"Traditionspflege" von Meinl bis Eskimo - Von Markus Wailand
Stell dir vor, auf einer Hauswand steht "Neger raus", und in weniger als 24 Stunden ist die Beschmierung von Beamten der nahegelegenen Polizeistation als Delikt nach dem Verhetzungsparagrafen bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Als der Übermal-Trupp der MA 48 anrückt, um die Hetzparole zu entfernen, bleiben die Farbroller trocken: Diesmal waren die Bürger schneller als ihre Stadtverwaltung. Auf dem Fußballplatz beleidigt ein Zuschauer einen Spieler aufgrund seiner afrikanischen Herkunft, und ein Chor von umstehenden Zusehern komplementiert den Sportsfreund lautstark von der Tribüne. Ein Zeitungsartikel mit eindeutig rassistischen Argumenten setzt der Diskussion ums Bleiberecht die Krone auf, und es hagelt Leserbriefe, Abokündigungen und Inseratenstornos. Im Supermarkt gibt's ein Eisdessert mit Namen "Mohr im Hemd", und keiner kauft es. Ein feines Stück Science-Fiction: Politisch progressive Kollektivkräfte rocken die Welthauptstadt Wien.
Traum - und Wirklichkeit? Die Zahl an Personen aus meinem Bekanntenkreis, die mit Fettkreide loszieht, um die Stadt mit rassistischen Parolen zuzuschmieren, ist null. Was auch für eine absurde Vorstellung. Wenn es um die traditionelle Nachspeisenkarte in einer g'standenen Gastwirtschaft geht, wäre ich schon bedeutend vorsichtiger. Oder bei der retroseligen Kreation eines Eisdesserts für den Hausgebrauch. Ein "Mohr im Hemd" ist schnell bestellt, ein Plakatsujet wie jetzt die rassistische "I will Mohr"-Eisbombe reflexartig als unbedenklich entschärft. Wo ist denn das Problem? Schwarze Menschen fühlen sich diskriminiert, wenn ihre Geschichte als Opfer von Kolonialismus und Sklaverei auch noch im Mehlspeisenformat aufbereitet wird - geh, bitte. So ist das doch nicht gemeint. Ach was, das ist Tradition, nicht Rassismus. Nicht immer gleich die Keule schwingen. Außerdem ist es doch fast ein Lob: schwarze Menschen in weißen Hemden, die sind einfach zum Anbeißen! Und wie sollte man es sonst nennen, Schokogugelhupf mit Schlag vielleicht?
Die Diskussion gleicht jener um das Logo von Julius Meinl, die vor etwa einem Jahr durch die Initiative "Mein Julius" erneut angefacht wurde. "Mein Julius hat keine Lust mehr auf ein dienstbotenartig gesenktes Haupt", beginnt der Text zur Erklärung der Kritik am Logo des Handelshauses. Als der Standard in einer Notiz über die Initiative "Mein Julius" berichtete, explodierte unter den Online-Leser-Innen eine Diskussion um die Widersinnigkeit der Kritik, wo die gesamte Bandbreite an beschwichtigenden, verharmlosenden und schlicht zynisch-rassistischen Kommentaren aufgefahren wurde.
Anderes Logo, gleiche Logik
Auch hier immer wieder der Hinweis auf "Geschichte" und "Tradition" - Tenor: Wir lassen uns unseren "Mohren" nicht schlechtreden. Die aktive Gestaltung gegenwärtiger, gesellschaftlicher Verhältnisse interessierte nur die wenigsten Poster. Doch wer - zu Recht! - gegen die rassistische Hetze auf Wiener Hausmauern wettert, kann mit der Kritik vor der Plakatwand daneben nicht haltmachen. Wahrscheinlich wird der Unilever-Konzern nicht sofort aus seinem Eistraum erwachen, ebenso wenig wie der Meinl-Konzern "sein" Logo zu ändern bereit war. Der Verehrung und Verklärung rassistischer Stereotype als nostalgischer Kultobjekte entgegenzutreten ist aber eine individuelle Entscheidung; der mögliche Effekt eine Frage kollektiver Kräfte. (Markus Wailand, DER STANDARD; Printausgabe, 27.7.2009)
Zur Person
Markus Wailand ist Regisseur des Dokumentarfilms "Here to Stay. Rassismus in Wien" und Mitinitiator von www.meinjulius.at
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