"Mit der richtigen Technik durchaus anstrengend"

26. Juli 2009, 20:13
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Um den Unterschied zwischen Wander- und Nordic-Walking-Stöcken zu verstehen, braucht man eine Trainerstunde, weiß Nordic-Walking-Instructor Peter Stefanich

Standard: Ist Nordic Walking überhaupt ein echter Sport?

Stefanich: Nordic Walking wird von vielen Menschen einfach als "Gehen mit Stöcken" umgesetzt, also als Spazierengehen mit einer Balancehilfe. Da kann man jetzt natürlich geteilter Meinung sein - aber wenn man sich das Leistungsniveau der Menschen anschaut, ist das auch durchaus als Sport zu sehen: Eine ältere Dame, die sich nach langer Zeit der Inaktivität wieder bewegt, wird das als Sport erleben. Und das ist es, was zählt. Mit der richtigen Technik wird es dann durchaus anstrengend - und ist in jedem Fall ein Sport, wenn auch ein Low-Impact-Sport. Aber gerade das ist ideal für Menschen, die reaktiviert werden sollen. Darüber hinaus ist nicht nur das Gehen wichtig: Das Erleben der Landschaft ist Teil des Mehrwertes.

Standard: Was bedeutet das: "Low Impact"?

Stefanich: Es ist eine niedrigere Stoßbelastung als beim Laufen - und nicht jeder kann oder will laufen. Das kann die verschiedensten Gründe haben. Walken ist da die schonendere Alternative.

Standard: Aber wozu brauche ich dazu einen Trainer? Gehen und einen Stock halten kann doch jeder.

Stefanich: Ich halte eine Trainerstunde für unumgänglich - egal, mit welchem Sport ich beginnen will. Denn sonst ist die Qualität der Bewegung nicht gegeben. Nordic Walking ist eine durchaus komplexe Bewegungsform: Gehen mit Stöcken kann jeder, aber ein Laie erkennt den Unterschied zwischen Nordic Walking und Spazierengehen mit Wanderstöcken wahrscheinlich nicht, wenn man es ihm nicht zeigt. Es macht einen Unterschied, ob ich mich einfach abstütze - oder den Stockeinsatz setze, um eine gute Streckung im Schultergürtelbereich zu erreichen.

Standard: Was genau unterscheidet Nordic Walking vom normalen Gehen?

Stefanich: Der Stockeinsatz sorgt für eine Streckung des gesamten Schultergürtelbereiches. Das gibt Vortrieb und hat zur Folge, dass ich den Körper aufrichte. So werden andere Muskeln als beim Wandern aktiviert. Auch der Kontakt des Stockes zum Boden führt dazu, dass zusätzlich Muskelgruppen aktiviert werden. Ich involviere also viel mehr Teile meines Körpers. Ein Wanderstock ist eine Balancehilfe - der gibt mir Sicherheit. Das ist eine andere Grundidee.

Standard: Wer soll Nordic Walking betreiben - und wer nicht?

Stefanich: Jeder kann Nordic Walking betreiben, auch Senioren oder Kinder. Ich denke, die richtigen Instruktionen sind wichtig, gehen kann jeder.

Standard: Und High-Impact-Sportler - wie zum Beispiel Läufer - würden sich beim Walken nicht langweilen?

Stefanich: Ich glaube nicht, dass sich Läufer oder andere Sportler beim Nordic Walking langweilen würden: Denn es ist ein ganz anderer Zugang zu einer ganz anderen Bewegungsart. Sicher, wenn ich möglichst schnell zu Fuß unterwegs sein will und ich laufen kann, ist Nordic Walking nicht mein Sport. Aber beim Laufen geht es um etwas völlig anderes als beim Nordic Walken - etwa das Natur-erlebnis: Es käme ja auch kein Marathonläufer auf die Idee, das Laufen gegen das, was man beim Wandern erlebt, aufzurechnen.(DER STANDARD Printausgabe, 27.07.2009)

 

Unsportlich

Egal ob Spazierengehen oder Wandern: Der aktivierte Muskel will Sauerstoff. Um den zu liefern, pumpt das Herz intensiver und schneller: Der Energieumsatz im Körper steigt.

Schon beim Bummeln verbraucht der Körper dreimal so viel Energie wie im Ruhen. Erhöht sich die Intensität auf das Fünf- bis Sechsfache, hat das mittelfristig Muskelwachstum und höhere Belastbarkeit zur Folge: Bewegung wird so zu Training. Der Unterschied zu Sport? Leistungsdiagnostiker Paul Haber erklärt, dass man beim Training die Leistungsfähigkeit kontrolliert und schrittweise erhöht. Sport aber beschreibt den Wettkampf: Man überschreitet dabei oft auch Grenzen.

Gerade beim (Berg-)Wandern warnt Haber daher vor einem "sportlichen" Zugang: "In den Alpen gibt es pro Jahr etwa 150 Tote. Die wenigsten sind Alpinisten, die abstürzen. Meist schätzen ungeübte Wanderer ihre Kondition und die Höhe falsch ein. Die Folge sind dann oft Herz- oder Kreislaufversagen." (rott)

 

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