Türschnallenplastik-sackerlblues

27. Juli 2009, 20:27
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Es ist nur eine Kleinigkeit, die Frau B. ärgert. Aber eine Antwort, meint sie, habe sie dennoch verdient

Es war vor zwei Wochen. Da schrieb Frau B. einen Brief. Aber weil sie glaubt, dass manche Briefe recht rasch in diversen Rundordnern entsorgt werden, nachdem man dem oder der Briefschreiberein ein zwar höfliches, nichtsdestotrotz aber unverbindlich-nichtssagendes Antwortschreiben zukommen gelassen hat, schickte sie den Brief - der in Wirklichkeit ein Mail war - auch an ein paar andere Adressen. Weil gut sichtbare cc-Adressen mit Medien-Domains manchmal Wunder wirken können.

Frau B. schrieb an die Werbesackerlzusteller der Firma Feibra. Wegen, wie sie selbst sagt, einer Kleinigkeit. Aber wie es Kleinigkeiten eigen ist, bohrte sich auch diese Lappalie mehr und mehr ins Nervenkostüm von Frau B. Nicht wirklich schmerzhaft, aber doch so, dass sie sich jedes Mal, wenn da ein Sackerl an ihrer Wohnungstür hing, ein wenig ärgerte. Und das, meinte sie, müsse ja nicht sein. Schließlich hängen die Sackerln fast jeden Tag da.

Erst recht, weil Frau B. davon ausgeht, dass das was sie ärgert weder aus Absicht noch aus Bosheit passiert: manche Dinge, weiß sie, sind einfach so, wie sie sind, weil eben so sind. Und weil sich niemand die Mühe macht, darüber nachzudenken. Oder sie anzusprechen: In ein laufendes und funktionierendes System greift man nur ungern ein. Aber alles Weitere soll Frau B. selbst erzählen.

Frau B schreibt

"Sehr geehrte Damen und Herren von feibra,
Wie jeder Wiener und jede Wienerin finde auch ich fast täglich eines ihrer orangen Plastiksackerl, gefüllt mit Werbeprospekten, an meiner Haustüre. So weit, so gut."

"Nun kenne ich (mich eingeschlossen) aber genügend Menschen, die ebenjene Sackerl "ungschauter" von der Türklinke zupfen, in ihre schwitzige Faust knüllen und beim Außer-Haus-Gehen nonchalant in der Papiertonne versenken. Ohne das Plastiksackerl vom papiernen Inhalt zu trennen."

"Wiewohl ich mich bemühe, Plastikverpackung und Papiercontent zu trennen, bevor ich die Prospekte wahlweise dem Papiercontainer oder meinem Gemüt zuführe, gelingt mir dies offen gestanden auch nicht immer. Und dies schadet nicht nur mir, sondern auch der Umwelt."

"In diesem Sinne möchte ich Sie gerne auffordern, Ihre (umweltunfreundlichen) Plastiksackerln doch in Papiersackerln umzuwandeln. Nicht nur wären sämtliche Druckformen weiterhin möglich, die Sie auf Ihrer Homepage anpreisen, es wäre auch ein Beitrag für die Umwelt und würde durch angenehmere Haptik vielleicht auch dafür sorgen, dass die Sackerln lieber in die Hand genommen und der Inhalt eher gelesen werden würde."

"Ich hoffe, Sie lassen sich meinen Vorschlag zumindest durch den Kopf gehen, und verbleibe mit freundlichen Grüßen, Mag B."

Das Mail hat Frau B. am 15. Juli abgeschickt. Bisher hat sie keine Antwort darauf erhalten. Nicht einmal eine von einem Automaten oder einem ähnlich desinteressierten Servicecenterpraktikanten geschriebene. Aber die orangen Plastiksackerln hängen nach wie vor regelmäßig an der Wohnungstür - und Frau B. ärgert sich seither eine Spur mehr. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 27. Juli 2009)


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