"Die Wunde wird größer und größer"

26. Juli 2009, 18:48
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Fast 50 Millionen Amerikaner haben keine Krankenversicherung - Präsident Obama will diesen Missstand beheben

Bis es soweit ist, finden Bedürftige nur in Notcamps Hilfe. Ein Lokalaugenschein in Virginia.

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Margaret Bowd weiß, dass er raus muss, der Zweite vorn links. Der Zahn wackelt, sicher werden sie ihn ziehen. Es geht nicht anders, auch wenn dann nur noch sieben übrig sind, krumm und schief gewachsen, aber zumindest noch da.

Wie vereinzelte Ruinen ragen die Reste aus Margarets Kiefer. Die 57-Jährige klagt nicht, sie nimmt es mit stoischer Ruhe. Sie sitzt auf einem harten Plastikstuhl unter Zeltbahnen, ein paar Minuten noch, dann wird sie aufgerufen. Dann greift eine erfahrene Zahnärztin zur Zange. Sie wird es kostenlos tun, das ist am wichtigsten. In der Praxis, in der sie Margaret Bowd im Herbst einen Zahn zogen, wurden ihr 207 Dollar in Rechnung gestellt. Auf einmal kann die arbeitslose Näherin so eine Summe nicht stemmen. Sie musste sie abstottern, in Monatsraten zu 20 Dollar.

88 Liegen, dicht an dicht

Es ist kein normaler Zahnarztstuhl, auf dem sie gleich Platz nehmen wird, es ist mehr eine Klappliege. 88 Liegen stehen dicht an dicht unter luftigen Zeltbahnen, in acht Reihen, die an ein Fließband denken lassen. Kabel schlängeln sich über den Schotter, es riecht nach sterilisierenden Flüssigkeiten. Es gibt weder Vorhänge noch Trennwände noch sonst etwas, was Privatsphäre vermittelt. "Ist mir alles egal" , sagt Margaret. "Hauptsache, sie helfen mir."

Sie hat sich angestellt, als es noch dunkel war, um fünf Uhr früh. Die Nummer 188, die sie an der Anmeldung bekam, steht in schwarz gemalten Ziffern auf dem linken Handrücken. Am Handgelenk trägt sie zwei schmale Bänder. Auf einem steht "Zahn" , auf dem anderen "Optik" . Heute noch geht sie mit einer neuen Brille nach Hause, das heißt, mit einem alten Gestell und neuen Gläsern, die an Ort und Stelle geschliffen werden.

Katherine Fischer gönnt sich keine Pause, auch zu Mittag nicht, als die Hitze Virginias zu drücken beginnt. Tochter Chelsea reicht ihr die Instrumente, während Sohn Harrison drei Reihen weiter hilft. Chelsea will Medizin studieren, Harrison steuert bereits aufs Examen zu. "Es ist wichtig, dass sie das mal kennen lernen" , sagt ihre Mutter und spricht von der Not, vom Skandal, vom Gemeinschaftsgefühl und der Zufriedenheit, die ein Arzt nach so einem Einsatz empfinde. "Aber ich könnte es mir nicht leisten, hier Zahnärztin zu sein. Es rechnet sich nicht."

Allein die Ausbildung kostet dreißig- bis vierzigtausend Dollar pro Jahr. Fischer kennt junge Kollegen, die stehen nach dem Studium mit 250.000 Dollar in der Kreide, ohne dass sie ihre Praxis schon vollständig eingerichtet hätten. "In New York oder Washington holst du das bald wieder rein. Hier unten bleibst du ewig auf deinen Schulden sitzen." Zu wenige Patienten sind versichert, kaum einer kann eine Behandlung selbst bezahlen, deshalb bleibt das Wise County ein weißer Fleck auf der dentalen Landkarte Amerikas. Und deshalb muss Teresa Gardner in diesem scheinbar idyllischen Winkel der Appalachen einmal im Jahr ein medizinisches Notlager aufbauen. "Es ist ein Pflaster" , meint die Lokalchefin des Hilfswerks Remote Area Medical. "Das Problem ist nur, dass die Wunde von Jahr zu Jahr größer wird."

In Washington dreht sich alles um die Gesundheitsreform. Barack Obama will ein Wahlversprechen einlösen und die universale Krankenversicherung einführen: Je konkreter der Plan, desto hitziger wird die Debatte. Acht Autostunden südwestlich der Hauptstadt, im Coal Country der Appalachen, zeigt sich, zu welchen Improvisations-Kunststücken ein System zwingt, das 47 Millionen Amerikaner einfach ausgrenzt. An drei Tagen im Juli wird eine Wiese bei Wise zum medizinischen Massencamp. 1999, als das Lager Premiere hatte, reichte noch eine kleine Flugzeughalle. Heute ist das größte Gelände der Stadt gerade groß genug. Pro Tag kommen 1600 Frühaufsteher, die eine Nummer ergattern konnten. Auf der Hurricane Road, die sich auf die Wiese schlängelt, staut sich morgens ein fünf Kilometer langer Autowurm. Wird das alles überflüssig mit der Reform? Gardner guckt skeptisch, für sie ist das alles weit weg. "Show me the money" , sagt sie.

Diabetes, Asthma, Bluthochdruck, Herzprobleme, geschwollene Beine - Velvet Herron zählt im Stakkato auf, woran sie leidet. Die Vierzigjährige mit den aschblonden Strähnen hat das Gesicht einer Sechzigjährigen. Auf dem T-Shirt, das sie trägt, sind die Worte "happy" und "sleepy" rot durchgestrichen, nur "grumpy" , mürrisch, bleibt stehen.

2004 hatte Velvet zum letzten Mal Arbeit, als Kellnerin. Versicherungsschutz hatte sie nie. Die Mom-and-Pop-Shops, die typischen Drei-Mann-Betriebe der Armengegend, können es sich nicht leisten, ihren Beschäftigen die Versicherung zu zahlen, wie es sonst üblich ist in den USA. "Wir schlagen nur noch die Zeit tot" , sagt Velvet und guckt zu Lynn, ihrem Mann, der sich die nächste Zigarette anzündet. Bis Mitternacht sitzen die beiden vorm Fernseher, gegessen wird nebenbei, auf dem Sofa. Einmal am Tag gibt es was Warmes, meist Schweinefleisch, "ansonsten mögen wir Snacks" , ergänzt Lynn. Velvet wartet nur noch darauf, dass sie ein Doktor berufsunfähig schreibt. Dann winkt eine Invalidenrente, die die überaus karge Sozialhilfe praktisch ersetzt.

Teure Medikamente

Deborah Honaker ist anders als die vielen Machos mit ihren ärmellosen Sternenbanner-Hemden. Sie trägt Blümchenbluse, ihre Hände umklammern eine Tasche, sie war Buchhalterin, Mittelklasse. Ihr Mann Bobby arbeitet bei der Baltimore & Ohio Railroad. Als pensionierter Beamter bezieht er obendrein einen Rentenscheck. Die Honakers sind krankenversichert, allein Deborah zahlt monatlich 400 Dollar an Blue Cross & Blue Shield. Und trotzdem wächst der Schuldenberg. Weil sie 21 verschiedene Tabletten schlucken muss und die Versicherung bei weitem nicht alles abdeckt, muss sie jeden Monat 800 Dollar aus eigener Tasche zahlen. Sie steckt tief im Minus, "ich werde das nie abzahlen können, ich müsste im Lotto gewinnen" . Nebenan teilt eine Apothekerin Listen aus. Es sind die Vier-Dollar-Listen der Supermarktkette Wal-Mart, die Generika für einen Bruchteil dessen anbietet, was Markenmedikamente kosten.

"Dass wir hier sein müssen, zeigt nur, wie kaputt das System ist." Stan Brock - graues Haar, kurzärmeliges Hemd in Khaki - hat sich den distanzierten Blick eines Ausländers bewahrt. Der frühere Tierfilmer stammt aus England, einen Großteil seines Lebens verbrachte er am Amazonas, bei den Wapishana-Indianern. 1985 gründete er Remote Area Medical, eine Freiwilligentruppe für schwer zugängliche Gebiete. Brock half in Guyana und Guatemala, heute tourt er durch die Grubenreviere von Kentucky, Tennessee und Virginia. "64 Prozent von dem, was wir tun, tun wir in den USA." Legt er Schwarzweißfotos nebeneinander, hier die Notbedürftigen Guatemalas, dort die der Appalachen, erkennt er keinerlei Unterschied. "Außer dass in den Appalachen noch mehr Menschen bei uns Schlange stehen." (Frank Herrmann aus Wise/DER STANDARD, Printausgabe, 27.7.2009)

  • Das Camp von Remote Area Medical im Wise County, einer der ärmsten Gegenden der USA. Dutzende Ärzte kommen einmal im Jahr als Freiwillige hierher, um nichtversicherte Bürger zu versorgen.Fotos: Herrmann
    foto: standard/herrmann

    Das Camp von Remote Area Medical im Wise County, einer der ärmsten Gegenden der USA. Dutzende Ärzte kommen einmal im Jahr als Freiwillige hierher, um nichtversicherte Bürger zu versorgen.Fotos: Herrmann

  • Stan Brock ist der Gründer der Hilfsorganisation, die ihren Schwerpunkt heute nicht mehr in Lateinamerika, sondern in den USA hat und vor allem auch Behinderten und chronisch Kranken hilft.
    foto: standard/herrmann

    Stan Brock ist der Gründer der Hilfsorganisation, die ihren Schwerpunkt heute nicht mehr in Lateinamerika, sondern in den USA hat und vor allem auch Behinderten und chronisch Kranken hilft.

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