"Wir brauchen wieder Dissidenten"

23. Juli 2009, 20:00
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    f.: newald; collage: beigelbeck

    Übertriebene Vernetzung fördert Gleichschaltung von Gedanken und Ideen, sagt Rechtsexperte Mayer-Schönberger.

Der Internetrecht-Experte Viktor Mayer-Schönberger glaubt, dass "Übervernetzung" durch Facebook & Co zu einem Meinungseinheitsbrei führt

Mayer-Schönberger fordert mehr Freiräume. Peter Illetschko sprach mit ihm.

*****

Standard: In Ihrem neuen Paper für die Fachzeitschrift "Science" fordern Sie mehr radikale Innovationen für das Internet ein. Ist denn so wenig Neues in den letzten zwanzig Jahren entstanden?

Mayer-Schönberger: Es gab schon zahlreiche Innovationen, aber immer wieder radikal Neues zu schaffen scheint sehr schwierig. Microsoft will seit langem grundlegende Neuerungen am Word-Programm umsetzen, auch das verhindern die Nutzer - sie wollen Gewohntes beibehalten. Und das neue Internetprotokoll IPv6 würde die Netzsicherheit verbessern, aber seine Einführung geht schleppend voran. Da sind zu viele Bremser am Werk, die sagen: Das alte Protokoll funktioniert doch noch gut genug.

Standard: Warum und wie wird gebremst?

Mayer-Schönberger: Die Open-Source-Community ist mittlerweile sehr stark vernetzt. Radikale Innovationen werden vor ihrer Einführung auf breiter Basis diskutiert. Man will kompatibel mit der Szene bleiben, nirgendwo anecken. So können die zahlreichen Web-2.0-Anwendungen zu "Groupthink" führen, einer Art Meinungseinheitsbrei durch "Übervernetzung". Damit kann hervorragende Forschungsleistung als solche nicht mehr ausreichend wahrgenommen werden. Da braucht es dann wieder Dissidenten, wie einst die Erfinder von Linux, die ausscheren und sich trauen, etwas abseits des Gewohnten zu beginnen.

Standard: Was raten Sie als Gegenmaßnahme?

Mayer-Schönberger: Für die Entwickler wäre es hilfreich, nicht alle Informationen über ihre Ideen an alle weiterzugeben - Diskussionen wieder in kleineren Gruppen zu halten. So könnten Experimentierräume entstehen, die radikalere Neuerungen zulassen. Auch die Forschungsförderung muss sich tiefgehend ändern. Die honorige Peer-Review, also die Bewertung von Forschungsanträgen und Forschungsergebnissen vor Veröffentlichung durch Fachkollegen, reicht nicht mehr. Denn mit den Kolle-gen will man sich nicht anlegen, weil man um die Förderung oder um den Abdruck der Studie fürchtet. Das aber fördert wiederum "Groupthink" und bremst wirklich neue Ideen.

Standard: Immerhin hat man Ihr Paper bei "Science" angenommen ...

Mayer-Schönberger: Nach einer massiven Kritik an meiner Kritik an Peer-Reviews. Das war schon amüsant. Eigentlich eine Diskussion auf Metaebene. Kritik wird von Kritikern kritisiert.

Standard: Mussten Sie also doch Anpassungen vornehmen - und die Radikalität in Ihrem Paper zurücknehmen?

Mayer-Schönberger: Ich habe das Paper nur in jenen Passagen, die für mich inhaltlich vertretbar waren, korrigiert. Die wichtigen Punkte sind geblieben.

Standard: Ist das Problem der Übervernetzung auch gesamtgesellschaftlich zu sehen?

Mayer-Schönberger: Absolut. Wir drohen in vielen Bereich übervernetzt zu werden, uns fehlen die Freiräume, völlig Neues zu denken und anzugehen. Anstatt tausenden anderen auf Facebook mitzuteilen, was wir gerade machen, sollten wir wieder mehr auf unsere individuelle Kreativität setzen. Der Kulturanthropologe Jared Diamond hat das einmal mit Kommunikation in Staaten verglichen - und ob man davon auf den langfristigen Erfolg schließen kann. In China ging die Kommunikation rasend schnell, aber sie verdrängte neue Ideen. Im hügeligen Norditalien war sie deutlich langsamer und so konnten sich die Stadtstaaten genug Experimentierraum bewahren, radikal Neues auszuprobieren.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. Juli 2009)

Zur Person
Viktor Mayer-Schönberger (43) aus Zell am See war an der Harvard University Professor für Internetrecht, ehe er im Sommer 2008 Direktor des Information+Innovation Policy Research Centre in Singapur wurde.

Abstract
Science: Can We Reinvent the Internet?

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 26
1 2
NONE
00
24.7.2009, 15:58

Mayer-Schönberger Aussagen machen mich extrem wütend:

"Microsoft will seit langem grundlegende Neuerungen am Word-Programm umsetzen, auch das verhindern die Nutzer - sie wollen Gewohntes beibehalten."

Weil man als Anwender gezwungen wird umzulernen! Und das zahlt sich meiner Erfahrung eher selten aus.

"Radikale Innovationen werden vor ihrer Einführung auf breiter Basis diskutiert. Man will kompatibel mit der Szene bleiben, nirgendwo anecken."
Blödsinn. Der Sprung von KDE 4 auf cmake ist ein Beispiel - das Featureset von cmake ist nicht zu 100% kompatibel zu autoconfigure. Dazu kamen die ganzen Fehler... wenn radikale Innovation heisst mehr Probleme zu schaffen als zu lösen, dann bleib ganz weit weg von mir.

Dust von Dust
00
24.7.2009, 12:34
gute kommentare auf telepolis

http://www.heise.de/tp/foren/... 3365/read/

Dann wäre er nichts als ein weiterer System-Scherge, auf dessen
Meinung man nichts zu geben braucht (außer, dass er zwischen den
Zeilen den "Masterplan" zur weiteren Nutzer-Gängelung und
Einschränkung von Nutzer-Freiheiten bzw. Freiheit als solches,
verrät).

Danke, so kurz das Interview war, und so stromlinienkonform auch die
Nachfragen des Interviewers, so aufschlussreich war es auch,
zumindest in Bezug auf eine Frage: Ja, das Internet in seiner
gänzlich offenen Informationsstruktur *ist* gefährlich für die
Machtstrukturen, und deshalb ist es unerlässlich, dass es genau so
erhalten bleibt, damit die Menschheit sich endlich von ihrer
Versklavung e

tomas tomas
00
24.7.2009, 16:33

verfolger?

Dust von Dust
00
24.7.2009, 18:38

singapur die ausgeburt der menschenrechte?

nettes betätigungsfeld des prof. wenn er pseudo mässig eine restriktion der kontakte befürwortet weil zuviel ist eh nicht gut...

kdalaryd
00
24.7.2009, 11:40
Wissenschaft muss demokratischer werden!

...
mehr
Partizipation
weniger
konservatives peer-review
geschlossene Konferenzen
Journal-Zugangsbeschraenkungen
Spezialqualifikationen


wplkenstein
00
24.7.2009, 12:38

Ähh, sagt der obgie Artikel nicht genau das Gegenteil?

Mehr kleingruppen, mehr temporär geschlossene Innovationsgemeinschaften usw.

Nach obigen Artikel sind Demokratisierung und "langweiliger einheits Brei" zwei Seiten derselben Medaille.

Nick Tameer
01
25.7.2009, 03:21

Es ist erstaunlich, für welche Probleme Demokratie als Heilmittel angesehen wird, wo es sich doch nur um die Herrschaft der Mehrheit handelt.

MiNeum71
 
11
24.7.2009, 11:25


Naja, der gute Mann vergißt - auch aufgrund seiner pessimistischer Grundhaltung - eines: Das Internet betätigt sich als einen weltweit großen Demokratisierungsmotor; es mag sein, daß aufgrund der Vernetzung die Originalität des öfteren dem Mainstream weichen muß, zugleich sind aber immer mehr Menschen im Prozeß innovativer Denkarbeit eingebunden, sodaß insgesamt ein effizienteres Innovationsklima vorherrscht.

P.S.: Das Geraunze, man müssen Kollegen gefallen, um weiterzukommen, ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts, dazu braucht er nur, den Liber Latinus zur Hand zu nehmen.

Tethys
40
24.7.2009, 12:34
Das Internet betätigt sich als einen weltweit großen Demokratisierungsmotor

Inwiefern?

Auch das "effizientere Innovationsklima" kann ich im Netz nicht finden.

zizero
00
25.7.2009, 19:12
Leute, die nichts kneißen, also Sie, dürfen kommentieren, posten! Demokratischer geht's kaum.

Quod erat demonstrandum!

NONE
00
24.7.2009, 15:59

Dann schau dir mal git und github an.

Wunderbares Beispiel von Ideen die sich ohne grosses Marketing durchsetzen. (Oder das Marketing ist eben "Mundpropaganda" in Form von Lob)

Preger
20
24.7.2009, 09:48
Ein sehr g'scheiter Bursch,

der Mayer-Schönberger!

Preger, Teilzeitkuenstler/In

mikromalist
 
11
24.7.2009, 09:23
Herr M-S.

Was ist die Grundidee von Demokratie? Sehr, sehr viele Köpfe sind weiser als jede einzelne Gruppen, jedes Individuum. Umgekehrt ist das Individuum wichtiger als jeglicher Clan (frei nach Kant).
Das Netz ist weiser als jede einzelne Substruktur. Jeder Knoten profitiert vom Netz, das Netz vom Knoten.
Dazu muss mensch akzeptieren, dass Welt nicht gemacht ist, sondern in komplexen Schritten von Evolution und Ko-Evolution entsteht.
Beispiel: Intellectual Property Rights? "Betrug" an der Gesellschaft, denn irgendwie wirken ALLE mit.
Wir haben einfach keine politische, soziale, ökonomische Antwort auf Chancen und Herausforderungen komplexer Systeme.
p.s. Freiraum entsteht durch Neugier, nicht durch Regeln.

Tethys
00
24.7.2009, 12:36

Die Gruppe ist nur klüger als ein Individuum, wenn es sich um eine homogene Gruppe handelt. Ein ganzes Volk ist keine homogene Gruppe, insofern ist die Masse nicht klüger als der einzelne.

Inwiefern wirken "alle" mit, wenn z.B. ein Buch entsteht?

mikromalist
 
00
24.7.2009, 12:56
Indem sie Bücher lesen

und "bewerten" (die Bewertungsfunktion ist Preis*Abnahmemenge) und damit zum Schreiben motivieren. On-demand Verfügbarkeit vermehrte das Lesevolumen?
Neeeeiiiin! Am klügsten ist die diversifizierte, inhomogene Gruppe, die sich weiter diversifiziert, weil ihr die Gruppenmeinung auf den Wecker geht.

M-S hat ja damit recht, dass eine gewisse Gefahr der Korrelation (Mainstream) besteht.

Tethys
00
24.7.2009, 14:20

"Intellectual property rights" bezieht sich auf den Schöpfer/Urheber eines Werkes.
Menschen, die für ein Buch Werbung machen oder es bewerten, tragen nichts zur Entstehung des Werkes bei - insofern gelten für sie natürlich nicht die "Intellectual property rights".

Diversifizierung ist nicht gleich Weisheit!! Gruppen, die klüger sind als ihre einzelnen Mitglieder, zeichnen sich dadurch aus, dass sie gleiche Zielvorstellungen und Wertvorstellungen haben. Dann erreichen sie auch gute Ergebnisse, eine inhomogene Gruppe erreicht diese Ergebnisse nicht, sondern bleibt nicht mehr als die Summe ihrer Einzelteile - eben keine Mehrwertgewinnung.

mikromalist
 
00
27.7.2009, 08:44
Sie haben recht,

diese Art von Copyright ist OK.
Aber viele "Erfindungen" wären ohne (gesellschaftliches) Umfeld unmöglich. Und ein extra Patentschutz unfair. Der Vorteil liegt ja schon darin Erster am Markt zu sein.
Das lächerlichste Patent der Welt: Eine US Uni "borgt" sich wissenschaftliche Ergebnisse aus Russland und patentiert sie.
Die heterogenen Forschungsgruppen, die sich im Internet austauschen erzeugen keinen Mehrwert?
Erkenntnisse, die auf diese Weise gewonen werden, sind nicht so einfach zu "personalisieren". Swarm Intelligence wird immer bedeutender?

kdalaryd
00
24.7.2009, 11:33

Das Individuum ist wichtiger als der Clan? Sie glauben Kant. Warum nicht, aber versuchen Sie auch Bruno Latour, z.B. Politics of Nature.

Pi der Grieche
00
24.7.2009, 11:18

Bahnbrechende Erfindungen wurden noch nie demokratisch in die Welt gesetzt.
Zu mehr Neugier und Mut kann und darf auch motiviert werden.

mikromalist
 
00
24.7.2009, 11:57
Demokratisch ist nicht

identisch mit in-demokratie-fördernden Strukturen.
Wiki ist nicht "demokratisch" entstanden. Die freie Verfügbarkeit von Petabytes von Information auch nicht, die Grid Initiative zur Verfügbarkeit freier Computerkapazität auch nicht.
Auf diesem Substrat entsteht Bahn-brechendes und radikale Innovation eben auf andere Weise.
Eine Beispiel wäre die noch völlig ungenutzte Co-Evolution von lokalen Wetterdiensten und Energieoptimierung (auf der Grundlager des internet-of-things; vernetzte Sensoren).

her wig
00
24.7.2009, 08:42

Groupthink... das fällt mir im Forum auch immer wieder auf, wenn Leute sich im Mainstream zusammenklumpen. Manche mögen das offenbar. Aber Einschränkung kann ich darin keine erkennen, ich kann ja trotzdem posten was ich will (und die Zensur durchlässt).

Nick Tameer
02
25.7.2009, 03:47

Das Ethos der Aufklärung besteht natürlich in der Bekämpfung des Unvernünftigen, wobei die Machtverhältnisse es bedingen, dass die unvernünftige Position zugleich die Mehrheitsposition ist - gleichwohl ist das kein Privileg der Mehrheit und der Underdog kann ganz schön falsch liegen. Die Gegenüberstellung von Mainstream und Dissidenz ist mir deshalb ein zu zweifelhaftes Wahrheitskriterium, um meinen Daumen schon allein nach Maßgabe dieser Kategorien zu heben oder zu senken.

raimann
02
24.7.2009, 01:08

no1: wäre nett das diskutierte paper in dem text auch lesen zu können ohne das science magazin abonniert zu haben ... es lebe die freie wissenschaft

no2: aktuelle innovation ist meiner meinung nach nur eine zusammenfassung der zusammenfassung. was passiert wirklich neues ? alles was aktuell als neu propagiert wird ist nur eine apkapselung und/oder vermischung von etwas das schon lange existiert. die globale vernetzung beschleunigt nur diese zusammenfassung. vielleicht sollte man bei einer roten ampel einfach mal stehenbleiben und nachdenken.

Dust von Dust
02
23.7.2009, 23:18
völlig falsch

von übervernetzung kann keine rede sein. auch seine aussage über web 2.0 ist falsch. groupthinking war in der vor internetzeit viel schlimmer und die verlage beschweren sich weil ihnen die leser abhanden kommen. ipv6 wollen die isp nicht weil es geld kostet und man nach möglichkeiten sucht den usern mehr geld abzunehmen. das zurückhalten von informationen verhindert die beteiligung von anderen interessierten. gerade durch die vernetzung werden neue freiräume geschaffen, die immer wieder neue vernetzungen schaffen die nicht kontrollierbar sind.

mich wundert nicht wenn verlagen die leser abhanden kommen. bei solchen aussagen sogar im "hochgelobten" science. da gibt es wesentlich bessere infos im netz. wo? ich schaffe freiräume... ;)

Erwin Wolfram
12
23.7.2009, 21:37

uiii schwitzt die etablierte wissenschaft, weil die risken zu gross werden? na darf man halt nicht den größten teil der studenten ausschliessen und vom rest ridikulose studiengebühren verlangen. es wird sich nämlich niemand finden der den schaden den die etablierte wissenschaft angerichtet hat kostenlos behebt. selbst wenn faule professoren ein paar dissidenten stattdessen hinrichten wollen nicht.

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