Wirklich Hitlers erstes Opfer?

24. Juli 2009, 19:13
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Zur Wiedergeburt einer längst überwunden geglaubten These zu Österreichs "Anschluss" - von Lucile Dreidemy

Trägt man das Licht in eine Ecke des Raumes, taucht man damit den Rest ins Dunkle," schreibt der Philosoph Francis Bacon. Dies lässt sich anschaulich am gedenkpolitischen Umgang mit Engelbert Dollfuß illustrieren:

Ob anlässlich von Gedenktagen oder von Skandalen im Zusammenhang mit Denkmälern - immer wieder brach die Debatte über Dollfuß als Arbeitermörder oder als Heldenkanzler, bzw. als Wegbereiter des Nationalsozialismus oder als dessen erstes Opfer aus. Man denke nur an den am 10. März 2008 entfachten Eklat, als Otto Habsburg anlässlich einer Gedenkveranstaltung der ÖVP im historischen Reichsratssaal des Parlaments seinen Stolz auf Dollfuß' Widerstand gegen den Nationalsozialismus zum Ausdruck brachte und darüber hinaus die österreichische Diskussion um Österreich als Täter verurteilte.

Die Debatten um Dollfuß' Status als "Hitlers erstes Opfer" fokussierten bis heute immer auf einen Streit über die Tauglichkeit des Opferbegriffes. Kaum hinterfragt wurde bisher jedoch die Bezeichnung "erstes", welche sich doch als höchstproblematisch erweist. Abgesehen von der strittigen Frage, ob Dollfuß´ Tod als vorsätzlicher Mord oder als hingenommener Unfall eingestuft werden soll, war er nämlich nicht der Erste, der durch den seit 1933 andauernden NS-Terror in Österreich ums Leben kam. Bereits Kurt Schuschnigg berichtete 1937 in seinem Werk "Dreimal Österreich" über die tödlichen Mordanschläge der illegalen Nationalsozialisten ab 1933. Die Erwähnung der Opfer bedeutet aber noch nicht ihre Anerkennung. Auf dem Podest des nationalen Märtyrerkultes ist ja nicht für alle Platz. Nach dieser Logik versetzte die in die "Dollfuß-Ecke" im Bundeskanzleramt gestellte Kerze alle anderen Opfer des NS-Terrors in den Schatten des österreichischen Erinnerungsraumes.

Dieser 'Rechenfehler' hatte aber noch weitere Konsequenzen: Es war kein Zufall, dass Otto Habsburg Dollfuß im Zusammenhang mit dem Opfermythos nannte. Vielmehr scheint die Zuspitzung des Opferpostulats eine entscheidende Rolle in der Verwandlung der österreichischen Opferthese in den letzten Jahrzehnten gespielt zu haben.

"Österreich, Hitlers erstes Opfer". Dieser verkürzte Teil der Moskauer Deklaration von 1943, gleichzeitig der fundierende kollektive Opfermythos der Zweiten Republik, wurde spätestens durch den geschichtspolitischen Sturm der 80er- und frühen 90er-Jahre endgültig ins Wanken gebracht. Einen Kontrapunkt zu dieser Entwicklung setzte jedoch bereits Gottfried Karl Kindermann 1984 mit dem Topos: "Dollfuß' Österreich, Hitlers erster Gegner." Aus dem verpönten "Staats-Opfer" wurde ein angeblicher "Staats-Widerstand" und Dollfuß dessen Galionsfigur. Als genüge der Umstand des Todes, um aus einem den Nationalsozialisten gegenüber immerhin annäherungsbereiten Politiker einen Widerstandskämpfer zu machen.

Unter dem aussagekräftigen Titel "Mein Vater, Hitlers erstes Opfer", ging Eva Dollfuß 1994 einen Schritt weiter in der Verwandlung des österreichischen Opfermythos. Schon allein die Auswahl des biographischen Genres trug dem geschichtspolitischen Postulat der frühen 90er Rechnung, dem gemäß kein Kollektiv, sondern nur noch einzelne Bürger Anspruch auf einen Opferstatus haben. Gestützt auf Kindermanns Widerstandstheorie und auf Kurt Waldheims wirksame Pflichtrhetorik schuf die Autorin einen neuen, salonfähigeren typischen Österreicher: Dollfuß als Pflicht-erfüllenden, opferbereiten Widerstandskämpfer, der als der Staatsvertreter, als die Verkörperung des Staates auftritt. Und eben nicht als irgendein Opfer, sondern als "Hitlers erstes Opfer."

Der erste Opfer-Staat wurde somit in der Person seines höchsten Vertreters individualisiert. Inkarniert in der Figur Dollfuß erstand die österreichische Opferthese wie ein Phönix aus der Asche. Dollfuß, der erste Widerstandskämpfer - Österreich, das erste Opfer. So sprach auch Otto Habsburg im März 2008 und erntete dabei Applaus und Jubel.

Einzig der Bezugspunkt änderte sich: aus 1943 wurde 1934. Ansonsten übernahm die neue Opferthese die Botschaft der vorigen: Gegen etwaige "Mitverantwortungsklauseln" behauptete sich erneut das Primat der Widerstandsfloskel. "Trägt man das Licht in eine Ecke des Raums..." (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26. 7. 2009)

Lucile Dreidemy (23) ist Doktorandin an den Universitäten Strasbourg und Wien und Assistentin in Ausbildung am Institut für Zeitgeschichte in Wien. 

  • "Trägt
man das Licht in eine Ecke des Raumes, taucht man damit den Rest ins
Dunkle." - Dollfuß-Gedenkraum im Kanzleramt
    foto: robert newald

    "Trägt man das Licht in eine Ecke des Raumes, taucht man damit den Rest ins Dunkle." - Dollfuß-Gedenkraum im Kanzleramt

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