Rundschau: Zivilisation war gestern

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coverfoto: heyne

Alastair Reynolds: "Das Haus der Sonnen"

Broschiert, 702 Seiten, € 10,30, Heyne 2009.

Einen brandneuen Reynolds in die Finger zu bekommen sorgt in etwa für gleich viel Vorfreude wie bei einem Stephen Baxter (hatten wir kürzlich) oder Robert Charles Wilson (ist nächsten Monat dran). In "House of Suns" - im Original 2008 erschienen - scheint der walisische Star-Autor extra angetreten zu sein, um das alte Sprichwort "Small is beautiful" komplettemang in den Wind zu schießen und dafür Arthur C. Clarkes berühmten Satz "Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden" zu illustrieren. Und zwar prall.

Schon der Eröffnungssatz stimmt darauf ein, dass sich "Das Haus der Sonnen" in großen Maßstäben abspielen und Science Fiction mit Fantasy-haften Zügen anreichern wird. Zu Wort kommt das Mädchen Abigail Gentian aus dem Reich der Goldenen Stunde - wobei "Mädchen" relativ ist, denn Abigails Kindheit wurde künstlich auf 30 Jahre verlängert. In einem denkenden und sich ständig wandelnden Haus mit unzähligen Räumen lebt sie auf einem Planetoiden und wird gelegentlich von einem Spielgefährten besucht, der mit seinem Privat-Shuttle einschwebt: Der Kleine Prinz und die Kleine Prinzessin gewissermaßen, ErbInnen zweier Konzerne. Wir schreiben das 31. Jahrhundert - und schon wird im nächsten Kapitel sechs Millionen Jahre in die Zukunft geblendet, wo zwei weitere Hautpfiguren des Romans leben. Auch hier ist der erste Eindruck ein märchenhafter, denn diese beiden - Portula und Campion, Angehörige des Hauses der Blumen (=die Familie Gentian) - stehen gerade in Verhandlungen mit waschechten Zentauren, deren Welt sie mit einem Sternendamm schützen. Andere Häuser beherrschen andere Methoden des Sternenmanagements, bewegen Planeten aus Gefahrenzonen oder entflammen gealterte Sonnen aufs Neue. Die Gentians aber haben sich auf eine besondere Form des Recyclings spezialisiert: Sie sammeln die Hinterlassenschaften einer vergangenen Zivilisation - ringförmige Teile von Dysonsphären, die auf der Innenseite mit idealen Spiegeln ausgekleidet sind - und gruppieren sie als kugelförmige Käfige um rabiat gewordene Sterne. Selbst bauen könnten sie solche Artefakte allerdings nicht - das schafften nur die unbekannten Früheren, die längst verschwunden sind. Genauso wie die ganze Andromeda-Galaxie übrigens, die nur einen Absenz genannten dunklen Fleck am Himmel hinterlassen hat. - Gekleckert hat Reynolds hier also nicht, sondern monumental geklotzt.

Der historische Hintergrund ist der folgende: Abigail wie auch einige andere Superreiche des 31. Jahrhunderts wurden geklont, ihre Erinnerungen auf jeweils 1.000 Splitterlinge beiderlei Geschlechts aufgeteilt. Auch Abigail selbst mischte sich unter ihre Tausendschaft - doch spielt es längst keine Rolle mehr, wer das "Original" war, da die Splitterlinge ihre Erinnerungsstränge fortwährend miteinander tauschen. Das ist nebenbei bemerkt ein netter Trick, mit dem Alastair Reynolds seine begrenzte Fertigkeit, individuelle Persönlichkeiten zu schildern, verschleiern kann - und eine plausible Erklärung dafür, warum die abwechselnd aus Portulas und Campions Ich-Perspektive geschilderten Kapitel voneinander kaum unterscheidbar sind.

Warum die Splitterlinge quasi-unsterblich sein sollen, wird zwar leider nicht befriedigend geklärt - doch die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, machen den Hauptreiz des Romans aus. Denn die in der Körperschaft zusammengefassten Häuser bilden eine Meta-Zivilisation, die Jahrmillionen überdauert hat, während rings um sie unzählige Wandelzivilisationen der Menschen innerhalb von wenigen zehntausend Jahren aufblühen und wieder vergehen. (Dass es in der Milchstraße keine Aliens gibt, spielt angesichts der exotischen Vielfalt der körperlich oft stark modifizierten Menschennachkommen keine Rolle - siehe etwa die Zentauren oder die riesenhaften Informationssammler der Vigilanz, mit denen man kommuniziert, indem man sich von ihnen verschlucken lässt.) Für die Häuser sind dies so kurze Zeitspannen, dass sie ein Universales Aktuar eingerichtet haben, das die Wahrscheinlichkeit berechnet, ob eine bekannte Zivilisation zum Zeitpunkt, da ein Körperschaftsraumschiff dort eintrifft, überhaupt noch existiert. Denn - und hier ist "Das Haus der Sonnen" ganz Hard-SF - die Lichtmauer konnte nie durchbrochen werden, weder per Raumschiff noch per Kommunikationssignal. Die weitaus meiste Zeit ihres Lebens verbringen Splitterlinge daher in einer Form von Stasis, während ihre Raumschiffe knapp unter Lichtgeschwindigkeit durch eine sich wandelnde Milchstraße reisen. Zwangsläufig leben sie in einer eigenen, völlig entrückten Kontinuität, für die die hastige Außenwelt kaum mehr als eine Kulisse ist. Sie ehren zu Tode gekommene Körperschaftsmitglieder, indem sie die Gasschwaden einer verwehenden Supernova zu deren Gesichtern modellieren, und sehen ihren Status abgeklärt, doch ohne falsche Bescheidenheit: Ganze Zivilisationen hatten ihre Existenz unseren gottgleichen Taten zu verdanken, die unbezeugt waren und in niemandes Gedächtnis verankert. - Es ist schwer zu sagen, ob eine derart aus dem menschlichen Horizont herausgehobene Perspektive überhaupt glaubhaft geschildert werden kann, aber Reynolds gibt sich wirklich alle Mühe.

Alle 200.000 Jahre treffen sich die Gentians zum Austausch von Erinnerungen auf irgendeinem Planeten - aber diesmal kommt es anders: Unbekannte Angreifer löschen fast die komplette Familie mitsamt dem betreffenden Sonnensystem aus, ganze 52 Gentians können sich auf einen Ausweichplaneten retten. In dessen Beschreibung läuft Reynolds Ideenreichtum noch einmal zur Hochform auf: Die aktuellen Bewohner Neumers haben ihre Bauten auf den gigantischen Türmen einer vergangenen Wandelzivilisation errichtet, der Planet ist von einem Orbitalring aus einer dritten Ära umgeben, die Dünen der Neumer'schen Wüsten bestehen aus dem Staub einer vierten und eine Luftgeist genannte posthumane Entität aus fernster Vergangenheit kontrolliert die Atmosphäre. Hinterlassenschaften versunkener Hochkulturen werden in Science Fiction-Romanen ja gerne eingestreut - hier aber sind sie selbstverständlicher Teil planetarer Topografien, was in dem hier geschilderten Ausmaß ziemlich einzigartig ist. Die Gentians freilich kommen wenig zum touristischen Staunen: Sie müssen vielmehr rätseln, wer sie angegriffen hat und ob es unter ihnen Verräter gibt. - Zum Sense of Wonder gesellt sich damit ein klassischer Whodunnit-Plot auf makrokosmischer Ebene, und am Ende wird nicht nur geklärt werden, was es mit dem geheimnisvollen Haus der Sonnen, das es in der Körperschaft gar nicht gibt, auf sich hat, sondern auch was mit Andromeda geschehen ist. Faszinierend!

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"Alastair Renolds" -> einer der Besten...

...SciFi-Autoren unserer Zeit.
Mir fällt auf Anhieb eigentlich nur "Dan Simmons" ein, der in ähnlich großen Maßstäben schreibt.

"Haus der Sonnen"...

...habe ich bereits gelesen.
Unglaublich was sich Reynolds da wieder hat einfallen lassen. Das Ende ist zwar etwas vorhersehbar, das macht das Lesevergnügen aber um nichts geringer.

Hat mir auch gut sehr gut gefallen ^^

Habe mir gerade nochmals die älteren Rubriken auf der Suche nach Anregungen durchgelesen und dabei fiel mir auf das es keine einzigen Beitrag über Peter F. Hamilton.

Gibt es da einen Grund oder ist es einfach Zufall?

J. Josefson
00
24.8.2009, 15:05
Einfach Zufall.

"Träumende Leere" liegt schon länger bei mir herum - sobald ich "Schwarze Welt" bekomme, kann ich's gemeinsam abhandeln.

Bin schon gespannt wie es ihnen gefällt. Ich finde es wieder sehr gelungen. Aber ich bin da wohl nicht objektiv, mir gefällt eigentlich alles von ihm.

Was würde ich dafür geben so spannend schreiben zu können.

ja, ich halte ihn fuer den derzeit besten...

Bzw. ist "Schwarze Welt" auch schon in Deutsch erhältlich.

Das Himmel-Hölle-Motiv scheint grad' ein Revival zu erleben...

sag mal josefson,

liest du das alles? wie kann man nur so schnell so viel lesen?

Vielen Dank, es ist immer eine Freude die Rundschau zu lesen.

Auch von mir ein großes Danke an den Verfasser der Rundschau. Ein oder zwei der empfohlenen Exemplare landeten bisher jedesmal in meinem virtuellen Warenkorb.

Herr Josefson, WANN lesen Sie diese ungeheuren Mengen?

J. Josefson
05
23.8.2009, 16:27
Ich hatte Spock als Literatur-Prof.

Aber im Ernst: Diesmal war's zugegebenermaßen an der Grenze (liegt grade soviel rum bei mir, da musste ich ein paar Titel abbauen). Plus ein paar Bücher lesen, die nichts mit dieser Rubrik zu tun haben, ein Leben führen ... ach ja, und arbeiten. Außerdem schätze ich einen gepflegten 8-Stunden-Schlaf sehr.

Aber im Grunde ist das kein Problem. Mein Haupttipp für ungeahnte Zeitreserven: Fernsehen auf das Wesentliche beschränken, zum Beispiel Spiele von Werder Bremen.

Der...

...Haruki Murakami wären sie gerne , gell?

Wie immer ist dieser teil der beste teil im Standard

wiedereinmal sage ich HERZLICHST DANKE!

Wie immer: Danke für diese Rubrik!

Roter Donner klingt gut. Opritschniki auch. Kann der Rest bitte aufhören, auf diesen unsäglichen Fantasy-Zug aufzuspringen? Der Schwerter-und Drachenkäse geht mir auf die Nerven. Da muss man sich jedes Mal, wenn man frische SciFi sucht, erst durch Berge von Elfen und ähnlichem Gesocks graben.

Frage mich auch, ob es endlich möglich wäre, im Buchhandel diese Genres zu trennen.

ein paar geschäfte trennens :) thalia z.B.

Den Opritschnik hab ich eher entbehrlich gefunden, die Amazon.de-Kritiken sind ziemlich zutreffend.

Völlig ihrer Meinmung!


Wenn man die Gesetze der Physik bricht und jemanden z.B. ohne Zeitverlust von A nach B versezt, hat das gefälligst mittels einer durch Antimaterie angetriebenen Wurmloch-Spinphasenverschiebungssonde zu geschehen.

Gemurmelte Zaubersprüche und Beschwörungen? Lächerlich, wie kann man es sich nur so leicht machen.




(sollte irgendwo der Sarkasmusdetektor angesprungen sein ... wird das schon seinen Grund haben)

Ja

können bitte alle sofort aufhören Genres zu schreiben die mir nicht gefallen? Danke! Die Welt hat sich gefälligst nach meinem Geschmack zu richten.




;)

Ist das rübergekommen? Ne, war nicht so gemeint. Die Elfenfans sollen lesen was sie wollen, ich steh' halt auf was anderes. Und wenn man schon Krimis und Thriller trennt warum nicht auch Fantasy und SciFi ;)

Da frag ich mich heute noch wann denn der nächste Artikel kommt und schon ist er da.

Sind wieder einige interessante Sachen dabei. Wenn ich mit Ian Banks "Die Sphären" fertig bin, werde ich mich wohl auf "Das Haus der Sonnen stürzen.

Ich bin jetzt ca. bei der Hälfte des Buches, bis jetzt entzieht sich mir der Grund allerdings noch weswegen es solange auf der Bestsellerliste war.

Naja, vielleicht wird's ja noch.

Einfach eine tolle Rubrik.

J. Josefson
00
23.8.2009, 16:15

Ich wäre immer noch auf Ihr abschließendes Fazit zur "Stadt am Ende der Zeit" gespannt. Ich gebe zu: mir gelingt's nicht wirklich, das als ge- oder misslungen einzuordnen.

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