"Wir brauchen wieder Dissidenten"

24. Juli 2009 08:37
  • Artikelbild
    Foto: newald; collage: beigelbeck / der standard

    Übertriebene Vernetzung fördert Gleichschaltung von Gedanken und Ideen, sagt Rechtsexperte Mayer-Schönberger.

Internetrecht-Experte Viktor Mayer-Schönberger glaubt, dass "Übervernetzung" durch Facebook & Co zu einem Meinungseinheitsbrei führt. Er fordert mehr Freiräume

Standard: In Ihrem neuen Paper für die Fachzeitschrift "Science" fordern Sie mehr radikale Innovationen für das Internet ein. Ist denn so wenig Neues in den letzten zwanzig Jahren entstanden?

Mayer-Schönberger: Es gab schon zahlreiche Innovationen, aber immer wieder radikal Neues zu schaffen scheint sehr schwierig. Microsoft will seit langem grundlegende Neuerungen am Word-Programm umsetzen, auch das verhindern die Nutzer - sie wollen Gewohntes beibehalten. Und das neue Internetprotokoll IPv6 würde die Netzsicherheit verbessern, aber seine Einführung geht schleppend voran. Da sind zu viele Bremser am Werk, die sagen: Das alte Protokoll funktioniert doch noch gut genug.

Standard: Warum und wie wird gebremst?

Mayer-Schönberger: Die Open- Source-Community ist mittlerweile sehr stark vernetzt. Radikale Innovationen werden vor ihrer Einführung auf breiter Basis diskutiert. Man will kompatibel mit der Szene bleiben, nirgendwo anecken. So können die zahlreichen Web-2.0-Anwendungen zu "Groupthink" führen, einer Art Meinungseinheitsbrei durch "Übervernetzung". Damit kann hervorragende Forschungsleistung als solche nicht mehr ausreichend wahrgenommen werden. Da braucht es dann wieder Dissidenten, wie einst die Erfinder von Linux, die ausscheren und sich trauen, etwas abseits des Gewohnten zu beginnen.

Standard: Was raten Sie als Gegenmaßnahme?

Mayer-Schönberger: Für die Entwickler wäre es hilfreich, nicht alle Informationen über ihre Ideen an alle weiterzugeben - Diskussionen wieder in kleineren Gruppen zu halten. So könnten Experimentierräume entstehen, die radikalere Neuerungen zulassen. Auch die Forschungsförderung muss sich tiefgehend ändern. Die honorige Peer-Review, also die Bewertung von Forschungsanträgen und Forschungsergebnissen vor Veröffentlichung durch Fachkollegen, reicht nicht mehr. Denn mit den Kollegen will man sich nicht anlegen, weil man um die Förderung oder um den Abdruck der Studie fürchtet. Das aber fördert wiederum "Groupthink" und bremst wirklich neue Ideen.

Standard: Immerhin hat man Ihr Paper bei "Science" angenommen ...

Mayer-Schönberger: Nach einer massiven Kritik an meiner Kritik an Peer-Reviews. Das war schon amüsant. Eigentlich eine Diskussion auf Metaebene. Kritik wird von Kritikern kritisiert.

Standard: Mussten Sie also doch Anpassungen vornehmen - und die Radikalität in Ihrem Paper zurücknehmen?

Mayer-Schönberger: Ich habe das Paper nur in jenen Passagen, die für mich inhaltlich vertretbar waren, korrigiert. Die wichtigen Punkte sind geblieben.

Standard: Ist das Problem der Übervernetzung auch gesamtgesellschaftlich zu sehen?

Mayer-Schönberger: Absolut. Wir drohen in vielen Bereich übervernetzt zu werden, uns fehlen die Freiräume, völlig Neues zu denken und anzugehen. Anstatt tausenden anderen auf Facebook mitzuteilen, was wir gerade machen, sollten wir wieder mehr auf unsere individuelle Kreativität setzen. Der Kulturanthropologe Jared Diamond hat das einmal mit Kommunikation in Staaten verglichen - und ob man davon auf den langfristigen Erfolg schließen kann. In China ging die Kommunikation rasend schnell, aber sie verdrängte neue Ideen. Im hügeligen Norditalien war sie deutlich langsamer und so konnten sich die Stadtstaaten genug Experimentierraum bewahren, radikal Neues auszuprobieren (Peter Illetschko / DER STANDARD Printausgabe, 24.07.2009)

Zur Person

Viktor Mayer-Schönberger (43) aus Zell am See war an der Harvard University Professor für Internetrecht, ehe er im Sommer 2008 Direktor des Information+Innovation Policy Research Centre in Singapur wurde.

Kommentar posten
12 Postings
Roman Bichler
 
26.07.2009 19:39
der pöbel wird immer von belanglosem wie facebook, twitter etc begeistert sein ..


die freigeister und querdenker interessiert so ein schwachsinn sowieso nicht !

nueva arte
 
14.08.2009 21:18

Die Burgoisie residiert hingegen ausschließlich im derStandard.at-Forum :)

Naschgul
29.07.2009 13:48

Jö, wieder so einer, der sich selbst für einen Intellektuellen, Freigeist, Querdenker und was weiß ich noch alles hält :) Ich freu mich immer über Leute wie Sie; Sie sind so erheiternd :)

Nebukadnezzar
27.07.2009 18:48

Echt super, wenn man glaubt besser als die komplette restliceh Welt zu sein, gell?

Was das ganze Thema mit Freigeistern oder rationalem Denken in welcher Form auch immer zu tun hat, musst mri aber erst noch erklären ;)

free2g
26.07.2009 16:56

Meinungseinheitsbrei? Ach, wo denn?
Und auf zum nächsten Flameware! (Sonntag war Anti-Apple-Tag, oder?)

Name d. Red. bekannt
25.07.2009 20:34
futurezonez
25.07.2009 17:50
"Und das neue Internetprotokoll IPv6 würde die Netzsicherheit verbessern"

in der c't (ausgabe 14 od. 15) ist vom gegenteil die rede, was sicherheit und IPv6 betrifft.

Grünwähler
29.07.2009 16:16
Kommt drauf an was man unter "Netzsicherheit" versteht

Wenn man unter Netzsicherheit Zuverlässigkeit versteht, dann bringt IPv6 durch den viel größeren Adresspool sehr wohl Vorteile. Wenn man darunter Sicherheit für die Anwender vor Attacken versteht, dann entfällt durch das Fehlen von NAT die "halbe Firewall" die ein Router bisher geboten hat - dann muss man halt eine echte Firewall verwenden.

Aber was schreib ich so viel - steht eh alles in der c't Nr. 14.

Marinos Yannikos
24.07.2009 10:04
Jeder ist vernetzt ...

Ich teile die im Interview geäußerten Befürchtungen nicht, Konformisten und Nonkonformisten gab es immer und es wird sie auch weiterhin geben, gerade das gezielte "Anecken" in einem geeigneten Umfeld hat viele Karrieren begründet.

Man darf sich halt nicht in Abhängigkeitsverhältnisse begeben wie z.B. viele Wissenschaftler, die ihren Publikationsoutput maximieren wollen (und dafür auch jetzt schon lieber erfolgreiche papers recyclen statt an Neuem zu arbeiten).

Dieser "Meinungsbrei" ist eher eine Illusion, die entsteht, wenn man sich in mit Belanglosigkeiten durchzogenen Medien bewegt (Twitter usw.) oder vergißt, daß das Web schon ein Mainstream-Medium ist und kein Elfenbeinturm.

matto stressinger
28.07.2009 10:03

Ich finde auch, dass der "Meinungsbrei" eher ein akademisches Gespenst ist. Man findet im Web tatsächlich viel mehr "dissidente" Meinungen als sonst irgendwo. Und - grüne+rote Stricherln hin oder her - auch in vermeintlich gleichgeschalteten Foren wie diesem hier ist die Vielfalt groß. Jedes Forum hat halt seine "Blattlinie", und naturgemäß haben es zB Konservative hierorts weniger leicht als anderswo. Dennoch kommt jeder zu Wort, und im Übrigen _gibt_ es ja noch reichlich Anderswos.

Meinungseinheitsbrei war früher einmal: Erinnern wir uns an zB 1985, als es das Profil gab und einen in den Kinderschuhen steckenden Falter und ... das Drucken von Flugblättern eventuell. Sonst tote Hose.

hirnstroem
24.07.2009 15:59

Das Problem ist wohl unter anderem, dass die Konformisten, je weniger föderalistisch die Gesellschaft aufgebaut ist (je vernetzter), sich einander immer mehr angleichen.

Wo einst Unterschiede von Region zu Region (Land zu Land etc.) festzustellen waren, sei es nun im Bildungssystem, in der Politik etc., wird nun zu Gunsten der wirtschaftlichkeit (allgemein ausgedrückt) mehr und mehr harmonisiert.

Herr Mayer-Schönenberger scheint im Grunde ein verkappter Globalisierungskritiker zu sein, dies aber selber noch nicht festgestellt zu haben.

phatsphere
24.07.2009 09:46

zum thema "gedankliche freiräume" und studivz fällt mir das ein:
http://lotus-online.de/modules/n... storyid=23

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.