Weltgewandt, unbekannt

24. Juli 2009, 16:27
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    Alexander von Villers vier Tage vor seinem Tod: "Wenn ich wieder auf die Welt kommen sollte, hab ich mir vorgenommen, als Jahrhundert zu kommen. Erstens wird man dann berühmt, kommt in die Geschichte ..."

Walter Kappacher über Alexander von Villers

Geboren in Moskau, aufgewachsen in Dresden, ein Bohemien in Paris, kam der Legationsrat 1853 nach Wien und fand Zugang zum Wiener Adel

***

Er, der große Briefeschreiber, beklagte sich einmal, dass heutzutage kaum noch jemand einen Brief schreibe. Schon zu seinen Lebzeiten war die große Zeit des Briefeschreibens, das 18. Jahrhundert, längst Vergangenheit. Gut, dass er nicht in unserem Jahrhundert lebte oder gar in unserem Jahrzehnt, und dass er womöglich das Ende der Postzustellung erleben müsste.

Äußere Erfolge konnte Alexander von Villers in seinem Leben keine vorweisen, aber in seiner Fantasie schöpfte er aus dem Vollen wie wenige. Als er 1853 in Wien eintraf, muss er in der Gesellschaft wie ein Mensch von einem anderen Stern gewirkt haben. Sein Freund Alexander von Warsberg sagte einmal: "Geistvoller, vielseitiger, gewandter habe ich nie sprechen hören. Seitdem ich länger in Paris gelebt, dort vielen Verkehr mit Männern ersten Ranges gehabt, ist mir seine Redensweise nicht mehr so erstaunlich gewesen."

Alexander von Villers stammte aus einem alten lothringisch-burgundisch-sächsischen Geschlecht. Sein Vater, Gegner der französischen Revolution, kämpfte in der Armee des Prinzen Condé, flüchtete nach der Niederlage der Königstreuen mit seiner Frau nach Deutschland und weiter nach St. Petersburg und Moskau, wo der Vater eine "französische Pension" eröffnete, in der er auch Sprachunterricht erteilte. Die Familie kam in Moskau, wo 1812 der Sohn Alexander Heinrich geboren wurde, rasch wieder zu Wohlstand. Der Einmarsch Napoleons führte jedoch dazu, dass der Vater als verdächtiger französischer Spion in Gefangenschaft geriet. Die Mutter flüchtete mit dem Sohn nach Deutschland, führte in Leipzig eine ärmliche Existenz, bis der Vater nach anderthalb Jahren freigelassen wurde. Die Situation besserte sich endlich, als König August von Sachsen den Vater als Professor der französischen Sprache nach Dresden berief.

Es heißt, Alexander sei ein störrisches, nicht zu bändigendes Kind gewesen, weder durch Schläge noch durch gute Worte zu beeinflussen. Da er weder mit den Schullehrern noch mit den Privatlehrern auskam, gab ihn der Vater kurzerhand zu dem bekannten Leipziger Buchdrucker Tauchnitz in die Lehre, mit einer Unterkunft bei einer befreundeten Patrizierfamilie. Tagsüber stand er am Setzkasten, abends suchte er als junger Weltmann in den Kreisen adeliger Studenten zu glänzen, die den anmaßenden Eindringling meistens abblitzen ließen. Sein Vater bekam den Sohn nur zu Gesicht, wenn dieser Geld brauchte. Bald wurde seine Stellung in Leipzig unhaltbar, und sein Vater rief ihn zurück nach Dresden. 1830 schickte er Alexander nach Paris, wo er als Volontär in einer großen Buchdruckerei arbeiten sollte. In Paris jedoch wurde der junge Villers vollends zum Bohemien. Er führte das Leben eines verbummelten Studenten, der in einer Garküche aß und wohl auch ab und zu Vorlesungen an der Sorbonne besuchte. In dieser Zeit, 19-jährig, wurde er in einem Pariser Salon mit Franz Liszt bekannt gemacht. Augenblicklich entwickelte sich zwischen den beiden jungen Menschen ein stundenlanges Gespräch, welches sie dann spätnachts auf der Straße fortsetzten. Sie spazierten durch die Gassen, unterhielten sich angeregt, bis Liszt ihn fragte, wo er wohne, er wolle ihn nach Hause begleiten. Villers antwortete, er sei zurzeit mittellos, beabsichtige in einem der durchgehend geöffneten Cafés zu übernachten. Daraufhin sagte Liszt, er habe eine große Wohnung, und lud ihn zu sich ein - Villers nahm die Gastfreundschaft an, lebte monatelang mit Liszt zusammen, begleitete ihn auf seine Konzertreisen. Von da an ließ sein Interesse an der Musik nicht mehr nach; er versuchte sich sogar selbst an Kompositionen.

Er hasste Dummheit

Sein Vagabundenleben endete erst, als ihm von einer Madame Clermont eine Hauslehrerstelle angetragen wurde. Auf einmal wurde er ruhiger. Er begann sich in seiner freien Zeit ernsthaft mit Musik und Naturwissenschaften zu beschäftigen. Ein bekannter Botaniker, Gustave Thuret, scheint einen ausgleichenden und beruhigenden Einfluss auf ihn gewonnen und seine Interessen auf die richtigen Wege geleitet zu haben. Seine Ferien benützte Villers nun, um sich als Musiklehrer auszubilden, er ging nach Offenbach, um bei Hofrat André das Kontrapunktieren zu erlernen. Dort lernte er den Sprachforscher Karl Ferdinand Becker kennen, der eine Pension führte. Becker weckte in Villers die Neigung für linguistische und grammatische Studien. Im Sommer 1834 besuchte er seinen Vater in Dresden und versöhnte sich mit ihm.

Die Familie von Seebach, die Villers bei einem seiner Besuche in Dresden kennenlernte, zog den weltgewandten jungen Mann in ihren Kreis. Camillo Seebach wollte Villers im Staatsdienst unterbringen, aber Villers lehnte untergeordnete Posten ab. Als Seebach ihm vorschlug, ihm die Mittel zur Verfügung zu stellen, damit er seine Studien abschließen könne - die Voraussetzung für die höheren Ämter -, entschloss er sich dazu, sich mit seinen dreißig Jahren noch einmal auf die Schulbank zu setzen. Schon nach zwei Jahren, in denen er sich voll auf seine Studien konzentrierte, schloss er die Reifeprüfung und das juristische Staatsexamen ab. Es folgten Ämter in Ministerien in Dresden, Frankfurt und Paris und schließlich als Legationssekretär in Berlin. Im Mai 1853 kam er in der gleichen Eigenschaft nach Wien, und wurde 1860 zum Legationsrat befördert. Es scheint, dass er damit an den Ort gekommen war, für den er bestimmt war, obwohl ihn sein schon in jungen Jahren ausgeprägter Unabhängigkeitssinn immer wieder in Konflikt mit seinen Vorgesetzten brachte. Er hasste Dummheit und Kleinkrämerei über alles. Es scheint, dass er seine Ferien immer mehr ausdehnte. Sein Verhältnis zu dem Kabinettschef von Könneritz wurde immer mehr ein unerträgliches. Schon Villers selbstbewusstes Auftreten missfiel seinem Vorgesetzten. Sein Wunsch nach Unabhängigkeit, nach Ruhe wurde mit den Jahren immer stärker, und so reichte er 1870 ein Abschiedsgesuch ein, welches auch genehmigt wurde. Sicherlich war man froh, den Quergeist los zu sein. Schon in den ersten Jahren in Wien gelang es ihm, Zugang in die exklusiven Kreise des Wiener Hochadels zu erlangen. Sie waren der seinem Wesen gemäße Menschenschlag: weltkundig und gebildet, ohne Pedanterie. Bei ihnen und durch sie entwickelte der glänzende Plauderer endlich Wurzeln. Mit größter Selbstverständlichkeit gebrauchte er in einem Brief aus dem Jahr 1871 aus dem Pinzgau das Wort "Himmidatti" , während er das Schauspiel eines mächtigen Gewitters beschrieb. Er hatte sich sogar den österreichischen Dialekt zu eigen gemacht, ohne dass es im Geringsten anmaßend gewirkt hätte.

Vor allem zwei Frauen und zwei Männer waren es, denen er besonders zugetan war, an die er seine später berühmt gewordenen Briefe schrieb: Rudolf Graf Hoyos, Eleonore Gräfin Hoyos, Alexander Freiherr von Warsberg und Berta Gräfin Nako (die ein Altersporträt von Villers malte.)

Er genoss die Sommer auf dem Landsitz des Grafen Nako in Schwarzau, gegenüber dem Schloss Pitten. Aber besonders auf dem Schloss Cobenzl, wo er Ende der 60er-Jahre eine Zeitlang wohnte, scheint er seine Vorliebe für das Landleben entdeckt zu haben. Einen Teil des Sommers verbrachte er regelmäßig im Pinzgau, bevorzugt in dem bekannten Gasthof Lukashansl in Bruck an der Glocknerstraße. Von dort aus ging er manchmal (seine Bedienten immer dabei) wegen der dortigen berühmten Heilwässer ins benachbarte Bad Fusch. Als 1870 sein Abschiedsgesuch bewilligt worden war, schrieb er an die Gräfin Nako von sich: "Er kriegt eine Pension wie drei Stubenmadln und geht wahrscheinlich ins Pinzgau." Die Wirtin des Gasthofes Lukashansl stellte Villers ein geräumiges Zimmer im Tauernhaus - einem großen Wirtschaftsgebäude am Beginn des Käfertales - zur Verfügung. Hier war er der einzige Gast; er baute den Raum selbst um, sodass er dann drei Zimmer hatte. "Schon ist die Sache im Bad ruchbar geworden und mancher Kurgast sehnt sich vergeblich hier herunter. Dort mag es gräulich sein ... Laut schreiende, bummelnde, zudringliche Wiener ... Meinen Umgang bilden zahlreiche Hühner, vier Gänse, einige prachtvolle Kühe und ein schwarzer Hofhund ... Die Emerenz, die Nandl und die Cilli bilden den Hofstaat ... Sonst leb ich hier höchst behaglich ..., den größten Teil des Tages im Lehnstuhl am offenen Fenster; habe meine Bücher und gewohnten Gegenstände um mich herum, als wär' ich hier geboren" (an Hoyos). Er liest Schopenhauer und Kant, schreibt philosophische Fragmente, Romanfragmente, veröffentlicht viele Feuilletons. Karlheinz Rossbacher erwähnt in seinem Buch Literatur und Bürgertum, dass Villers sich mit Sprachkritik beschäftigte, dass von ihm Töne zu hören seien, die auf Fritz Mauthner und Ludwig Wittgenstein vorauswiesen.

Als Dichter und Musiker ist Villers ein Dilettant geblieben. Er selbst schrieb: "Manche, z.B. Sie und Lytton meinen, auch ich könnte schreiben. Das ist nicht wahr; die Feder, aus der Briefe fließen, kann deshalb nicht auch Bücher schreiben. Im Brief red ich zu einem, dem ich, wie wir beide nun sind, etwas zu sagen habe. Schreib ich ein Buch, wer stünde vor mir? Niemand, oder so viele, die mich stumm machen würden" (an Hoyos).

Selbst für seine Freunde gab es offensichtlich große Lücken im Lebenslauf Alexander von Villers. Bulwer-Lytton berichtete, Villers sei wegen des unter tragischen Umständen erfolgten Todes eines geliebten weiblichen Wesens an Leib und Seele gebrochen.

Warsberg bezeichnete Villers einmal als einen schroffen, harten Menschen, der immer recht haben wolle. Er habe viel Schweres erlebt und kaum je Glück gehabt. "War er allein oder nur ich bei ihm, war er voller Melancholie, erst im Gespräch taute er langsam auf." In Gesellschaft sei er manchmal heiter wie ein Bühnenkomiker gewesen.

1872 ging sein Wunsch, ganz auf dem Land zu leben, endlich in Erfüllung: Die Familie Liechtenstein verpachtete ihm das Wiesenhaus in Neulengbach. Von da an zog es ihn immer seltener nach Wien. Er besuchte seinen Freund Bulwer-Lytton (Sohn des Autors von Die letzten Tage von Pompei), reiste in den 70er-Jahren noch einmal nach Paris und Rom. Sein Palazzo della Wiesa ließ ihn endlich zur Ruhe kommen.

"Der Bauer, der 60 Jahre in mir schlummerte, ist hier erwacht, reckt die Glieder, reibt sich die Augen, reißt das Maul auf und fragt sich: Wo war ich so lange?"

Von nun an unternahm er kaum noch Reisen. Im Juli 1873 fuhr er ein letztes Mal in den Pinzgau. "Ich bin nun wie zu Hause, bin durch mitgebrachte Lebensmittel von der gar zu dürftigen Kost des Tauernhauses unabhängig ... Wie mir der erste gute Kaffee geschmeckt hat, den mir Cilli frisch brannte, das denkt sich der, der wie ich so lange Steinkohlenteer getrunken" (an Hoyos).

Die meisten Briefe an die Freunde entstehen in diesen letzten Jahren. Manchmal klagt er über Einsamkeit, andererseits empfängt er nur selten Besuche.

Er wusste um seine Herzkrankheit. Der Tod scheint trotzdem unerwartet gekommen zu sein: Vier Tage vorher schrieb er der Gräfin Nako noch einen launigen Brief: "Vor fünfzig Jahren war ich noch ganz frisch und jung, und jetzt auf einmal - es ist sehr merkwürdig! Wenn ich wieder auf die Welt kommen sollte, hab ich mir vorgenommen, als Jahrhundert zu kommen. Erstens wird man dann berühmt, kommt in die Geschichte, man erlebt eine Menge silberne und goldene Hochzeiten, Schlachten, Mietkontrakte, Schauspielerjubiläums, Wohltätigkeitsbazars, Überschwemmungskotillons und andere Unglücksvergnügungen, und schließlich wird man wenigstens neunundneunzig Jahre alt. Als Jahrhundert kann man auch anstellen, was man will, es geschieht einem nichts; nie ist ein Jahrhundert eingesperrt worden ..."

Er wurde im Februar 1880 am Grinzinger Friedhof begraben. Schon ein Jahr nach seinem Tod gaben seine Freunde eine erste zweibändige Auswahl Briefe eines Unbekannten heraus. Im Herbst 2009 wird endlich wieder eine Auswahl der Briefe erscheinen, herausgegeben und eingeleitet von Constanze und Karlheinz Rossbacher (Wien: Lehner 2009). (Walter Kappacher, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 25./26.07.2009)

 

 

 

 

Zur Person:
Walter Kappacher, geb. 1938 in Salzburg, war u. a. Motorradmechaniker und Reisebürokaufmann, bevor er sich mit 40 entschloss, vom Schreiben zu leben. Zuletzt erschien von ihm Der Fliegenpalast. Kappacher wurde gerade mit dem renommierten Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.

Hinweis:
Walter Kappacher liest am Donnerstag, 30.07.2009 beim O-Töne Literaturfestival im Museumsquartier Wien. Lesung bei freiem Eintritt.

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Chinese des Schmerzes
00
27.7.2009, 08:29

und 1994 erschien im insel taschenbuch (it 1563) eine aus der 1910 erschienenen ausgabe ausgewählte ausgabe der "briefe eines unbekannten", herausgegeben von johannes willms - die sich noch in einigen wühlkisten und antiquariaten finden lässt ...
eine schöne ausgabe!

lily233
 
00
26.7.2009, 10:47
Korrektur:

Der erste Band (mit 431 Seiten) der Villers-Briefe, herausgegeben von Rudolf Graf Hoyos, erschien 1881 bei Carl Gerolds Sohn in Wien und war so erfolgreich, daß die zweite Auflage 1887 um einen weiteren Band (zu 546 Seiten) vermehrt wurde. 1910 kam dann im Leipziger Insel Verlag eine von Karl Graf Lanckorónski und Wilhelm Weigand hervorragend redigierte und kommentierte neue Ausgabe der Korrespondenz, ergänzt durch geistreich-brillante Aphorismen, Aperçus und (auch französische) Texte von Villers heraus.

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