jene Institute, die das Wiesenthal-Institut tragen, brauchen eine Gewähr, dass die Arbeit in vereinbarter Form möglich ist. Erst dann können die Institute auch einen neuen Vorstand bestellen." (Peter Mayr, Nina Weißensteiner, DER STANDARD, Printausgabe, 28.7.2009)

  • Politologe Pelinka, bisher Vorstandsvorsitzender des
Wiesenthal-Instituts, zu den Rücktritten: "Es geht um finanzielle
Redlichkeit."
    foto:standard/newald

    Politologe Pelinka, bisher Vorstandsvorsitzender des Wiesenthal-Instituts, zu den Rücktritten: "Es geht um finanzielle Redlichkeit."

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