Kein Weihwasser im trockenen Land

23. Juli 2009, 17:26
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In der Mancha, dem gelb-grünen Land des Don Quijote, trifft man verspanischte Deutsche und isst in heiligen Hallen, weiß Michael Möseneder

Nein, "agua bendita", um das steinerne Weihwasserbecken in der Wand neben der Zimmertür zu füllen, kann man nicht bekommen. Das gesegnete Wasser müsste man selbst mitbringen, bedauert man im Parador von Almagro, einem staatlichen Vier-Sterne-Hotel, das in einem ehemaligen Franziskaner-Kloster in der Mancha, der Region südlich von Madrid, untergebracht ist. Bis 1942 wandelten die Geistlichen durch die Gänge und die 14 Innenhöfe des Gebäudes - heute speisen im Refektorium die Touristen im Land des Don Quijote und schlafen in Zimmern, die ungefähr jenen der Mönche entsprechen - in der räumlichen Lage, weniger der Ausstattung.

Miguel de Cervantes' Romanheld ist selbstverständlich der berühmteste Exportartikel der Region. Jedes Dorf, das in einem Nebensatz des Buches erwähnt wird, hat die Silhouette des hageren "Ritters" auf irgendeinem Hinweisschild. Literarische Hauptorte wie El Toboso, wo die von Quijote angebetete Dulcinea lebte, warten natürlich gleich mit einer zeitgenössischen Skulptur des Helden auf.

Doch wer sich aufmacht, durch das Land mit dem weiten Horizont zu fahren, findet weit mehr als eine erfundene Geschichte. Unter den niedrigen Kumulus-Wolken, die fast ständig gemächlich gegen Westen gleiten, herrschen als Farben Gelb und Grün vor. Erstere kommt von den Weizenfeldern, dem einzigen hier wachsenden Getreide. Letztere steuern die fast bodendeckenden Weinstöcke und die Olivenbäume bei, die in der rötlich-braunen Vulkanerde wurzeln.

Kilometerlang verlaufen manche Landstraßen ohne jede Biegung bis zur Grenzlinie zwischen Himmel und Erde. Kilometer, auf denen man beiderseits der Fahrbahn kaum menschliche Behausungen entdeckt.

Zwei Millionen Menschen leben in der Region, die nur etwas kleiner als Österreich ist. Bis über 40 Grad hat es im Sommer, im Winter gibt es Minusgrade - die Araber haben dem Hochplateau nicht umsonst den Namen "trockenes Land" gegeben.

Das Klima spiegelt sich in der Architektur der Häuser wider. Weißgestrichen, kleine Fensteröffnungen, nach außen abweisend, um große Innenhöfe gruppiert - so sieht die typische Bauweise aus. In der Altstadt von Almagro lassen sich diese Behausungen besichtigen. Wenige Schritte vom Klosterhotel entfernt kann man erahnen, wie das Leben hier gewesen sein muss, als Almagro dank der Fugger eine immens wichtige Handelsstadt der Renaissance gewesen ist.

Geld zog die Menschen schon damals an. Klöster jedes Ordens drängen sich dicht an die Paläste der damals reichen Bürger, an deren eingespanischten Namen man die deutsche Herkunft erkennen kann. Wenn es etwa Xedler statt Schedler heißt oder ein Haus Wessel. Aus den engen Straßen kommt man schließlich auf den weiten Hauptplatz, rechts und links von Häusern mit grünen Laubengängen eingefasst.

In einem dieser Häuser befindet sich auch der Stolz der Stadt: der "Corral de Comedias", eines der ältesten noch im Originalzustand erhaltenen neuzeitlichen Theater Europas. Schon um die Zeit, als Shakespeare im Londoner Globe Theatre seine Erfolge feierte, spielte man hier im kleinen, umgebauten Innenhof eines Gasthauses die Stücke von Lope de Vega oder Calderón de la Barca, Stücke, die auch vierhundert Jahre später alljährlich hier zum Besten gegeben werden - im Juli findet das Festival des klassischen Theaters statt. Wo dann nicht nur im "Corral", sondern auch an ungewöhnlichen Orten wie in der Universitätsaula oder in Kirchen geschauspielert wird.

Im Kloster-Parador allerdings nicht. Dort kann man dafür in seinem weihwasserlosen Zimmer oder am Pool darüber nachdenken, warum Quijote sich eigentlich von hier in eine Wahnwelt flüchtete. (Michael Möseneder/DER STANDARD/Rondo/24.7.2009)

Anreise & Unterkunft:

Z. B. mit Iberia nach Madrid oder FlyNiki nach Ciudad Real

Attraktionen: Fiesta San Mateo in Cuenca, Schau-Windmühlen in Consuegra

Veranstalter: z. B. ÖAMTC-Reisen

Allgemeine Infos: Spanisches Fremdenverkehrsamt

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    "Furcht lässt uns die Dinge anders erscheinen, als sie sind ...", meinte der Dichter Miguel de Cervantes und ließ seinen Don Quijote prompt gegen Windmühlen reiten.

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