Lockend niedrige Schätzwerte

24. Juli 2009, 16:36
posten

Talsohle am Kunstmarkt in Italien durchschritten: Zeitgenössisches und Moderne übertrafen bei Auktionen zuletzt die Erwartungen

Die Schatten der Finanzkrise trafen auch den italienischen Kunstmarkt. Zumindest im ersten Halbjahr 2009. Die vier größten Versteigerungshäuser, Christie's, Sotheby's, Finarte und die auf Online- Auktionen spezialisierte Meeting Art kassierten mit insgesamt 53 Millionen Euro um 29 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Damit verzeichnet Italien im internationalen Vergleich einen moderateren Umsatzrückgang. Sotheby's hatte etwa in den USA den Umsatz im ersten Halbjahr 2009 von 1,35 Milliarden Euro auf 475 Millionen Euro und in Großbritannien von einer Milliarde auf 353 Millionen verringert. In Europa fielen deren Einbußen etwas weniger drastisch aus: um 37 Prozent auf 157,5 Millionen Euro. Für Italien hielt sich der Rückgang um 22 Prozent (16,8 Millionen Euro) vergleichsweise gering.

Nicht nur die Experten bei Sotheby's, auch jene des größten inländischen Auktionshauses Finarte erwarten für das nächste Halbjahr eine deutliche Belebung der Nachfrage. "Die Zeit zum Investieren ist gekommen" , hieß es nach der letzten Finarte-Auktion am 16. Juni. Die Rekordergebnisse anlässlich der Kunstmessen Arte Fiera in Bologna und der Mailänder MiArt im Frühjahr bestätigten die Trendwende. MiArt-Projekt-Manager Alessandro Cappello zum Standard: "Kunstakquisitionen werden nicht mehr Zuflucht, sondern neuerdings als echte Investition angesehen".

Das italienische Kunstauktionsgeschäft ist von jeher sehr auf den regionalen Markt bezogen. Dies hat seinen Grund in der restriktiven Ausfuhrpolitik des italienischen Staates, der die Ausfuhr von Werken der Bildenden Kunst, selbst in EU-Staaten, schwierig oder gar unmöglich macht. Da der italienische Domestic Markt aber traditionell recht stark ist, verlief die Entwicklung in den letzten Jahren hier ohne spektakuläre Ausreißer.

Die Strategie der italienischen Auktionshäuser fokussiert nun auf qualitative Selektion und verlockend niedrig angesetzte Schätzwerte. "Der Markt regelt den Preis, Spekulationen sind heutzutage ein Tabu" heißt es bei Finarte.

Neben den Ablegern der angloamerikanischen Duopolisten Sotheby's und Christie's, die in Mailand und Rom fast ausschließlich italienische Kunst verkaufen, gibt es mit Meeting Art (Vercelli), Semenzato (Venedig) und Finarte (Mailand/Rom) drei große heimische italienische Auktionshäuser. Finarte als traditionell führendes italienisches Auktionshaus hat sich in den letzten Jahren zunehmend der modernen und zeitgenössischen Kunst verschrieben und sich in diesem Zusammenhang deutlich internationalisiert. Seit wenigen Jahren ist auch das österreichische Auktionshaus Dorotheum auf dem italienischen Kunstmarkt präsent. In den Niederlassungen Florenz und Rom finden allerdings keine Auktionen statt. Erste Versuche in Mailand (Design, Juwelen) hatten sich bislang als nicht besonders einträglich erwiesen.

Wichtig für den italienischen Markt sind vor allem die großen Kunstmessen in Rom (Arte e Collezionismo), Turin (Artissima), Bologna (Arte Fiera) und Mailand (MiArt). Mit 140 Galeristen und knapp 90.000 Besuchern hat sich die MiArt bei ihrer 14. Ausgabe im vergangenen April als Trendsetter zur zeitgenössischen Kunst bewährt. (Thesy Kness, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 25./26.07.2009)

  • Lucio Fontanas "Concetto Spaziale Teatrino"  von 1964 erzielte bei Finarte 396.550 Euro.
    foto: sotheby's

    Lucio Fontanas "Concetto Spaziale Teatrino" von 1964 erzielte bei Finarte 396.550 Euro.

Share if you care.