"Gut, dass wir kein Öl und Gas haben"

24. Juli 2009, 20:52
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Der Gouverneur der südrussischen Region Rostow, Wladimir Tschub, hält eine Wiederholung der Tragöde von Nowotscherkassk in der derzeitigen Krise für nicht möglich

Die Fragen stellte Verena Diethelm.

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STANDARD: Vor fast 50 Jahren fand in Nowotscherkassk ein Massenaufstand unzufriedener Arbeiter statt. Glauben Sie, dass sich dieses Ereignis heute wiederholen kann?

Tschub: Davon kann überhaupt nicht die Rede sein. Die heutige Situation ist eine grundsätzlich andere. Unsere Unternehmen arbeiten. Die, die in Folge von Restrukturierungen ihren Arbeitsplatz verlieren, erhalten Unterstützungen. Sie haben die Möglichkeit, auf der Stelle eine neue Arbeit zu finden. Heute kann man in den Geschäften alles kaufen. Die Preise für sozial bedeutsame Lebensmittel werden streng kontrolliert. Das Gebiet Rostow ist überhaupt eine der stabilsten Regionen Russlands. Die Regierung macht alles, damit der Lebensstandard der Bevölkerung steigt - ungeachtet von irgendwelchen wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

STANDARD: Wie hat sich denn die Krise in Ihrer Region ausgewirkt?

Tschub: In unserer Wirtschaft gibt es eine Reihe positiver Tendenzen. Gemeinsam mit dem Gebiet Wolgograd stehen wir russlandweit an erster Stelle, was den Frachtumschlag angeht. Auch in der Landwirtschaft gibt es eine positive Dynamik. Aber natürlich ist bei uns - wie überall im Land - die Arbeitslosigkeit gestiegen. Die Anzahl der registrierten Arbeitslosen hat sich von 23.000 im Oktober 2008 auf derzeit 39.000 erhöht.

Das ist sicherlich eine der schädlichsten Folgen der Krise. Daher haben wir Maßnahmen ergriffen, um die Situation zu glätten. Wir versuchen neue Arbeitsplätze zu schaffen, indem wir Produktionen ansiedeln. Außerdem haben wir in unserem Budget 200 Millionen Rubel (4,5 Mio. Euro) für Maßnahmen im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit reserviert. In diesem Programm sind unter anderem Umschulungen und Förderungen für Leute, die sich selbstständig machen wollen, enthalten.

STANDARD: Im Süden von Russland gibt es wenig Öl und Gas. Hilft Ihnen das während der Krise?

Tschub:Es ist gut, dass wir kein Öl und Gas haben und unser Budget auch nicht vom Transit abhängt. Dadurch haben sich in unserer Region verschiedene Branchen entwickelt, die nun unsere Wirtschaft stabiler machen.

STANDARD: Ausländische Investoren beklagen sich oft über überbordende Bürokratie und infolgedessen Korruption. Was unternehmen Sie in Rostow dagegen?

Tschub: Ich glaube, dass die Zahlen für sich sprechen: 2008 haben ausländische Investoren mehr als eine Milliarde US-Dollar bei uns investiert - um 26,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch im ersten Quartal 2009 sind die Auslandsinvestitionen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 25,8 Prozent gestiegen. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2008 gehört das Gebiet Rostow zu den drei Regionen mit dem geringsten Investitionsrisiko. (Verena Diethelm/DER STANDARD, Printausgabe, 25.7.2009)

  • Zur PersonWladimir Tschub (61) ist seit 1991 Gouverneur
der Region Rostow. Ein bereits zugesagtes persönliches Interview wurde
kurzfristig abgesagt. Die Beantwortung der Fragen erfolgte dann
schriftlich.

    Zur Person
    Wladimir Tschub (61) ist seit 1991 Gouverneur der Region Rostow. Ein bereits zugesagtes persönliches Interview wurde kurzfristig abgesagt. Die Beantwortung der Fragen erfolgte dann schriftlich.

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