Riskantes Risikomanagement

23. Juli 2009, 16:34
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Vom Irrglauben, Risiken messen und ergo "kontrollieren" zu können. Ein Plädoyer für mehr Vorsicht statt Aufsicht - Von Robert Skidelsky

Vom Irrglauben, Risiken messen und ergo "kontrollieren" zu können. Ein Plädoyer für mehr Vorsicht statt Aufsicht in der Debatte um notwendige Strukturreformen der Finanzmärkte - in den USA, in der EU und anderswo ...

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Eine von einem Schock erfasste Wirtschaft hat keinen Auftrieb mehr und verhält sich wie ein löchriger Ballon. Daher gab Keynes den Regierungen zwei Aufgaben: die Wirtschaft wieder aufzupumpen, wenn sie zusammenzufallen droht, und die Gefahr ernsthafter Schocks von vornherein zu minimieren.

Die erste Lektion scheint man gelernt zu haben: Verschiedene Rettungs- und Konjunkturpakete haben die Ökonomien in einem Maß angekurbelt, dass man vernünftigerweise davon ausgehen kann, dass der ärgste Einbruch überstanden ist. Ob aber auch die zweite Lektion gelernt wurde, ist mehr als zweifelhaft, wenn man sich die jüngsten Vorschläge zur Reformierung des Finanzsystems in den Vereingten Staaten, Großbritannien und der Europäischen Union vor Augen führt.

In diesen Vorschlägen sind zugegebenermaßen auch einige positive Dinge enthalten. So empfiehlt beispielsweise das US-Finanzministerium, dass die Hypothekengeber eine "materielle" Beteilung an den von ihnen vergebenen Darlehen halten, anstatt sie wie bisher einfach zu verbriefen. Das würde unter anderem die Rolle der Kredit-Rating-Agenturen verringern.

Differenz zwischen Risiko ...

Allerdings fehlt jeder Hinweis darauf, wie hoch diese Beteilung sein soll und wie lange diese gehalten werden muss. Ebenso wenig enthalten diese offiziellen Vorschläge Obergrenzen für die Höhe der Kredite in Relation zum Einkommen des Kreditnehmers oder zum Wert der zu kaufenden Immobilie. Man befürchtet, dies könnte die Erholung verlangsamen. Es wäre jedoch für Erholung und Reform besser gewesen, wenn man die Einführung derartiger Grenzen innerhalb von (etwa) zwei Jahren in Aussicht gestellt hätte.

Die größte Enttäuschung für die Reformer war die offizielle Ablehnung des "Glass-Steagall" -Ansatzes zur Bankenreform. Damit hätte man die Trennung zwischen Geschäfts- und Investmentbanken wieder eingeführt, die im Zuge der Deregulierungswelle in den 1980er- und 1990er-Jahren abgeschafft wurde.

Die Logik hinter dieser Trennung war sonnenklar: Banken, deren Einlagen durch die Steuerzahler versichert waren, sollten nicht mit dem Geld der Sparer spekulieren dürfen. Doch die Reformvorschläge sehen eine Mischung aus höheren Kapitalanforderungen für führende Banken und eine Vorfinanzierung der Einlagenversicherung durch eine spezielle Abgabe für Banken vor.

Wenig Begeisterung herrscht für Vorschläge hinsichtlich einer antizyklischen Veränderung der Eigenkapitalanforderungen. Damit könnte man in guten Jahren Kapitalpuffer anlegen, von denen man dann in schlechten Jahren zehrt.

... und Unsicherheit

Zugegebenermaßen gibt es Schwierigkeiten mit all den Vorschlägen, die das Ausmaß "riskanter" Bankgeschäfte begrenzen wollen, vor allem im Kontext einer globalen Wirtschaft mit freier Kapitalmobilität. Wie des Öfteren betont wird: Wenn die Regulierungsvorschriften für Banken nicht in allen Ländern gleich gestaltet sind, eröffnet dies massenhaft Spielraum für "Aufsichtsarbitrage" .

Ebenso hätten die Banken Anreize, durch Manipulation bei der Definition von Kapital und Vermögenswerten, die Eigenkapitalvorschriften zu umgehen.

Tatsächlich erfinden Investmentbanken wie Goldman Sachs und Barclays Capital bereits jetzt neue Arten von Wertpapieren, um die Kapitalkosten der von ihnen gehaltenen riskanten Vermögenswerte zu verringern.

Das Grundproblem ist aber dennoch, dass sowohl Aufsichtsbehörden als auch Banker sich weiterhin auf mathematische Modelle verlassen, die hinsichtlich des Managements finanzieller Risiken mehr versprechen, als sie halten können. Obwohl die Aufsichtsbehörden zur Bewältigung "systemischer Risiken" nun auf "makroprudenzielle" Modelle setzen, anstatt Finanzinstitutionen ihr Risikomanagement selbst zu überlassen, halten beide Seiten an der untragbaren Überzeugung fest, dass alle Risiken messbar (und daher kontrollierbar) seien, womit sie Keynes' grundlegende Unterscheidung zwischen "Risiko" und "Unsicherheit" missachten.

Das Heil liegt nicht in besserem "Risikomanagement" durch Aufsichtsbehörden oder Banken, sondern, wie Keynes meinte, in der Ergreifung angemessener Vorsichtsmaßnahmen gegen die Unsicherheit. Solange es dafür Strategien und Institutionen gibt, so Keynes', könnte man das Risiko sich selbst überlassen.

Die Reformer - nicht nur - des US-Finanzministeriums haben sich um die Herausforderung gedrückt, die Auswirkungen dieser entscheidenden Erkenntnis herauszuarbeiten. (Robert Skidelsky, ©Project Syndicate, 2009; aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier, DER STANDARD, Printausgabe, 24.7.2009)

Zur Person

Robert Skidelsky ist Mitglied des britischen Oberhauses, Professor Emeritus für Nationalökonomie an der Warwick University, Verfasser einer preisgekrönten Biografie über den Ökonomen John Maynard Keynes und Mitglied des Verwaltungsrates der Moscow School of Political Studies.

  • Robert Skidelsky
    foto: newald

    Robert Skidelsky

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