Gehen - egal ob Spazieren, Wandern oder Nordic Walken - ist einfach, billig und effizient - Eine Stunde pro Tag ist schon echtes Fitnesstraining
Manche Dinge sind ganz einfach. Man tut sie und überlegt dabei keine Sekunde, wie und warum das, was man da gerade tut, überhaupt funktioniert. Das ist gut so. Beim Autofahren etwa - oder beim Atmen oder auch beim Gehen.
Denn wenn man bei jedem Schritt darüber nachdächte, was zwischen Kopf und Fußsohle alles passiert, damit man jedes Mal ein Stück weiterkommt, dabei nicht strauchelt und dies auch auf wechselnden Untergründen, Stiegen oder gar auf einer Rolltreppe, käme man nicht weit. Und davon, beim Gehen, Spazierengehen oder Wandern sogar noch zu plaudern oder die Landschaft zu genießen, könnte dann schon gar keine Rede sein. Darum, meint Karl-Heinz Kristen, sei es gut, dass niemand, der gehen kann, dabei über den aufrechten Gang nachdenkt - sondern es einfach tut.
"Tatsächlich", erklärt der Wiener Sportorthopäde, "ist Gehen aber ein hochkomplexer Vorgang." Und von "kinderleicht" weit entfernt: "Richtig gehen kann man erst mit sieben Jahren", stellt der Orthopäde mit apodiktischer Bestimmtheit fest. Kristen will damit aber keinesfalls Eltern, deren Nachwuchs sich ab der Mitte des ersten Lebensjahres erstmals auf die (bis dahin) Hinterläufe stellen, in "Wunderkind"-Jubel ausbrechen lassen: "Es geht darum, ab wann die repetitiven Muster des Bewegungsablaufes dermaßen automatisiert und internalisiert sind, dass man bei jedem Tempo und auf jedem Untergrund die Balance halten kann. Und das ist erst im siebenten Lebensjahr der Fall."
Auf einem Bein stehen
Doch dass diese Sicherheit nie endgültig ist, will der Arzt auch ergänzen - und rät zum Selbsttest: "Können Sie auf einem Bein stehen? Auch mit geschlossenen Augen?" Es sei, erklärt Kristen, kein Zufall, dass Wackeligkeit und Unsicherheit bei Menschen, die sich zu wenig bewegten, stärker ausgeprägt sind als bei weniger "sesshaften" Charakteren.
"Gehen", so das Credo des Arztes, "ist die Urform der menschlichen Mobilität." Und sogar lange bevor man von Sport sprechen könne, sei Gehen daher nicht bloß der Anfang jeder Mobilität, sondern auch der erste Schritt zur Prävention von Zivilisationskrankheiten: "Gehen ist billig. Praktisch jeder kann es. Man braucht keinen Trainer und keinen Verein oder spezielle Ausrüstung. Man befindet sich automatisch in einem sicheren Pulsbereich - es besteht keine Überlastungsgefahr für Gelenke und Muskulatur. Und ganz abgesehen von den positiven, präventiven Wirkungen fürs Herz-Kreislauf-System und für die Knochen- und Muskelstruktur sind das Natur- und Gruppenerlebnis für die Psyche extrem wichtig", listet der Sportorthopäde die zahlreichen Vorteile auf, "die so selbstverständlich sind, dass kaum jemand je darüber nachdenkt."
Kehrseite der Bewegungs-Statistik
Oder aber darauf verzichtet: Der Freizeitforscher Peter Zellmann etwa freut sich zwar, dass 35 Prozent der Österreicher angeben, regelmäßig zu spazieren, zu wandern oder Nordic Walking zu betreiben: "Das sind die einzigen Sportarten, die das Präfix ,Trend' tatsächlich verdienen." Gleichzeitig weist er aber auch auf die Kehrseite der heimischen Bewegungs-Statistiken hin: "30 Prozent der Österreicher sagen, dass sie nie spazieren gehen, wandern oder kleinere Strecken zurücklegen." Nachsatz: "Das sind nicht die, die andere Sportarten machen. Nein, diese Menschen bewegen sich überhaupt nicht."
Eine Stunde Gehen pro Tag, erklärt der Leistungsdiagnostiker und Sportmediziner Paul Haber, wäre jedoch "das Minimum, das der Körper braucht". Denn schon beim Schlendern im "Erbauungstempo" setzt der Körper rund dreimal so viel Energie um wie im Ruhezustand - also etwa im Sitzen: "Der Transport von Sauerstoff zu den Muskeln wird intensiviert, man aktiviert Herz und Kreislauf - so hat sogar schon Spazierengehen erheblichen präventiven Wert."
"Hin und wieder" ist zu wenig
Freilich nur dann, wenn die Häufigkeit über "hin und wieder" liegt: "Ein Mal die Woche bringt fast gar nichts - was zählt, ist in erster Linie Regelmäßigkeit." Und in zweiter auch Intensität: "Spazierengehen ist besser als nichts - aber noch kein Training, von dem Muskulatur, Organismus oder Kreislauf tatsächlich profitieren können." Dies, so der Leistungsdiagnostiker, beginne beim Fünf- bis Sechsfachen der Ruhebelastung: also beim zügigen, aber auf keinen Fall hektischen Wandern. Ausreden, gar nichts zu tun, lässt der Arzt keine gelten: "Klar, wer akut krank ist, der muss sich schonen. Aber heute weiß man, dass Gehen vor allem auch chronisch Kranken hilft. Natürlich nur unter ärztlicher Anleitung - das muss klar sein."
Denn dann, so Haber - also etwa wenn man im richtigen Pulsfrequenzbereich wandert - sei auch bei Übergewicht und Kreislaufbeschwerden Wandern "ideal". Und seit Stöcke nicht mehr ein Hinweis auf Gebrechlichkeit, sondern vor allem als Signum eines aktiven Lifestyles sind, habe sich sogar in der Spaziergeher-Szene einiges getan, weiß Freizeitforscher Zellmann: "Die Beobachtung, dass manche Menschen länger unterwegs sind, bevor sie im Kaffeehaus landen, weil sie sich mit Nordic- Walking-Stöcken sportlicher oder aber verpflichteter fühlen, ist sicher richtig - und wenn es wirkt, ist dagegen nicht das Geringste einzuwenden." (DER STANDARD Printausgabe, Thomas Rottenberg, 27.07.2009)