In Großbritannien hat sich die Zahl der Schweinegrippe-Fälle in der letzten Woche verdoppelt
Seinen Sommerurlaub kann er erst einmal vergessen, denn er ist Großbritanniens höchster Gesundheitsbeamter: Sir Liam Donaldson, der "Chief Medical Officer" des Königreichs, hat im Moment alle Hände voll zu tun. Die Zahl der Schweinegrippe-Fälle in Großbritannien verdoppelte sich in der letzten Woche auf rund 100.000 Erkrankte. Noch bleibt die Zahl der Todesfälle bei 30 stabil.
Aber die H1N1-Influenza wächst sich, so Donaldson, "zur größten Herausforderung seit Generationen" für den staatlichen Gesundheitsdienst NHS aus. Sir Liams Job ist es, die Risiken einzuschätzen, eine Strategie zu entwickeln und die Bevölkerung zu informieren. Schon vor vier Jahren, als die Hühnergrippe aus Hongkong auf der Bildfläche erschien, forderte der 60-Jährige eindringlich, die Nation für eine mögliche Pandemie zu rüsten. Als Konsequenz daraus hat Großbritannien heute eine der größten Reserven von Tamiflu, einem der wenigen Medikamente, die gegen die Schweinegrippe helfen, und wird auch als eines der ersten Länder Anfang September den Impfstoff gegen H1N1 erhalten. Bis Weihnachten soll Großbritannien 60 Millionen Dosen bekommen.
So gesehen scheint die Nation gerüstet. Doch zur Aufgabe von Donaldson gehört auch die Kommunikation mit der Öffentlichkeit, die im Moment nicht so recht weiß, ob sie den traditionellen britischen Stoizismus wahren oder in Panik verfallen soll. Sich anscheinend widersprechende Ratschläge der Regierung haben dabei nicht geholfen. Noch vor wenigen Wochen wies Donaldson Schulen an, zu schließen, sobald dort ein Fall von Schweinegrippe auftauchte. Heute lautet der Rat, sie offenzuhalten.
Eltern bekommen auch nicht mehr eine prophylaktische Zuteilung von Tamiflu: Das Medikament bleibt den schwereren Fällen vorbehalten. Hinter dem Strategiewechsel steht die Erkenntnis, dass eine Eindämmung der Krankheit unmöglich ist. Nachdem im ganzen Land Krankheitsherde aufgetaucht sind, ist eine Isolierung von Einzelfällen sinnlos geworden.
Leichenhalle in Katakomben
Donaldson wurde nicht müde, in den letzten Tagen einen neuen Service der Regierung zu propagieren. Telefonzentralen und ein Internetportal, die "National Pandemic Flu Service"-Webseite, sind die wichtigsten Mittel im Kampf gegen die Grippe. Hier können sich die Briten eine Ferndiagnose erstellen lassen. Wer Fieber hat und zwei der sechs typischen Symptome wie Husten, Halsschmerzen, Nasenlaufen, Gliederschmerzen, Kopfschmerzen oder Erbrechen aufweist, wird nun offiziell als Schweinegrippe-Erkrankter eingeordnet und erhält eine Verschreibung von Tamiflu. Ein sogenannter "Grippefreund" kann dann das Medikament von zentralen Verteilungsstellen abholen.
Wenn das Virus mutiert, könnten bis zu 65.000 Menschen an H1N1 sterben. Im Südwesten Englands würde dann vorübergehend eine unterirdische Grabstätte als Leichenhalle benutzt. Das teilte ein Sprecher der Stadt Exeter mit. Die Katakomben aus dem 19. Jahrhundert sind normalerweise eine Touristenattraktion. (Jochen Wittmann aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 27. Juli 2009)