Im Herz des Bernsteins

26. Juli 2009, 16:15
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In Palanga befindet sich die größte Bernsteinsammlung der Welt. 4.500 zum Teil vierzig Millionen Jahre alte Exemplare sind hier ausgestellt

Die Kurische Nehrung verlässt man mit einer Fähre über das Ende der Lagune nach Klaipeda, für die man als Fußgänger nichts bezahlt. So muss es sein, sage ich mir, und gehe an der Schlange der Auto- und Wohnmobile vorbei an Bord.

Klaipeda ist mit 200.000 Einwohnern Litauens drittgrößte Stadt und wichtigster Seehafen, der das ganze Jahr über eisfrei ist und von dem russisches Erdöl verschifft wird.

In Memel, wie Klaipeda auf Deutsch hieß, lebten zum größten Teil Deutsche, die jedoch durch den zweiten Weltkrieg und seiner Wirrungen vertrieben wurden. Die Stadt selbst wurde zur Hälfte zerstört. Auch wenn das Zentrum mit der Altstadt beschaulich ist und der Hauptplatz vor dem Theater mit seinen Bernsteinständen nur ab und zu von älteren Herrschaften überflutet wird, die von den immer mal wieder hier anlegenden Kreuzfahrtschiffe auf ihrer Fahrt zwischen den "Perlen der Ostsee" für eine Stunde ausgespuckt werden, scheint mir nach der Einsamkeit der Kurischen Nehrung hier reges Treiben zu herrschen.

Zwei Tage halte ich es aus, schaue mir die Fachwerkhäuser aus dem 17. Jahrhundert und den Simon-Dach-Brunnen auf dem Theaterplatz an, statte dem litauischen Meeresmuseum einen Besuch ab, schlendere durch die Straßen und setze mich mit Eiscreme in die sonnigen Cafès.

Aber dann muss ich weiter ins Bernsteinmuseum in Palanga. 1963 gegründet, umfasst das Museum eine der größten Bernsteinsammlungen der Welt. Das Museum residiert in der ehemaligen Villa des Grafen Feliksas Tiskevicius, 1897 erbaut vom deutschen Architekten Franz Schwechten und umgeben von einem zauberhaften botanischen Garten. Über 4.500 Bernsteinexemplare sind hier ausgestellt, von steinzeitlichen Funden, darunter der in den Jahren 1966 - 1976 unter der Leitung der Archäologin R. Rimantien ausgegrabene Schatz von Sventoje, über zahlreiche Inklusen mit vierzig Millionen Jahre alten Spinnen, Insekten und Pflanzenteilen, die im Herzen des Bernsteins ihr ursprüngliches Aussehen bewahrt haben, bis hin zu wertvollen Schatullen und Schmuckgegenständen durch die Jahrhunderte. Über zwei Stunden dauert meine Privatführung, und eine weitere Stunde stolpere ich dann mit Kamera und Stativ durch die wunderbaren Räume.

Jeden Samstag von sieben bis neun Uhr ist, nicht ganz leicht zu finden, in einer Ecke des Marktplatzes, der weltgrößte Bernstein-Großmarkt. Die 'Erzeuger' der Gegend sowie Großhändler aus Litauen und Kaliningrad verkaufen Bündel von Ketten, Armbändern, Amuletten nach Gewicht an die Einzelhändler - wenn man Bernstein kaufen möchte, bietet sich hier die günstigste Gelegenheit. Bevor die Händler ihre Ware wieder einpacken und den Gemüse- und Obstverkäufern Platz machen, schnappe mir noch ein kleines Stück für die Hosentasche, und dann geht es wieder auf Wanderschaft: an der Ostseeküste entlang, stundenlang barfuss durch den Sand.

Plötzlich ein Grenzstein: "Republik Lettland". So unspektakulär und zugleich romantisch habe ich selten eine Grenze überquert. Eine kleine Pause hier, ein Bad in den sanften Wellen, und dann geht es weiter, nach Lettland hinein, in das vorletzte Land meiner langen Reise. (Markus Zohner)

  • Markus Zohner erreicht Lettland.
    foto: zohner

    Markus Zohner erreicht Lettland.

  • Das Bernsteinmuseum in Palanga.
    foto: zohner

    Das Bernsteinmuseum in Palanga.

  • 4.500 Exponate sind im Bernsteinmuseum ausgestellt.
    foto: zohner

    4.500 Exponate sind im Bernsteinmuseum ausgestellt.

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