Sonnleitstein als Leitgestein

    24. Juli 2009, 16:33
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    Um die Erfahrung von eintausend Wandertipps reicher und wieder um einen Geheimtipp ärmer. Endlich werden ein paar grundlegende Begriffe erklärt

    Mir wird oft die Frage gestellt, welcher denn nun mein Lieblingsberg sei. Ich stelle ihn am besten gleich als meinen tausendsten Wandertipp im Standard vor. Und dann blieb ich in den vergangenen zwanzig Jahren wohl auch einige Antworten darauf schuldig, wie lange die Gehzeit denn nun wirklich sei oder was in ein Gipfelbuch gehört und was nicht. Ein kurzes Glossar am Ende des Tipps wird nun definitiv darüber Aufschluss geben.

    Der Große Sonnleitstein bei Hinternaßwald, ein steiler Mugel mit felsigem, aber leicht ersteigbarem Gipfel, liegt mitten im Kranz der Wiener Hausberge und lädt mit seiner fantastischen Aussicht zu längerem Verweilen ein. Er ist zwar nicht ganz so hoch wie etliche seiner Nachbarn, der Blick zu Schneeberg, Rax, Schneealpe, Gippel, Göller, Dürrenstein und Hochschwab fasziniert aber. Nur der Ötscher ist nicht zu sehen. Zu meinen stärksten Eindrücken zählt ein Sonnenaufgang, beobachtet vom höchsten Punkt des Berges.

    Stammbuch der Gwäutwürmer

    In fast allen älteren Beschreibungen wird der Große Sonnleitstein als Geheimtipp bezeichnet, aber so richtig geheim war er nie, er hatte sozusagen immer eine Stammkundschaft, die ihn regelmäßig aufsuchte. So finden sich im Gipfelbuch etliche Eintragungen der "Gwäutwürmer", die sich offensichtlich um das vom Wetter zerzauste Kreuz kümmern. 

    Ein bereits im Jahr 1900 erschienener "Führer durch die Umgebung Wiens" bezeichnet den Berg als Ziel eines der lohnendsten Ausflüge; nicht zuletzt wegen der herrlichen alpinen Flora, die bis heute nahezu unverändert geblieben ist, weil das Gebiet unter strengem Natur- und Wasserschutz steht. Man kann sich dort Scherereien einhandeln, wenn man eine Blume pflückt oder gar ausgräbt.

    Als 1979 wegen der vielen Windbrüche eine Forststraße auf die Amaiswiese und auf den Plutschboden gebaut werden musste, fiel diesem Transportweg der Kaisersteig - ein Reitsteig, auf dem die kaiserlichen Boten nach Mariazell ritten - zum Opfer, der damals den einzigen Zugang zum Sonnleitstein bildete. 

    Wie durch ein Wunder gelang es, den seit den 1920er-Jahren gesperrten Weg durch den Oselgraben wieder "aufleben" zu lassen, die alte und neue Route - der Franz-Jonas-Steig - ist trotz seiner Steilheit längst zum Standardanstieg auf den Berg geworden. Der am 6. September 1980 vom Forstamt der Stadt Wien erteilte Bescheid mit der Erlaubnis zur Markierung im Oselgraben gehört zu meiner Trophäensammlung.

    Die Route: Vom Parkplatz in Hinternaßwald folgt man der rot markierten Forststraße bis zur ersten scharfen Linkskurve, hält sich dort geradeaus und steigt - ebenfalls rot markiert - den steilen Oselgraben hinan. Über den Plutschenboden geht es in die Gipfelregion, man erreicht die gelbe und rote Markierung von der Amaiswiese, hält sich rechts und gelangt auf den Gipfel. Gehzeit 3 Stunden.

    Nun geht es bis zur Abzweigung zurück, man hält sich rechts - gelb und rot markiert - und erreicht in einer halben Stunde das Forsthaus auf der Amaiswiese. Durch eine kleine Schlucht kommt man zur Forststraße, auf der man nach Hinternaßwald absteigt. Gehzeit ab Amaiswiese 2 Stunden. (Bernd Orfer/DER STANDARD/Printausgabe/25./25.7.2009)

    Gesamtgehzeit 5½ Stunden, Höhendifferenz fast 1000 Meter. Kein Stützpunkt, Quelle nahe dem Forsthaus. ÖK25V Blatt 4211-Ost (Schneealpe), Maßstab 1:25.000; Freytag & Berndt Atlas Wiener Hausberge, Maßstab 1:50.000.


    Bergnamen: Verändern sich - besonders in der Bundesamtskarte - häufiger als vermutet. So wurde etwa aus der Affentalspitze im Venedigergebiet eine Arventalspitze, aus dem Promiskagraben in der Schneebergregion ein Mitterberggraben, aus dem Drahtekogel im Semmeringgebiet ein Tratenkogel. Der Oselgraben am Großen Sonnleitstein wurde zum Haselgraben und hat jetzt anscheinend überhaupt keinen Namen mehr, die vom Kirchenberg - bei Hainfeld - zum Kirchberg gewordene Erhebung soll angeblich jetzt wieder „rückgetauft" werden.

    Blumennamen: Tragen zum Rätselhaften einer Tour bei. Je nach Gegend heißt die Aurikel (Primula auricula) Petergstamm, Solonotsch, Gamsveigerl oder Platnigel. Unter Speik versteht man mancherorts den Roten oder Echten Speik (Valeriana celtica), ein früher bei der Seifen- und Parfumproduktion sehr begehrtes Baldriangewächs. 

    Achtung: In den Hohen Tauern gibt es wiederum einen - stinkenden - Blauen Speik (Primula glutinosa), der überdies zu den Primelgewächsen gezählt werden muss!

    Erlebnis-Wanderung: Tour, bei der viel geschieht, aber nichts passiert.

    Gehzeit: Unzuverlässigste Angabe in Wanderbeschreibungen; sie hängt von Kondition, Laune und nicht zuletzt vom Gewicht des Rucksacks ab, und von der Fähigkeit, Um- und Irrwege zu vermeiden.

    Gipfelbuch: Spielwiese für Bergsteiger, die beim Aufstieg lyrische Anwandlungen erleiden. Die wertvollste Eintragung: „Gehst Du voll Eifer und voll Schwung/auf eine Einzelwanderung/dann gib dem Hüttenwirt Bericht,/sonst find't man Deine Leiche nicht."

    Höhenmeter: Angabe über den im Auf- und/oder Abstieg zu bewältigenden Höhenunterschied. Gemütliche Wanderer rechnen mit 300 m pro Stunde, Konditionsstarke mit 400, alpine Kraftlackeln mit 500 m; nur Angeber und Lügner erzählen von 600 und mehr Metern.

    Markierung: In der Regel Farbbänder- und kleckse - am häufigsten rot, aber auch blau, gelb und grün -, die den richtigen Weg weisen sollen. Offensichtlich beschädigen Markierungen die Bäume, die dann gefällt werden müssen und den Wanderer erst recht ratlos dastehen lassen.

    Trittsicherheit: Das Vermögen, felsige, steinige und ausgesetzte Abschnitte eines Steiges ohne Stolpern und Straucheln zu begehen. Wird stark vom Schuhwerk, dem Zustand der Profilsohle und spürbar positiv von Alkohol-Abstinenz beeinflusst.

    Wanderautor: Einer, dem man immer wieder unterstellt, er habe die Route aus einem nicht mehr aktuellen Buch abgeschrieben.

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      Der tausendste Wandertipp räumt auf mit lang gehegten Fragen und Missverständnissen.

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