Aida

Gestörtes Opernleben zwischen Trümmern

23. Juli 2009, 17:15

Giuseppe Verdis "Aida" in einem schlüssigen, seebühnenadäquaten Konzept von Graham Vick - Von der Musik wurde freilich bei der Premiere durch Nebengeräusche empfindlich abgelenkt

Bregenz - "Da ist ja alles kaputt!" Schon der erste Blick eines Kindes erfasst die Idee des Bühnenbildes zur neuen Festspiel-Aida. Währenddessen witzeln die Einheimischen, man sei mit den Kulissen nicht rechtzeitig fertig geworden: Die zwei riesigen Baukräne, die die Seebühne dominieren und noch den Schriftzug des Herstellers tragen, scheinen tatsächlich mitten in der Arbeit zu stecken.

So klar sich die Fragmente der Freiheitsstatue, die dazwischen in Trümmern liegt, als solche identifizieren lassen, so rätselhaft bleibt, was da passiert sein könnte, ebenso wie das, was in den zwei Stunden der Opernhandlung genau vor sich geht. Denn während Regisseur Graham Vick das Beziehungsdrama mit glasklarer Personenführung erzählt, spielen sich zugleich merkwürdige Vorgänge ab, wenn sich die Baumaschinen in Bewegung zu setzen beginnen.

Auch wenn einige pyrotechnische Effekte nicht fehlen dürfen, ist es aber weit mehr als das übliche Freilichtspektakel, das sich dabei entfaltet. Vielmehr gewinnt die Produktion aus der Konfrontation von Maschine und Mensch eine eigene Ästhetik und generiert ihre poetischsten Bilder gerade mithilfe der Technik.

Genau dadurch, dass sich deren kühle Präzision nicht einfach in das Schema einer normalen Handlung pressen lässt, ist Vick und seinem Ausstatter Paul Brown nichts weniger als jenes "bestimmte Bezeichnen eines unbestimmten Gegenstandes" gelungen, in dem Umberto Eco einen Grundzug von Kunst gesehen hat. Und auch ohne sklavische Stringenz der Handlungselemente wird die politische Dimension dieser Inszenierung ohnehin mehr als deutlich.

Konstruktion und Zerstörung

Zwischen dem Realismus eines handfesten Polizeiapparates, surrealen Szenen wie einer Priesterschar, die an der Schwelle zum Blasphemischen über das Wasser schreitet, und einer Traumlogik, die das Liebespaar am Ende in den Himmel entschweben lässt, bilden die Prinzipien von Zerstörung und Konstruktion eine inhaltliche Klammer quer über die Themen Krieg, Macht und Liebe. Wobei Vick das Kunststück gelang, trotz der riesenhaften Dimensionen Pomp weitestgehend zugunsten von Eleganz zu vermeiden.

Durch ihre Abstraktion und Verfremdung behält seine Regiearbeit dabei selbst so abgegriffene Eindeutigkeiten im Griff wie das Guantánamo-Orange der Kriegsgefangenen und Szenen mit einer gefährlichen Nähe zum Kitsch - nicht zuletzt deshalb, weil ihre Proportionen zwischen riesigen und filigranen Dimensionen so ausgewogen sind, wie es in Bregenz vorher noch kaum zu sehen war.

Es waren also keineswegs die Ruinen, die die Oper zu ruinieren drohten, sondern jene Discobässe aus dem nahen Freudenhaus, die die Premiere empfindlich beeinträchtigten - in viel stärkerem Maß als die Motoren der Maschinen, die sich an den leisesten Stellen in anderen Tonarten als Verdis Musik so klangvoll in Bewegung setzten, dass vermutet wurde, auch sie seien akustisch verstärkt worden.

Unlösbare Klangprobleme

Auch wenn das vom Eigentlichen ablenken mochte, wirkte selbst dieses Detail, das das Prinzip der Gleichzeitigkeit mehrerer Ebenen auch noch hörbar machte, konzeptuell und ästhetisch schlüssig, zumal die Musik unter freiem Himmel ohnehin stets etwas unter die Räder kommt.

Zu diesem Dauerthema von Opern-Openairs mag man stehen, wie man will. In Bregenz musste man aber die insgeamt hohe musikalische Qualität durchaus anerkennen - etwa die Lebhaftigkeit, mit der Carlo Rizzi die Wiener Symphoniker zu pulsierendem, klangschön atmendem Spiel anhielt. Im Miteinander von Chor, Orchester und Sängern schien dann erst manches aus dem Ruder zu laufen, nachdem der wackere Rubens Pelizzari als Radames fast die Stimme verloren hatte.

Ohnehin scheint die ausgeklügelte Tontechnik, die ein ziemlich präzises Richtungshören erlaubt, aber dennoch Wind und Wetter ausgeliefert bleibt, für Tenöre besonders schwierig zu sein, während sie sonore Sänger eher begünstigt. Mehr als für die stimmlich häufig eng wirkende Tatiana Serjan in der Titelpartie schien die Verstärkeranlage für die dunklen Farben von Iano Tamar (Amneris) von Vorteil zu sein, ebenso wie für Iain Paterson als eindrucksvoller Amonastro. Zumindest phasenweise fanden sich so in intimen Szenen auch musikalische Höhepunkte ein. Und neues Leben blühte aus den Ruinen. (Daniel Ender / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.7.2009)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 66
1 2
yokozuna
10
26.7.2009, 13:05
Gut so!

Dies Mal wurden offensichtlich mehr Menschen durch Medien und James Bond eine grosse Interesse an Bregenzer Festspiele erregt worden als in den letzten Jahren. Besser als lauter schlechte Kritiken als gar nichts.

KAL.
12
25.7.2009, 09:53
Amonastro

sagt alles über den Rezensenten.

Daniel Ender
21
25.7.2009, 18:35

Ist Ihnen noch nie unter Zeitdruck ein Flüchtigkeitsfehler unterlaufen? Oder haben Sie auch inhaltliche Argumente anzubieten?

Robert Waloch
11
26.7.2009, 12:09
Einem Kritiker

darf solches eben nicht passieren - nicht einmal einem beim STANDARD, wo Derartiges - Sie nennen es Flüchtigkeitsfehler - an der Tagesordnung ist. Es ist sein Job, exakt zu formulieren...
Und jeder - JEDER! - falsch geschriebene Eigenname ist eine Beleidigung der dahinter stehenden Figur! Bizarr etwa im Meinungsforum >> Planyavysky !!!

Robert Wildling
00
26.7.2010, 11:25
...an der Tagesordnung...

STEHT. - Wenn Kritik falsch formuliert wird, ist es sehr schwer, sie ernst zu nehmen...

zephyri secundi
02
25.7.2009, 09:09

Übelstes Regietheatergepritschel, Aufnahme- und Wiedergabetechnik untermittelmäßig. Schad ums Geld.
Als Oper Unsinn. Aber Verdi hält alles aus.

platti
 
02
24.7.2009, 07:17

Es hat mit Tosca so richtig begonnen und hat sich mit Aida manifestiert: In Bregenz zählt die Technik, nicht der Inhalt.
Schon Tosca war auf der riesigen Bühne verloren, Aida ist gar nicht mehr zu finden. Nachdem irgendwann die Musik beginnt und irgendwo jemand anfängt zu singen, irren Menschlein ( mehr ist von den Zuschauerrängen aus nicht ausmachbar) zwischen bezugslosen Statuenresten und Baukränen umher, fallen ins Wasser, laufen auf teilweise im Wasser versenkten Plattformen herum und die Kräne schwenken Teile der Freiheitsstatue ins Bild. Dazu sieht man Gruppen von AbuGraib-Hunderl und Guantanamo-Hunderl die Stufen auf- und abkrabbeln.
Ja irgendwas tut sich da draußen ...

aRoma
10
Der Zuschauer ist gefordert

...auch wenn der Ton (fast) aus der Richtung des Sängers kommt muss man diesen manchmal schon suchen, gerade zu Beginn. Und wenn den Zuschauern vom Singen langweilig wird, gibt es genug andere Unterhaltungen (was geht gerade in welchem Winkel der Bühne ab?) - aber: Opernglas nicht vergessen!

zephyri secundi
00

Hilft bei dem Regen nichts!

wackelkandidat
22
24.7.2009, 12:43

In Bregenz zählt die Technik.

Ja eh!!

So ein Opernspektakel macht doch Vergnügen!

sonst könnt ichs mir ja auch auf einer Guckkastenbühne ansehen.


aRoma
00
Technik fasziniert den Laien

...und begeistert diesen. Sonst könnten viele Gelegenheits-Zuschauer (und zwangsbeglückte Ehemänner) mit Oper nichts anfangen. (Zitat aus meinem Bekanntenkreis: "die singen ja spanisch!"

zephyri secundi
00

Gehens' ins Technische Museum oder zu einer Flugshow!

Kontrahent1
03
24.7.2009, 13:27
VIVA

VERONA !!! (Aber nicht Feldbusch)

aRoma
00
Verona ist nicht alles

...hat aber im Gegensatz zu Bregenz viel Platz für den Triumphzug, Chöre und ein großes Ballett.

Auf der Seebühne hängen die Priester im 2. Akt auf den Treppen herum wie die gelangweilte Punks vor dem städtischen Denkmal.

Beide Spielorte haben aber sicher ihre Vorzüge und ziehen mich immer wieder an.

Kontrahent1
01
Priester ?

Haben Sie solche gesehen ? Ach ja, im Text kommen sie vor, aber optisch war es rheinischer Kappenkarneval.

KAL.
01
25.7.2009, 15:03
Spitzenklassen-AIDA

Riga Früherbst 2008

da kann man Bregenz total vergessen!

Kontrahent1
02
25.7.2009, 19:24
Kann man ungesehen zustimmen.-

Nur leider, ohne der von Ihnen genannten Produktion die Qualität absprechen zu wollen, diese Bregenzer Aida ist kaum mehr zu unterbieten. Gerade in der 'Provinz' ist das Niveau oft erfreulich hoch. Immerhin fingen eine Helen Erwin in Hannover, eine Hildegard Behrens in Düsseldorf eine Schröder-Feinen in Gelsenkirchen an.

zephyri secundi
00
26.7.2009, 18:52

Die Grazer AIDA, inszeniert von Peter Konwitschny, (23 Aufführungen von 27. 11. 1994 bis 1. 7. 2001) war noch schlechter als die heurige Bregenzer; vor allem da regiekonzeptbedingt oft Ungleichzeitigkeiten von Einsätzen (Orchester, Zusatztrompeten, Chor und Protagonisten/-innen) unvermeidbar waren und weil unnütze Nebengeräusche (z.B. im Schlussbild Gehen über einbrechendes Polystyrol oder so) produziert wurden.

wackelkandidat
20
29.7.2009, 09:44

ich fand die Grazer Aida in der Regie von Konwitschny sehr gut.

zephyri secundi
00
31.7.2009, 09:24

Wenn regie- bzw. inszenierungsbedingt Musik- und Sangesleistungen leiden, ist die Regie für die Katz.
Im übrigen kenne ich alle Grazer Inzenierungen (Oper und Schauspiel) Herrn P. Konwitschnys sehr genau.

Kontrahent1
12
27.7.2009, 11:00
Ist das nicht traurig,

daß man doch noch Negativbeispiele bei einer Kunstform findet, welche eigentlich nur in höchster Perfektion dargeboten werden sollte. Früher schimpfte man über Opernsubventionen, weil nur für eine 'elitäre Krawattenträger-Gesellschaft'. Heute haben die Bekleidungsvorschriften sich sehr gelockert, dafür wird für eine 'elitäre Kritiker-Gesellschaft', welche zahlenmäßig weit unter den früheren Besuchern liegt, subventioniert. Die sagen uns dann, was uns zu gefallen hat.

Robert Waloch
12
27.7.2009, 11:33
SCHADE,

dass man ein Posting stets nur einmal bewerten kann: Ihres von 11h ist die perfekte Beschreibung eines wesentlichen Missstandes - GRATULATION!

Kontrahent1
01
27.7.2009, 18:53
Wenn der 'Nick' stimmt,

weiß ich, wer dahinter steht. Und wenn mein Fachwissen auch nicht an Deines heranreicht, geschmacklich liegen wir auf einer Ebene.

wackelkandidat
30
24.7.2009, 14:10

bietet leider weniger Technik.

aRoma
00
dafür 3 lange Pausen

In Verona wird halt noch von Hand umgebaut. Wer gerne 5 Euro übrig hat kann sich in den Pausen eine Cola leisten (anstelle sich zB vorher im Geschäft ein günstiges Wasser zu kaufen).

Wenn die Aida in Bregenz schon gestorben ist, hat sie in Verona noch 90 Minuten Gnadenfrist.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 66
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.