In der Keksdose unter dem Bosporus

24. Juli 2009, 18:29
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In Istanbul sollten bereits 2009 in einem Tunnel Züge und U-Bahnen zwischen Asien und Europa verkehren - Aufgrund archäologischer Funde verzögert sich der Bau um vier Jahre

Flackernde Neonleuchten erhellen einen leeren, rechteckigen, kastenförmigen Tunnel, der in der Mitte unterteilt ist. Weit und breit ist niemand zu sehen. Willkommen unter dem Bosporus. Über der Betondecke sind schwere Steine aufgeschüttet, dann kommt das Wasser. 50.000 Ozeanriesen passieren das Nadelöhr zwischen Schwarzem Meer und Ägäis im Jahr.

Noch liegt der Tunnel, der Asien mit Europa verbinden soll, wie eine gigantische geschlossene Keksdose ohne Verbindung zum Festland unter dem Meeresgrund. Aus Sicherheitsgründen dürfen sich nie mehr als 40 Arbeiter gleichzeitig im Tunnel aufhalten, da der Überlebensraum, aus dem man im Falle eines Wassereinbruchs gerettet werden kann, nicht mehr Personen fasst.

Der Zugang zum Tunnel erfolgt über eine Plattform, die wie eine Ölbohrinsel ungefähr 200 Meter vom asiatischen Ufer entfernt aus dem Wasser herausragt. Von dort steigt man über eine Wendeltreppe 55 Meter in die Tiefe.

Aus Sekeriya Kayanci vom Baukonsortium DLH sprudeln die Fakten zu dem Tunnel nur so heraus: 1387 Meter Länge, an seiner tiefsten Stelle liegt er 60,46 Meter unter dem Wasserspiegel, womit er die am tiefsten auf dem Meeresgrund liegende Verkehrsröhre ist. Sie verbindet nicht nur die beiden Stadthälften von Istanbul, sondern auch zwei Kontinente.

Wenn der Tunnel für den Verkehr freigegeben wird, werden die Züge auch südlich des Schwarzen Meeres ungehindert von Paris, London oder Berlin bis nach Zentralasien rollen können. Hauptsächlich soll der Tunnel die Megacity Istanbul mit ihren rund 15 Millionen Einwohnern aber vor dem völligen Verkehrsinfarkt retten. Künftig sollen pro Stunde 75.000 Istanbuler mit der S-und U-Bahn in wenigen Minuten die Meerenge unterqueren können. Mehr als drei Milliarden Dollar werden dafür investiert.

Bau per Satellitensteuerung

Der Tunnel besteht aus elf Teilstücken, die nach und nach versenkt wurden und dabei so gesteuert werden mussten, dass sie millimetergenau an das zuvor verlegte Teilstück angepasst werden konnten. Vollbracht wurde das Kunststück von japanischen Ingenieuren per Satellitensteuerung. Japan hat Erfahrung mit schwierigen Unterwasserprojekten in seismologisch kritischen Gebieten. Und das Gebiet rund um den Bosporus ist erdbebengefährdet. Die meisten Geologen rechnen damit, dass Istanbul innerhalb der nächsten 15 Jahre von einem Beben bis zur Stärke von 7,5 auf der Richterskala heimgesucht wird.

Ob die Istanbuler trotz Erdbebengefahr die S-Bahn unter dem Bosporus überhaupt nutzen werden, ist eine der Fragen, die jetzt nur schwer beantwortet werden können. Doch Sekeriya Kayanci ist da ganz optimistisch.

Eigentlich sollte das schon Ende 2009 der Fall sein, jetzt rechnet man frühestens Ende 2013 mit der Einweihung. Der Grund: Die Bauarbeiter legten einen der wichtigsten antiken Häfen des frühen Byzanz frei. "Das Ausmaß und der Reichtum der Funde hat uns alle überrascht", sagt Günter Haass, von der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit.

"Es ist toll für Istanbul, dass wir zufällig auf den lange verschütteten Theodosianischen Hafen gestoßen sind, aber für das Projekt bedeutet das eine enorme Verzögerung", erläutert Haass. Zwar sei die Finanzierung dadurch nicht infrage gestellt, aber die Kredite werden teurer und der Zeitpunkt, zu dem die Einnahmen fließen werden, verzögert sich nun erheblich. Und, so warnt Haass: "Jeder Spatenstich in diesem historischen Grund birgt neue Überraschungen." (Jürgen Gottschlich aus Istanbul, DER STANDARD Printausgabe, 25./26.07.2009)

  • Aus Sicherheitsgründen dürfen nur 40 Personen zugleich im Tunnelteil unter Wasser arbeiten.
    foto: verkehrsministerium ankara

    Aus Sicherheitsgründen dürfen nur 40 Personen zugleich im Tunnelteil unter Wasser arbeiten.

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