Berlin wegen "Verharmlosung" des Bundeswehreinsatzes unter Druck – Kämpfe gegen Taliban im Norden
Berlin/Wien/Kabul - In einem Punkt herrscht in Deutschlands großer Koalition Einigkeit: Das heikle Thema "Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr" würden sowohl Union als auch SPD gerne aus dem Bundestagswahlkampf heraushalten. Doch es gelingt nicht. Im Gegenteil: Nach der bisher größten Offensive der Bundeswehr in Afghanistan ist eine neue Debatte entfacht, und diese dreht sich auch um einen bis jetzt in Deutschland noch nicht beachteten Aspekt.
"Treibt die Not viele Ostdeutsche zum Afghanistan-Einsatz?" Diese Frage stellte nun die in Halle (Sachsen-Anhalt) erscheinende Mitteldeutsche Zeitung und legt Zahlen aus dem deutschen Verteidigungsministerium vor. Diese belegen, dass 49,2 Prozent der Soldaten im Auslandseinsatz aus der ehemaligen DDR stammen. Der Anteil der Ostdeutschen an der Gesamtbevölkerung beträgt jedoch nur 20 Prozent. Besonders auffällig: Vor allem niedrigere Dienstgrade kommen aus dem Osten; fast zwei Drittel der "Mannschaften" - Gefreite und Hauptgefreite - in Afghanistan und bei den anderen Auslandsmissionen sind Ostdeutsche. Ein ähnliches statistisches Phänomen kennt man aus dem Irak. Dort sind - gemessen an der Gesamtbevölkerung - überdurchschnittlich viele schwarze US-Streitkräfte im Einsatz, weil sie zu Hause keinen Job finden.
Doch auch die Großoffensive der Deutschen im Norden des Landes sorgt wieder für Unruhe in Berlin. 300 Deutsche kämpfen mit schweren Panzern gegen die Taliban, sogar der Generalinspekteur der deutschen Truppen, Wolfgang Schneiderhan, spricht von einer "Eskalation" . Der sicherheitspolitische Sprecher der Grünen, Winfried Nachtwei, wirft der Regierung Verharmlosung vor. Sie sei mit dem Einsatz "nie offen, ehrlich und konkret" umgegangen, sondern beschönige ihn immer noch als friedenssichernde Mission. Links-Chef Oskar Lafontaine fordert erneut den sofortigen Abzug der Deutschen aus Afghanistan.
Die Kämpfe im Distrikt Char Darrah in der Region um die nördliche Stadt Kundus begannen am vergangenen Sonntag. Bereits Ende Juni waren dort drei Bundeswehrsoldaten ums Leben gekommen, als ihr Panzerwagen bei einem Gefecht mit Taliban-Kämpfern in einen Wassergraben stürzte und die Deutschen sich nicht mehr aus dem Fahrzeug befreien konnten.
Nun beteiligte sich die Bundeswehr zusammen mit 800 afghanischen Soldaten und 100 Polizeikräften an der Operation "Falke" . Dabei setzte die Bundeswehr erstmals die 40 Tonnen schweren Schützenpanzer vom Typ "Marder" ein. Es war der erste Gefechtseinsatz überhaupt seit der Indienststellung dieses Panzertyps im Jahr 1979. Erstmals feuerten die deutschen Soldaten auch Artilleriegeschoße aus Mörsern ab; bis dahin sollen sie für die Mörser nur Leuchtmunition verwendet haben. 4500 Bundeswehrsoldaten sind mittlerweile in Afghanistan im Einsatz, 31 kamen dabei bisher um. (von Birgit Baumann und Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 25.7.2009)