"Machtkonzentrationen halte ich für bedenklich"

24. Juli 2009, 18:06
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Der Konzertchef der Salzburger Festspiele über sein Programm, Machtstrukturen und die "Opernsteuer", die zu entrichten ist

Standard: Die Säulen des heurigen Konzertprogramms sind Beethoven, Franz Liszt - und Edgard Varèse.

Hinterhäuser: Zudem gibt es eine Reihe von Einzelkonzerten mit spannenden Konstellationen: Die Wiener Philharmoniker spielen unter Esa-Peka Salonen Werke von Alban Berg und die Sechste von Bruckner, die eine der zukunftsweisenden Symphonien ist. Patricia Petibon bestreitet "einen inszenierten Liederabend" mit einem sehr ungewöhnlichen Repertoire.

Standard: Warum Varèse?

Hinterhäuser: Er ist eine der ganz großen Figuren in der Musikgeschichte, eine verstörende, eigenwillige, starke Erscheinung. Das erste Orchesterstück von Varèse wurde in Berlin uraufgeführt - unter Mithilfe von Richard Strauss. Und in enger Zusammenarbeit mit Hugo von Hofmannsthal hat Varèse die Oper Ödipus und die Sphinx geschrieben. Dieser Zusammenhang mit den Gründervätern der Salzburger Festspiele hat für mich auch einen gewissen Charme.

Standard: Dann wäre ein Strauss-Schwerpunkt logisch gewesen.

Hinterhäuser: In einem Konzert stellen wir den Zusammenhang her: mit den symphonischen Dichtungen Amériques von Varèse und Strauss' Also sprach Zarathustra. Die symphonische Dichtung hat nicht Strauss erfunden, sondern Liszt. Und Varèse hat nach seiner Übersiedelung nach Amerika als Dirigent Chormusik von Liszt aufgeführt.

Standard: Eine Verknüpfung mit dem Opernprogramm von Jürgen Flimm ist nicht offensichtlich.

Hinterhäuser: Wir versuchen Beziehungen zwischen Oper und Konzert herzustellen, manchmal ergeben sich solche natürlich - und manchmal eben nur mit Schwierigkeiten, weil Projekte mit einer langen Vorlaufzeit auch eine Eigendynamik entwickeln können.

Standard: Warum gibt es keine szenische Produktion im Programm?

Hinterhäuser: Im Falle von Varèse wäre es sehr schwierig gewesen, eine passende musiktheatralische Komposition zu finden.

Standard: Auch Giacinto Scelsi hat kein Musiktheater hinterlassen, trotzdem gab es vor zwei Jahren "Sauser aus Italien" ...

Hinterhäuser: Stimmt, man sollte aber nicht vergessen, dass solche Unternehmungen eine große finanzielle Anstrengung bedeuten. Das Konzert muss einen wesentlichen Beitrag zur Finanzierung der Oper leisten, Jürgen Flimm hat es einmal mit dem treffenden Wort "Opernsteuer" umschrieben.

Standard: Sie lehnen es ab, unter den jetzigen Bedingungen über 2011 hinaus weiterzumachen, und forderten für den Konzert- und den Schauspielchef Sitz und Stimme im Direktorium.

Hinterhäuser: Ich habe versucht, die Struktur zur Diskussion zu stellen. Es gab in den letzten 15 Jahren Probleme. Betroffen waren zunächst die Schauspieldirektoren. Denn Hans Landesmann war als Konzertchef im Direktorium, weil er gleichzeitig kaufmännischer Leiter war. Seit 1992 ist kein Schauspielchef mehr im Direktorium, was zu einem Verschleiß von insgesamt sechs Personen geführt hat.

Standard: Das Direktorium besteht aus drei Personen. Alexander Pereira, designierter Intendant, plädiert für eine Reduzierung auf zwei. Ein Fünfer-Direktorium, das in der Geschichte der Spiele einmalig wäre, sei nicht sinnvoll, weil es die Verantwortungsstrukturen verwässere.

Hinterhäuser: Was nicht stimmt. Von 1950, als das Festspielgesetz in Kraft trat, bis 1972 hatte das Direktorium vier Mitglieder, von 1972 bis 1992 fünf Mitglieder. Dass die Festspiele von nur zwei Personen geleitet werden: Das allerdings gab es noch nie. Machtkonzentrationen halte ich generell für bedenklich und anachronistisch.

(Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe, 25./26.07.2009)

Zur Person:
Markus Hinterhäuser, geboren 1958 in La Spezia (Italien), ist Pianist und Musikmanager, seit 2006 ist er Konzertchef der Festspiele.

  • Der Salzburger Konzertchef Markus Hinterhäuser.
    foto: hendrich

    Der Salzburger Konzertchef Markus Hinterhäuser.

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