Rundschau: Zivilisation war gestern

Josefson, 22. August 2009, 13:10
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coverfoto: wurdack

Heidrun Jänchen: "Simon Goldsteins Geburtstagsparty"

Broschiert, 278 Seiten, Wurdack 2008.

"Eine Bombe in die Lichterkette, und die Volksmeinung kippt." - Was da als beiläufiger Satz in einer Ressortleiterbesprechung fällt, bringt die Handlung von "Simon Goldsteins Geburtstagsparty" auf den Punkt: Der Roman der deutschen Autorin und Physikerin Heidrun Jänchen dreht sich um Ereignisse - ob reale oder virtuelle - und wie sie geschaffen, berichterstattet und mit dem passenden Spin versehen werden, um die allgemeine Meinungslage zu beeinflussen; Ereignisse von meist explosiver Natur. - Terrorismus, Verschwörungstheorien und Manipulation der "Wirklichkeit" in der nahen Zukunft - eine sehr ähnliche Mischung servierte Ken MacLeod mit dem zeitgleich entstandenen "The Execution Channel". Allerdings führte der schottische Autor sein Publikum gezielt an der Nase herum: Da wurde, was zunächst ein klares Post-9/11-Szenario zu sein schien, unversehens zur Alternativweltgeschichte, und das Ende erinnerte dann eher an James Blish als an Cyberpunk. Jänchen hingegen bleibt dem eingangs eingeschlagenen Pfad treu und schreitet ihn weiter, ohne das Genre zu wechseln.

Alle ProtagonistInnen sind auf ihre ganz eigene Weise an der Produktion und Verarbeitung von Ereignissen beteiligt: John Dove, ein neurotischer Terrorist mit einem ganzen Bündel psychosomatischer Beschwerden, schafft sie - wenn auch unwillig und auf Anweisung eines obskuren Auftraggebers, der ihn aus der Ferne biometrisch überwacht. Fiana O'Nolan, eine irische Reporterin des European News Service, berichtet darüber - ganz dem Ethos des investigativen Journalismus verhaftet; nur ihre Nachforschungen zur angeblichen Ermordung des EU-Präsidenten hätte sie besser gelassen. Und dann ist da schließlich Frank Böttger, der im deutschen Institut für Medienforschung für die technische Umsetzung medienpolitischer Strategien sorgt. Denn hier wird nicht nur nach Mustern im globalen Kommunikationsaufkommen gesucht, diese sollen auch - etwa mit Mail-Schwemmen oder der Einrichtung und Verlinkung von Websites - gesteuert werden: Nigeria hat biologische Waffen eingesetzt? Ist außenpolitisch nicht opportun - stellen wir's als Hoax dar. Die Amerikaner forschen an Zeitreisen? Machen wir sie lächerlich. - Böttger war auch daran beteiligt, den realen (und erfolgreichen) Anschlag auf Präsident Giraux durch ein geschickt lanciertes Fake-Attentat zu vernebeln - und dieses Ereignis wird es auch sein, das alle Hauptfiguren zusammenführt. - Die Erlebnisse einer weiteren Figur laufen davon zunächst unabhängig: Jeremiah, ein 13-jähriger Junge aus einem nicht genannten Land, der sich aus einer abgeschotteten Christensiedlung in die große Stadt aufmacht. Auch er wird sich am Ende aber in die Haupthandlung einfügen; zumindest zum Teil ...

Jänchen entwirft eine Welt des 21. Jahrhunderts, in der die USA zu einem Gottesstaat geworden sind (ein gerne verwendetes Motiv europäischer AutorInnen, mit mehr oder weniger deutlicher Häme eingesetzt), während diesseits des Atlantiks das "Europa der zwei Geschwindigkeiten" Realität geworden ist und eine Innere Europäische Union einem Konkurrenzgebilde gegenübersteht: Auflösungserscheinungen, die sich auf staatlicher Ebene fortsetzen - wie in Spanien, das in Kastilien und Katalonien zerfallen ist. Für die gesellschaftliche Entwicklung hat Jänchen die Trends der Gegenwart auf die Jahrhundertmitte projiziert: Statt Jugendbanden treiben hier Gangs von Rentnern ihr Unwesen, die mit dem Web aufgewachsen und entsprechend ausgefuchst sind. Die fortschreitende Automatisierung macht Arbeitsplätze zu einem kostbaren Gut - und ganz der Logik einer komplex vernetzten Welt entsprechend verteilt mitten in einer Protest-Demo die mausige Éloïse Flugzettel, auf denen sie die Abspaltung des muslimischen West-China propagiert. Schließlich hat China ihren Arbeitsplatz gefressen - herrscht dort erst mal Bürgerkrieg, werden die Firmen schon wieder abziehen ... - Verschwörungstheorien und paranoide Gedanken aller Art blühen in dieser unübersichtlich gewordenen Welt und ziehen sich auf allen Ebenen durch den Roman. John beispielsweise sorgt sich nach Durchführung eines Bombenattentats, weil sein Magen keinen Alkohol verträgt ("Die Leute achten auf Antialkoholiker, denn jeder von ihnen könnte ein islamischer Terrorist sein."), und die Mondlandung ist längst als Hoax erwiesen; man hat's ja schon immer gewusst.

Auf der Haben-Seite des Romans (und die überwiegt eindeutig) ist ganz klar der Stil zu verzeichnen - vor allem die präzise Sprache und Begriffsverwendung, von der sich so manche AutorInnen eine Scheibe abschneiden könnten. Im Soll steht manchmal die Logik: Des öfteren treffen rein zufällig Figuren aufeinander, zwischen deren Leben es mehr Querverbindungen gibt, als sie zunächst ahnen. Und der Übergang vom ursprünglichen Handlungsbogen zu einem zweiten - nichts weniger als der Ausarbeitung des größten Hoax aller Zeiten, Projekttitel: "Simon Goldsteins Geburtstagsparty" - lässt den Roman in zwei Teile zerfallen. Vor allem aber stellt sich dabei die Frage, warum die Beteiligten so sicher sind, dass die Inszenierung einer virtuellen globalen Katastrophe nicht zu Chaos, sondern zu einem konstruktiven Ergebnis führen wird. Manches bleibt ungesagt. Das ist ein hervorragender stilistischer Kniff, wenn Jänchen beispielsweise nicht plump einen Satz wie "Wegen der geschwundenen Erdölreserven wurde der Flugzeugverkehr weitgehend eingestellt" schreibt, sondern schildert, wie die ProtagonistInnen mit Luftschiff, Transatlantik-Fähre und Eisenbahn unterwegs sind, und so den Leser langsam selber den Hintergrund kombinieren lässt. Dafür würde man sich an mancher Stelle explizite Aussagen wünschen, wo es um die persönlichen Hintergründe der Hauptfiguren geht; so mancher Strippenzieher bleibt da im Dunkeln. - Teilabstriche also an einem Roman, der insgesamt jedoch erfreulich intelligent ist. Und spannend obendrein.

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"Alastair Renolds" -> einer der Besten...

...SciFi-Autoren unserer Zeit.
Mir fällt auf Anhieb eigentlich nur "Dan Simmons" ein, der in ähnlich großen Maßstäben schreibt.

"Haus der Sonnen"...

...habe ich bereits gelesen.
Unglaublich was sich Reynolds da wieder hat einfallen lassen. Das Ende ist zwar etwas vorhersehbar, das macht das Lesevergnügen aber um nichts geringer.

Hat mir auch gut sehr gut gefallen ^^

Habe mir gerade nochmals die älteren Rubriken auf der Suche nach Anregungen durchgelesen und dabei fiel mir auf das es keine einzigen Beitrag über Peter F. Hamilton.

Gibt es da einen Grund oder ist es einfach Zufall?

J. Josefson
00
24.8.2009, 15:05
Einfach Zufall.

"Träumende Leere" liegt schon länger bei mir herum - sobald ich "Schwarze Welt" bekomme, kann ich's gemeinsam abhandeln.

Bin schon gespannt wie es ihnen gefällt. Ich finde es wieder sehr gelungen. Aber ich bin da wohl nicht objektiv, mir gefällt eigentlich alles von ihm.

Was würde ich dafür geben so spannend schreiben zu können.

ja, ich halte ihn fuer den derzeit besten...

Bzw. ist "Schwarze Welt" auch schon in Deutsch erhältlich.

Das Himmel-Hölle-Motiv scheint grad' ein Revival zu erleben...

sag mal josefson,

liest du das alles? wie kann man nur so schnell so viel lesen?

Vielen Dank, es ist immer eine Freude die Rundschau zu lesen.

Auch von mir ein großes Danke an den Verfasser der Rundschau. Ein oder zwei der empfohlenen Exemplare landeten bisher jedesmal in meinem virtuellen Warenkorb.

Herr Josefson, WANN lesen Sie diese ungeheuren Mengen?

J. Josefson
06
23.8.2009, 16:27
Ich hatte Spock als Literatur-Prof.

Aber im Ernst: Diesmal war's zugegebenermaßen an der Grenze (liegt grade soviel rum bei mir, da musste ich ein paar Titel abbauen). Plus ein paar Bücher lesen, die nichts mit dieser Rubrik zu tun haben, ein Leben führen ... ach ja, und arbeiten. Außerdem schätze ich einen gepflegten 8-Stunden-Schlaf sehr.

Aber im Grunde ist das kein Problem. Mein Haupttipp für ungeahnte Zeitreserven: Fernsehen auf das Wesentliche beschränken, zum Beispiel Spiele von Werder Bremen.

Der...

...Haruki Murakami wären sie gerne , gell?

Wie immer ist dieser teil der beste teil im Standard

wiedereinmal sage ich HERZLICHST DANKE!

Wie immer: Danke für diese Rubrik!

Roter Donner klingt gut. Opritschniki auch. Kann der Rest bitte aufhören, auf diesen unsäglichen Fantasy-Zug aufzuspringen? Der Schwerter-und Drachenkäse geht mir auf die Nerven. Da muss man sich jedes Mal, wenn man frische SciFi sucht, erst durch Berge von Elfen und ähnlichem Gesocks graben.

Frage mich auch, ob es endlich möglich wäre, im Buchhandel diese Genres zu trennen.

ein paar geschäfte trennens :) thalia z.B.

Den Opritschnik hab ich eher entbehrlich gefunden, die Amazon.de-Kritiken sind ziemlich zutreffend.

Völlig ihrer Meinmung!


Wenn man die Gesetze der Physik bricht und jemanden z.B. ohne Zeitverlust von A nach B versezt, hat das gefälligst mittels einer durch Antimaterie angetriebenen Wurmloch-Spinphasenverschiebungssonde zu geschehen.

Gemurmelte Zaubersprüche und Beschwörungen? Lächerlich, wie kann man es sich nur so leicht machen.




(sollte irgendwo der Sarkasmusdetektor angesprungen sein ... wird das schon seinen Grund haben)

Ja

können bitte alle sofort aufhören Genres zu schreiben die mir nicht gefallen? Danke! Die Welt hat sich gefälligst nach meinem Geschmack zu richten.




;)

Ist das rübergekommen? Ne, war nicht so gemeint. Die Elfenfans sollen lesen was sie wollen, ich steh' halt auf was anderes. Und wenn man schon Krimis und Thriller trennt warum nicht auch Fantasy und SciFi ;)

Da frag ich mich heute noch wann denn der nächste Artikel kommt und schon ist er da.

Sind wieder einige interessante Sachen dabei. Wenn ich mit Ian Banks "Die Sphären" fertig bin, werde ich mich wohl auf "Das Haus der Sonnen stürzen.

Ich bin jetzt ca. bei der Hälfte des Buches, bis jetzt entzieht sich mir der Grund allerdings noch weswegen es solange auf der Bestsellerliste war.

Naja, vielleicht wird's ja noch.

Einfach eine tolle Rubrik.

J. Josefson
00
23.8.2009, 16:15

Ich wäre immer noch auf Ihr abschließendes Fazit zur "Stadt am Ende der Zeit" gespannt. Ich gebe zu: mir gelingt's nicht wirklich, das als ge- oder misslungen einzuordnen.

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