"Mehr Derivate führen zu mehr Instabilität"

26. Juli 2009, 17:15
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Der Finanzmathematiker Paul Wilmott erklärt, warum er sich wenig von neuen Regulierungen erwartet

STANDARD: Der Finanzkapitalismus erlebt eine ernste Krise. Hat die Finanzmathematik das System zum Absturz gebracht?

Wilmott: Nicht ganz. Es war nicht die Mathematik an sich, sondern die naive Anwendung von komplexer Mathematik. Viele Menschen in der Finanzbranche haben komplexe Modelle entwickelt und blind an sie geglaubt.

STANDARD: Hat die Krise die Banker skeptischer werden lassen, was ihre Modelle betrifft?

Wilmott: Nein. Derzeit heißt es wieder: Business as usual. Menschen haben ein kurzes Gedächtnis. Sie werden ihr Modell, das vorhin 14 Variablen hatte, analysieren und dann noch eine 15. Variable hinzufügen. Sie ändern das Rezept ein wenig.

Aber in drei Jahren, wenn wieder etwas schiefgeht, müssen sie es wieder ändern.

STANDARD: Das strukturelle Problem der Krise ist also noch nicht gelöst?

Wilmott: So eine Krise wird wieder eintreten. Der einzige Weg, um das zu verhindern, wäre, das Feld der Quantitativen Finance (siehe Kasten) zu öffnen und mehr kritische Gedanken zu erlauben. Es handelt sich bei der Finanzwissenschaft ja nicht um eine Naturwissenschaft. Wir brauchen kreative Menschen in der Bankenbranche, die auch mal sagen dürfen: "Dein Modell ist Mist."

STANDARD: Die Krise muss der perfekte Zeitpunkt sein, um über die Modelle zu diskutieren.

Wilmott: Aber die Kultur in den Banken lässt das nicht zu. Das hat mit den Anreizen und der Bezahlung zu tun. Die Banker wollen die Deals jetzt abschließen, das Produkt jetzt verkaufen, den Bonus jetzt bekommen. Die Bezahlung richtet sich nur nach den kurzfristigen Ergebnissen.

STANDARD: Sollte nicht auch einfach weniger bezahlt werden?

Wilmott: Absolut. Ich verstehe nicht, wieso es in diesem Geschäft um so viel Geld gehen muss. Die Finanzbranche ist dabei einmalig, denn man wird dafür bezahlt, dass man hohe Risiken mit fremdem Geld eingeht.

Stellen Sie sich so etwas in der Medizin vor: Ein Arzt, der für risikoreiche Operationen, die den Patienten das Leben kosten könnten, hoch entlohnt wird.

STANDARD: Die Politik drängt auf neue Regulierungen der Finanzmärkte. Was wird das bringen?

Wilmott: Wenig. Die Menschen finden Wege, um die Regulierungen zu umgehen. Was wir brauchen sind Regulatoren, die vorausschauend agieren. Sie müssen die Spiele kennen, die da am Markt gespielt werden. Sie müssen auch die Werkzeuge und die Modelle kennen, die von Quants in der Praxis verwendet werden. Doch die Regulatoren sind sehr schlecht ausgebildet und sehr schwach, was Quantitative Finance betrifft. Dabei sollten gerade sie die stärksten sein.

STANDARD: Welche Gefahr stellen denn die Derivate dar, die in den vergangenen Jahren auf ein Volumen von mehreren tausend Milliarden Dollar angewachsen sind?

Wilmott: Prinzipiell sind Derivate wie etwa Optionen Nullsummenspiele. Einer kauft die Option, einer verkauft sie. Die Gewinne und Verluste addieren sich auf null. Aber selten werden nur Derivate gehandelt. Banken hedgen ihr Risiko, sie sichern sich ab. Eine Bank, die eine Option auf Aktien von IBM verkauft, kauft noch Aktien des Unternehmens, um das Risiko der Option abzusichern.

STANDARD: Die Derivate beeinflussen damit auch die übrigen Wertpapiermärkte.

Wilmott: Genau, wenn der Markt für Derivate massiv ansteigt und immer mehr Institutionen hedgen, dann wird auch die IBM-Aktie bewegt. Derivate bewegen auch die Wertpapiere, auf die sie sich beziehen. Das ist der Feedback-Effekt. Der Crash von 1987 (der Dow-Jones-Index fiel an einem Tag 22,6 Prozent, Anm.) wird zum Teil auf einen solchen Feedback-Effekt zurückgeführt. Wenn große Börsen für Derivate kreiert werden, könnte das das Gesamtvolumen an Derivaten erhöhen. Mehr Handel führt aber zu mehr Instabilität. (Lukas Sustala, DER STANDARD, Printausgabe, 27.7.2009)

Zur Person

Paul Wilmott ist Finanzmathematiker und Autor. Er gründete wilmott.com und das "Wilmott Journal" , das die Anlaufstelle für kritische Praktiker geworden ist. Er lehrt im postgradualen CQF-Programm (Certificate in Quantitative Finance), das er ins Leben gerufen hat.

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    foto: privat
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