Der Illusionist

24. Juli 2009, 18:02
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Am Samstag eröffnet Daniel Kehlmann die Salzburger Festspiele mit einer Rede

Am Montag beginnt das von ihm kuratierte Programm in der Reihe "Dichter zu Gast".

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Beerholm, oder vollständiger: Arthur Beerholm taufte Daniel Kehlmann den Protagonisten seines ersten Romans Beerholms Vorstellung. Das war im Jahr 1997, der Autor 24 Jahre alt. Jener Beerholm begibt sich auf die Suche nach dem Rätsel der Existenz, fasziniert von der Welt der Zahlen. Er entdeckt bereits als Kind, dass "es im Inneren der Ziffern, Gleichungen und Bruchstriche, schillernd und hart wie die Perle im Fleisch einer schläfrigen Auster, etwas Fremdes gibt" - und beschließt, "zum Teufel" , - Theologie zu studieren und Priester zu werden.

Ein Vorhaben, das Beerholm nach etwa 120 Seiten, in der Mitte des Buches, abrupt aufgibt. Warum? Er weiß es nicht. "Wer versteht schon irgendjemanden? Nur Idioten wagen die Behauptung, sie verstünden einen Menschen. Niemand tut das, vielleicht nicht einmal Gott. Ein seltsamer Gedanke: Der Mensch, das höchste Wesen. Und warum? Weil es anders ist als die feuchtnasigen Tiere und die gleißenden Engel. Weil er, nur er, von Gott nicht ganz verstanden wird." Der Mensch, Gipfel der Schöpfung in seiner Gabe der Unverständlichkeit. Der Kompliziertheit. Der Rätselhaftigkeit.

Ein Gedanke, der für Beerholm in die Frage mündet: "Und der Illusionist? So gesehen könnte er, der verwirrendste der Menschen, auch deren höchste Stufe sein. Der Zielpunkt der Schöpfung ..." . Arthur Beerholm also, Kreatur eines Gottes, der das Rätsel liebt, wird Zauberer.

Dass Daniel Kehlmann wie Arthur Beerholm seit frühester Kindheit die hohe Kunst der Magie bewundert und beherrscht, ahnt, wer seine Bücher liest. Die enge Verwandtschaft zwischen den Verwandlungskünsten des professionellen Magiers und jenen des Autors wäre eine längere Studie wert.

Ruhm, sein jüngster Roman in neun Geschichten, handelt wohl nicht zufällig von einem Phänomen, das scheinbare Identitäten für die Öffentlichkeit erschafft, die sich, wie der Dunst des Morgens, im hellen Licht der Betrachtung auflösen, um einer vollkommen anderen Erscheinung zu weichen.

Eine Lesung aus Ruhm (Landestheater, 19.30) leitet denn auch am Montagabend die sieben Veranstaltungen der von Daniel Kehlmann kuratierten Reihe Dichter zu Gast bei den Salzburger Festspielen ein. Ihr geheimes Zentrum ist der Abend mit dem Zauberkünstler Juan Tamariz (Landestheater, 2. August, 21.00), dessen Werke schon Beerholm studierte: für Daniel Kehlmann der größte der Zauberer. Ein Gespräch mit Tom Stoppard, dem von ihm geschätzten Dramatiker (Landestheater, 3. August, 18.30) und ein Liederabend mit Georg Kreisler (Mozarteum, 10. August, 19.30) bilden weitere Höhepunkte des rund um die Kunst der Illusion zusammengestellten Programms (siehe Kasten).

"Was bedeutet Magie? Sie bedeutet schlicht, dass der Geist dem Stoff vorschreiben kann, wie er sich zu verhalten hat, dass dieser gehorchen muss, wo jener befiehlt." Sagt Beerholm. Sein Erfinder eröffnet heute, Samstag, 13 Uhr, Österreichs größtes Fest der Kunst der Illusion. Mit einer Rede. (Cornelia Niedermeier, DER STANDARD/Printausgabe, 25./26.07.2009)

  • "Und der Illusionist? ... Der Zielpunkt der Schöpfung."  Daniel Kehlmann weiht ihm in Salzburg die Reihe "Dichter zu Gast".
    foto: corn

    "Und der Illusionist? ... Der Zielpunkt der Schöpfung." Daniel Kehlmann weiht ihm in Salzburg die Reihe "Dichter zu Gast".

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