Tanzen, bis das Blut gefriert

26. Juli 2009, 17:35
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Wim Vandekeybussieht schwarz, Ann Liv Young wütet mit Trash, und Davis Freeman macht von der Schusswaffe Gebrauch: Impulstanz zeigt sich von der dunklen Seite

Wien - Eine Finsternis zieht durch das neueste Stück des belgischen Choreografen Wim Vandekeybus. Passend also der Titel nieuwZwart (zu Deutsch "neues Schwarz" ). Schwärzester Humor bestimmt die jüngste Arbeit The Bagwell in me der amerikanischen Choreografin Ann Liv Young. Und auf die Nachtseiten der menschlichen Psyche weist der aus den USA stammende Belgier Davis Freeman in What you need to know hin.

Schon Menske, Vandekeybus' nebelverhangene Action, die Impulstanz im Vorjahr zeigte, war von einer menetekelhaften Endzeitstimmung getragen. Wie dessen Sequel, das an Dantes Höllenvisionen erinnert, kommt nun nieuwZwart daher: Eine Restgesellschaft tanzt in einer Unterwelt mit waberndem Boden, der sich in eine Kraterlandschaft verwandelt. Über der Szene schweben Rockmusiker auf einer Plattform.

Eine schöne Erzählerin trägt die apokalyptischen Wahnbilder eines Wanderers durch die Sümpfe des Seins vor. Sie wirkt wie eine Abgesandte jener Porteuses de mauvaises nouvelles (in etwa: Hiobsbotschafterinnen), die Vandekeybus 2007 nach Wien hat tanzen lassen, und sie hat Gewalt und Wahn, aufgegebene Hoffnungen und damit ein schwer erträgliches Pathos mitgebracht. In diesem lässt der Choreograf seinen Diskurskarren steckenbleiben.

Ganz anders geht Maguy Marin vor, deren zerbrochene May B-Gesellschaft von einer Beckett'schen Ironie dirigiert wird. Diese unromantische Haltung führt sie - werkbiografisch - später zu einer ebenfalls menetekelhaften Reflexion unserer Umwelt (so der Stücktitel, beide Arbeiten sind demnächst bei Impulstanz zu sehen).

Marin lenkt also ihre Visionen nicht poetisch von der Wirklichkeit ab, sondern schießt sie direkt in die schwankenden Gesellschaftssysteme der Gegenwart hinein. Das erinnert an die abgründigen Arbeiten der nach Europa emigrierten Amerikanerin Meg Stuart, etwa No Longer Readymade oder Visitors Only, die aus dem Tragischen ins grotesk Komödiantische überflossen, das einem schier das Blut in den Adern gefrieren ließ. Die New Yorkerin Ann Liv Young treibt nun auf die Spitze, was Stuart angerissen hat. Ihre Ästhetik lässt sich mit Werken von Annie Sprinkle und Carolee Schneemann ebenso verbinden wie mit den mülligen Performances von Anne Iobst und Lucy Sexton (Dancenoise) aus den frühen 90ern.

Youngs The Bagwell in me ist eine Show über die Tragödie von Oney Judge, der schwarzen Sklavin im Haus des amerikanischen Präsidenten George Washington und seiner Frau Martha. Rassismus und Machtmissbrauch werden mit verzerrten Stimmen, wüstem Gesang sowie punkigem Tanz und Spiel serviert. Young quittiert das kollektive Wegschielen der Spaßgesellschaft von ihren dunklen Flecken mit Sexdarstellungen und direkten Konfrontationen mit dem Publikum. Aber dazu eben mit einem gnadenlos bösen Witz und ständiger Unterbrechung der Show, um Illusionismus und Sicherheitsgefühl im Theater zu zerstören.

Diese Künstlerin ist eine politisch angriffslustige Draufgängerin und heute die wahrscheinlich wichtigste amerikanische Choreografin ihrer Generation. Sie paktiert weder mit Bürgern noch mit Bobos und bietet, wie im Film auch Sacha Baron Cohen (Borat, Brüno), kaum Nischen dafür an, sich mit ihren Figuren zu identifizieren.

Bei Davis Freemans What you need to know wurde das Publikum eingeladen, sich in Selbstverteidigung zu üben und mit Theaterwaffen auf Tänzer zu schießen. Sich also mit den eigenen Abgründen zu identifizieren. Die Wiener Theaterpolizei verbot Freeman allerdings, den Zuschauern die Waffen zum Gebrauch in der Performance auszuhändigen. Ist das nun Übervorsicht oder schon Zensur?

The Bagwell in me ist am Montag im Wiener Schauspielhaus zu sehen. nieuwZwart wird am 28. und 29. Juli auch bei Linz 09 gezeigt. (Helmut Ploebst/DER STANDARD, Printausgabe, 27. 7. 2009)

  • Tanz in der Unterwelt: Die jüngste Arbeit des belgischen
Choreografen Wim Vandekeybus, "nieuwZwart" ist in Wien und Linz zu Gast.
 
    foto: impulstanz

    Tanz in der Unterwelt: Die jüngste Arbeit des belgischen Choreografen Wim Vandekeybus, "nieuwZwart" ist in Wien und Linz zu Gast.

     

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