Streichkäse fürs Traumschiff

26. Juli 2009, 17:40
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Konsensfähiger Wohlklang: Bill Laswell und Gigi Shibabaw beim Festival in Krems

Krems - Man sieht sie noch immer: Mütter und Väter, die sich den Babysitter sparen und ihre Kleinkinder mit auf viel zu laute Konzerte tragen, damit sie auch ordentlich musikalisch werden. Neben deren fröhlichen, den Ober- vom Unterkörper entkoppelnden Beckentänzen sah man zum Höhepunkt des Welt- und Volksmusik-Festivals Glatt & Verkehrt in der Kremser Sandgrube 1 am Wochenende allerdings auch noch Spiegelkäppchen, orange Beinkleider, Batikzelte, getöpferte Che-Guevara-Barette, Pullover auf Reisen. Rapunzel, lass dein Haar herunter. Und: Johnny Rotten, du bist nicht vergessen!

Während von der Gastronomie her der Odem eines ungenießbaren indischen Currys über diesem bunten Treiben lag, ertönten auf der Bühne entrückte Klänge des äthiopischen Duos Alemu Aga und Alemayehu Fanta. Der Themenabend "Äthiopien: Die neue Blume Addis" wurde mit sanftem Improvisationsgesang und Kastenleier wie Teufelsharfe eingeleitet.

Danach ging es mit dem legendären New Yorker Produzenten und Bassisten Bill Laswell und seiner Frau Ejigayehu "Gigi" Shibabaw ebenfalls Richtung Addis Abbeba. Nach seinen Anfängen mit dem Trio Material Ende der 1970er-Jahre und seinen legendären Versuchsanordnungen zwischen freien Rockimprovisationen und avantgardistischer Disco - eine gewisse Whitney Houston entdeckte er zu dieser Zeit - tanzte der 54-Jährige auf jedem Tanzboden, den die Welt zu bieten hat. Brachialer Jazz-Punk mit Last Exit, wegweisende Experimente im Bereich Dub, hunderte Produktionen für Ornette Coleman, Herbie Hancock, Iggy Pop, Motörhead oder diverse Weltmusiker zeugen davon.

Interessant dabei, dass er sich nun mit Gattin und Material (hochversierte Jazzer wie Drummer Hamid Drake und Trompeter Steve Bernstein) einer Melange aus Dub, Reggae, Funk und äthiopischen Klängen widmet, die man so auch im TV-Hauptabend hören könnte - wenn das "Traumschiff" einmal in Äthiopien Station machen würde.

Mit an Stefanie Werger und Austropop gemahnenden Streichkäse-Keyboards und Gigis Richtung Enya ins Falsett kippender Glückseligkeitsstimme hat sich Laswell dem konsensfähigen Wohlklang verdächtig angenähert. Das freute alle Beckentänzer, entsetzte allerdings Fans, die sich etwas kräftigere Sounds erwartet hatten. (Christian Schachinger/DER STANDARD, Printausgabe, 27. 7. 2009)

  • Kulinarische Melange: Bill Laswell mit Gigi Shibabaw.
    foto: f. schulte

    Kulinarische Melange: Bill Laswell mit Gigi Shibabaw.

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