Mont Ventoux – eine Erhöhung

24. Juli 2009, 18:37
21 Postings

Von "Büßerathleten" im Schnittfeld von realen Verwertungsinteressen und "mythischen" Kräften: eine Einstimmung auf den Gipfelpunkt der Qualen bei der Tour de France 2009 - Von Rudolf Müllner

Die Tour de France ist eines der attraktivsten Produkte der Unterhaltungsindustrie, ein Stück hyperrealen Sports, welches jedoch bei Millionen von Fans ganz reale Emotionen erzeugt. In der gefinkelten Dramaturgie der Tour verdichten die Mediensportdesigner die Zutaten archetypischer Basiserzählungen zu einem über drei Wochen hindurch hunderte Sendestunden füllenden Fernsehformat, das die Verwertungs- und Machtinteressen aller Beteiligten befriedigt.

Singuläres Ereignis

Exemplarisch verdeutlicht sich all das am Samstag in der mythologisch überhöhten vorletzten Etappe auf den Mont Ventoux im Süden Frankreichs. Für Tourdirektor Christian Prudhomme, ist die Ventoux-Etappe "die medientauglichste, die magischste, weil es in der Welt des Radsports keinen ,mystischeren‘ Berg als den Ventoux gibt."

Und Prudhomme hat recht. Bereits eine Woche vor der Ankunft der Radstars wird der nicht einmal 2000 Meter hohe Géant de Provence von tausenden Amateurradlern vor allem aus den radsportverrückten Ländern Belgien, den Niederlanden und von den Franzosen belagert.

Die wahren Tour-Aficionados bringen schon fünf Tage vor der Bergetappe ihre Wohnmobile und Transparente an den erlebnis-trächtigsten Spots entlang der Straße in Stellung.

Fährt man mit dem Rennrad von Bedoin, dem vom Tourismus deformierten Weinhauerstädtchen am Fuße des Ventoux, die 26 Kilometer lange Schlusspassage auf den windigen Berg, trifft man in der ersten Kehre auf ein Wort, das dort jemand - so scheint es - zusammenhanglos auf den Asphalt gesprüht hat: "pédaler" - "treten" - steht dort.

Und damit ist keine sportdidaktische Bewegungsanweisung gemeint, denn wer sein Rad bis hierher gebracht hat, weiß ohnehin, was er die nächsten ein bis zwei Stunden zu tun hat.

Nein, das Wort "pédaler" verweist auf Höheres. Es ist als ein Auftrag zur Bewältigung des zu erwartenden Leidens schlechthin, das im Profiradrennsport exemplarisch aufgeführt wird, zu interpretieren. Es ist ein Auftrag an Sisyphos, eine letzte Anfeuerung zur Bewältigung der bevorstehenden Qualen am Kreuzweg zum Gipfel. Kein anderer Ort des globalisierten Mediensports ist so stark mit christlichem Mythos aufgeladen wie der 1331 von Franziskus Petrarca erstmals bestiegene Berg. Die letzten sechs Kilometer vor dem Gipfel zwingen den Büßerathleten, als dramaturgischen Höhepunkt, dann noch durch eine biblisch, nahezu vegetationslose Steinwüste.

Sehnsucht nach "Intimität"

Am Wegesrand, das Ziel bereits in Sichtweite, muss er vorbei am Mahnmal des britischen Radrennfahrers Tom Simpson, der hier bei der Tour am 13. Juli 1967 vor Erschöpfung starb. Simpson, neben Marco Pantani, das wohl prominenteste Dopingopfer der Radsportgeschichte, wurde hier zu einem bis heute enthusiastisch verehrten Märtyrer des seltsamen Rennsportkults.

Die Teleobjektive der mitfahrenden Motorradkameras werden uns dazu die sportvoyeuristischen Nahaufnahmen von den Gesichtern, der am absoluten Limit agierenden Athleten ins Haus liefern, die wir offensichtlich so ersehnen. Genau im Herstellen dieser überrealen Art von Intimität zwischen den Popstargladiatoren und uns Konsumenten liegt der entscheidende Punkt für die Attraktivität des Produktes Mediensport.

Nur Gewinner

Dazu braucht es jedoch noch eine weitere Zutat, ein Stück "Authentizität" , das von den hunderttausenden Fans am Straßenrand beigetragen wird:

Die organisatorische Leistung, die vierhunderttausend Zuseher/innen unfallfrei auf und wieder vom Berg, der für einen Tag zur größten Sportarena weltweit mutiert, hinunterzubringen, ist ähnlich bemerkenswert wie die der Sportler. Auf den Abtransport der anfallenden Fäkalien sei dabei noch gar nicht eingegangen.

Wenn man sich die realen politischen und ökonomischen Kräfte- und Interessenlagen vergegenwärtigt, wird schnell klar, dass alle entscheidenden Akteure, alle Firmen, die Fahrer, die Sponsoren, die Fernsehanstalten, die französische Politik und der Tourismus, ja sogar die Dopingfahnder, die Pharmaindustrie, L'Équipe und vor allem die Konsumenten des Mediensports vom Unternehmen Tour de France massiv profitieren. Zurzeit machen die Organisatoren mit der Tour de France dreißig Millionen Euro Gewinn.

Das erscheint im Vergleich etwa zu den Margen der Fußball-Champions-League gar nicht einmal so exorbitant viel, und das wird mit Sicherheit auch nicht so bleiben, denn der Auftrag ist eindeutig und klar: pédaler! (DER STANDARD Printausgabe, 25.7.2009)

Rudolf Müllner ist Sporthistoriker an der Universität Wien.

  • Auftrag an Sisyphos: Treten! - Ein Amateur auf den Spuren der
Profi-Märtyrer beim Anstieg zum vorletzten Etappenziel der Tour. Foto:
EPA
    foto: epa/kovarik

    Auftrag an Sisyphos: Treten! - Ein Amateur auf den Spuren der Profi-Märtyrer beim Anstieg zum vorletzten Etappenziel der Tour. Foto: EPA

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Rudolf Müllner: "gefinkelte Dramaturgie" .

     

    Foto: Archiv

Share if you care.