"Da habe ich mitgeholfen!"

24. Juli 2009, 18:46
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Sie ist die einzige Frau Südafrikas, die derzeit als Kranführerin am Green Point Stadium für die WM 2010 baut - Zoliswa Gila über Hoffnungen und Wirklichkeiten am Kap

der Standard: Sie arbeiten als Südafrikas einzige Kranführerin auf der Baustelle des neuen Fußballstadions in Kapstadt, das für die WM 2010 gebaut wird. Was ist die größte Herausforderung in Ihrem Job?

Zoliswa Gila: Das Rauf- und Runterklettern ist mittlerweile Routine. Schwierig ist es, 10-Tonnen-Lasten zu heben und Zement zu gießen. Ich war sehr nervös, als ich hier vor drei Jahren angefangen habe und plötzlich den Druck zu spüren bekam, die einzige Frau unter 18 Kranführern zu sein. Es war mein erster Job nach meiner Ausbildung. Niemand schien mir zu vertrauen. Mein Vorgesetzter hat mich zunächst in einen anderen Sektor versetzt, weil manche Männer sich am Anfang geweigert haben, mit mir zusammenzuarbeiten.

der Standard: War Ihre Ausbildung speziell für das Projekt Green Point Stadium arrangiert?

Gila: Ja. Die beiden ausführenden Baufirmen haben vor Baubeginn einige Stellen als Kranführer ausgeschrieben, inklusive einem 21-tägigen Theoriekurs und sechs Wochen Praxis. Von 200 Bewerbern schafften es 16 Männer und vier Frauen zur Abschlussprüfung. Bestanden haben 14 Männer - und ich. Auf diese Leistung bin ich sehr stolz. Man kann alles erreichen, wenn man nicht aufhört zu kämpfen. Während des Kurses mussten wir zum Beispiel den gesamten Kran in einer bestimmten Zeit hochklettern. Ich habe noch vor Augen, wie ich den anderen zugesehen und gedacht habe: Das kann ich auch. Als ich unten ankam, wurde mir nur kurz mitgeteilt, dass ich bestanden habe. Ich war ungemein beeindruckt von mir selbst.

der Standard: Wie konnten Sie sich schließlich unter Ihren männlichen Kollegen behaupten?

Gila: Ich saß in meinen 90 Meter hohen Kran und habe eine Ladung nach der anderen aufgehoben, während mich alle mit Argusaugen beobachteten. Aber keine meiner Ladungen hat geschwankt! Danach haben sie mir vertraut. Heute wollen alle mit mir zusammenarbeiten. Trotzdem erlaube ich mir keine Fehler. Bestimmt würde es sofort heißen: Weil sie eine Frau ist! Aber ein Kran ist nichts, wovor man Angst haben muss. Es ist nur eine Maschine, die ich steuere. Bediene ich das Ding unachtsam, reagiert es dementsprechend.

der Standard: Wie haben Sie den Besuch von Präsident Jacob Zuma vor ein paar Wochen empfunden, als er Ihnen und Kollegen für die harte Arbeit am neuen Green Point Stadium und jetzt schon zur plangerechten Fertigstellung am 14. Dezember dankte?

Gila: Es war ein aufregender Tag. Er hat mir gesagt, wie stolz er auf mich ist und dass er mich schon im Fernsehen gesehen hat. Bis dahin habe ich die Aufregung um meine Person gar nicht richtig begriffen. Obwohl wir viele, viele Überstunden und an den Wochenenden arbeiten müssen, kann ich es kaum mehr abwarten, bis es fertig ist und ich voll Stolz erzählen kann: Da habe ich mitgeholfen!

der Standard: Welche Auswirkungen wird die im nächsten Jahr stattfindende Fußball-WM für Ihr Land haben - oder lenkt die Euphorie nur von den wirklichen Problemen ab?

Gila: Von meiner Warte aus gesehen, hatte ich vor dem Bau des Stadions keinen Job. Ich habe Fleisch aus Metzgereien weiterverkauft, um etwas Geld zu verdienen, um so für meine Familie und Geschwister zu sorgen. Da meine Eltern vor ein paar Jahren gestorben sind, liegt die Verantwortung bei mir. Mein Bruder hat wenig Glück bei seiner Arbeitssuche; mein Mann ist Busfahrer bei Greyhound und verdient nicht viel. Die WM wird sicher nicht das Leben aller Menschen hier verändern können, aber bestimmt von einigen. Ich bin dankbar für die Ausbildung und die nötige Praxis, mit der ich nun überall arbeiten kann. Aber ehrlich gesagt, hatte ich mir für diesen Beruf aufgrund der Verantwortung, die er mit sich bringt, eine bessere Bezahlung erwartet. Die neue Regierung sollte sich dringend um eine Festsetzung von angemessenen Mindestlöhnen kümmern. Zumindest bessern die vielen Überstunden meinen Verdienst auf.

der Standard: Unterstützen Sie den vorangegangenen Streik und die Forderung von 13 Prozent mehr zum derzeitigen Durchschnittslohn von Euro 250?

Gila: Es ist nur fair, uns entsprechend zu bezahlen. Meine Miete beträgt schon 30 Euro, der Transport zur Arbeit weitere 20 Euro pro Monat. Wir sind schließlich diejenigen, die hart arbeiten. Andererseits haben wir auch keine Wahl. Jede Arbeit ist besser, als zu Hause zu sitzen.

der Standard: Wird trotz des Streiks das Stadion auch wirklich am 14. Dezember fertig sein, wie bereits offiziell angekündigt?

Gila: Nun, es muss. Es wird dann der Fifa übergeben. Die Verzögerungen bedeuten nur, dass wir wahrscheinlich noch mehr Überstunden und Wochenenden als bisher einschieben müssen.

der Standard: Während des Confederation Cups wurde Kritik wegen der zu hohen Kartenpreise laut. Ein ausführlicher Leserbrief in der Tageszeitung "Cape Times" kommentierte, dass der Monatslohn eines durchschnittlichen Fans knapp über 100 Euro beträgt, die billigsten Sitzplätze aber für ca. 140 Euro verkauft wurden.

Gila: Wenn man die hohe Arbeitslosigkeit in den Townships bedenkt, werden sehr viele keine Möglichkeit haben, sich ein WM-Spiel live anzusehen. Das sollte schon berücksichtigt werden.

der Standard: Den Mitarbeitern am Stadion wurden Karten für die WM versprochen. Stimmt das?

Gila: Das habe ich auch gehört. Ich warte gespannt bis zu meinem Vertragsende im August ab, ob ich diese auch wirklich zugesagt bekomme. Ich würde mir gern mit meinem Sohn ein Spiel ansehen.

der Standard: Welche Erwartungen haben die Bewohner aus Ihrem Township an den neuen Präsidenten?

Gila: Die Erwartungen an ihn sind hoch. Er soll mehr Jobs schaffen. Viele der Hütten in den Townships sind noch ohne Strom. Wer nicht ausreichend Geld verdient, muss in solchen Hütten leben. Notwendig ist auch die Verbesserung des Gesundheitswesens und der Bau neuer Krankenhäuser. Die sind zu weit entfernt für jene, die sich kein öffentliches Taxi leisten können und zu Fuß gehen müssen. Und natürlich ist eine gute Ausbildung unerlässlich, ohne die man nur geringe Chancen hat. Die hohe Arbeitslosigkeit bietet nur den Ausweg in die Kriminalität.

der Standard: Wie kommen Sie täglich zum Arbeitsplatz und wieder zurück?

Gila: Ich fahre mit diesen öffentlichen Taxis, Toyota-Minibusse, die zwischen den Townships und Kapstadt und Umgebung pendeln. Im Kapstädter Winter wäre der fünfzehnminütige Fußmarsch zur nächsten Bahnstation im Dunkeln zu gefährlich. Ich würde gern Autofahren lernen und mir Geld für ein kleines Auto sparen.

der Standard: Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihres neunjährigen Sohnes?

Gila: Ich ermahne ihn jeden Tag, den Schulunterricht ernst zu nehmen. Aber vielleicht wird er auch ein berühmter Fußballspieler und kommt ins Nationalteam. Das würde mich stolz auf ihn machen, so wie er zurzeit auf mich stolz ist. Er hebt sich jeden Zeitungsartikel über mich und das neue Stadion auf und zeigt ihn seinen Freunden.

der Standard: Wenn Sie in der Lotterie eine Million Rand gewinnen würden, was würden Sie machen?

Gila: Viele Leute in meinem Township gehen ohne Essen schlafen und haben kein Dach über dem Kopf. Ich denke oft an sie, und das sind keine schönen Gedanken. Mit viel Geld würde ich ein Obdachlosenheim bauen und Leute anstellen, die für sie kochen.

der Standard: Warum wollten Sie überhaupt Kranführerin werden?

Gila: Es ist ein großartiges Gefühl, dort oben zu sitzen. Ich kann bis nach Robben Island (ehem. Gefängnisinsel vor Kapstadt, auf der Mandela 18 Jahre Haft abgesessen hat, Anm.) sehen. Und ich hätte es mir nie träumen lassen, aber aus mir ist plötzlich ein "Star" geworden (lacht). Aber eigentlich ist dieser Job nur meine zweite Wahl. Mein großer Traum ist es nach wie vor, Pilotin zu werden. Leider fehlt mir für diese Ausbildung das Geld. Unlängst hat mich die Stadt Kapstadt zu einer Tour in einem Helikopter eingeladen, als ich davon erzählt habe. Das war nicht nur mein erster Flug, sondern auch einer der schönsten Tage meines Lebens. (Sandra Pfeifer, DER STANDARD/Printausgabe 25.7./26.7.2009)

 

  • Zoliswa Gila wurde in Umtata, der Hauptstadt der Transkei (Provinz
Ostkap) geboren, unweit von Mandelas Geburtsort Qunu. Mit neun Jahren
ist sie nach Kapstadt gekommen und lebt im Township Philippi, das mit
ca. 150,000 Einwohnern neben Khayelitsha zu den größeren in der
Umgebung zählt.
    foto: sandra pfeifer

    Zoliswa Gila wurde in Umtata, der Hauptstadt der Transkei (Provinz Ostkap) geboren, unweit von Mandelas Geburtsort Qunu. Mit neun Jahren ist sie nach Kapstadt gekommen und lebt im Township Philippi, das mit ca. 150,000 Einwohnern neben Khayelitsha zu den größeren in der Umgebung zählt.

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