Radikalislamisten wollen in Gazastreifen Befolgung islamischer "Tugenden" durchsetzen
London/Wien - Hochrangige Vertreter der radikalislamischen Hamas hatten kurz vor der Übernahme der Kontrolle des Gazastreifens im Juni 2007 versichert, dass die Organisation nicht die Absicht habe, das islamische Recht, die Scharia, einzuführen. Zwei Jahre danach scheint es jedoch, dass die Hamas nach und nach Bestimmungen im Geiste ihrer Auslegung des Islam durchsetzen will. So würden Frauen von Tugendwächtern angehalten, das islamische Kopftuch zu tragen, berichtete die in London ansässige Zeitung "Al-Quds al-Arabi" ("Arabisches Jerusalem").
Wie die israelische Zeitung "Haaretz" unter Berufung auf das Blatt weiter meldete, hat die Hamas-Regierung in Gaza vor kurzem eine Reihe von Gesetzen erlassen, die einem Verhaltenskodex für Muslime gleichkommen. Zur gleichen Zeit mehren sich Berichte von Bewohnern des Gazastreifens, wonach Patrouillen von Tugendwächtern Frauen zum Tragen des Hijabs, des Kopftuchs, zwingen, insbesondere an den Stränden. Zudem würden abgestellte Autos inspiziert, um zu prüfen, ob sich unverheiratete Paare allein darin aufhalten.
Außerdem verordneten die Justizbehörden in Gaza allen weiblichen Anwälten das Tragen des Hijab während der Gerichtsverhandlungen. Die neue Bestimmung stieß auf den Protest des Verbandes unabhängiger Anwälte. Taher al-Nunu, ein Sprecher der Hamas-Regierung leugnete jedoch vehement die Existenz einer derartigen Verordnung. Die Regierung habe keine Absicht, eine religiöse Gesetzgebung einzuführen, versicherte er.
"Al-Quds al-Arabi" meldete dagegen, Vertreter verschiedener Hamas-Ministerien - Inneres, Religion, Polizei - hätten in speziellen Workshops eine "Allgemeine Moralliste" erstellt, die nach und nach umgesetzt werden dürfte. Es werde erwartet, das die Liste in naher Zukunft in den Medien des Gazastreifens veröffentlicht werde. Die Workshops wurden den Angaben zufolge von Hamas-Justizminister Mohammed al-Ghoul geleitet. Dieser meinte, die palästinensische Gesellschaft gelte als "konservativ", Araber und Muslime müssten "Religion und moralische Werte" schützen.
Sheikh Yusef Farhat, ein hochrangiger Vertreter des Hamas-Religionsministeriums, erklärte der Londoner Zeitung, dass die Liste die Gesellschaft zu tugendhaften Verhalten anhalten solle. So seien darin Bestimmungen enthalten, die etwa verbieten, in "unangemessener Weise in der Nähe von Frauen zu fahren", und diese anzuhupen oder ihnen nachzupfeifen. Auch dürften keine "lusterregenden" Bilder oder Objekte auf den Straßen und in Auslagen gezeigt werden. Massenveranstaltungen, bei denen Männer und Frauen sich berühren könnten, würden verboten.
Ein Hamas-Vertreter sagte, die in der Liste enthaltenen Bestimmungen existierten bereits im palästinensischen Rechtssystem, sie würden aber jetzt in einem Verzeichnis zusammengefasst.(APA)