Die Immunschwäche der Schimpansen

22. Juli 2009, 19:00
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Primaten sind entgegen der bisherigen Lehrmeinung nicht immun gegen HIV-Infektionen

London - Seit mindestens fünfzig Jahren schon verbreitet sich die Immunschwäche Aids unter den Menschen. Die Erreger stammen von Affenviren der Kategorie SIV ab. Zurzeit sind der Wissenschaft mehr als vierzig verschiedene SIV-Typen bekannt. Ihren jeweiligen Wirten, so heißt es, fügen sie keine Gesundheitsschäden zu, weil sich die Primaten und die Viren im Verlauf der Evolution aneinander angepasst haben. Die Erreger wären somit quasi zu harmlosen Untermietern geworden.

Ein internationales Forscherteam unter Leitung der US-Virologin Beatrice Hahn von der University of Alabama stellt diese gängige Lehrmeinung nun mit einer in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Nature" (Bd. 460, S. 515) veröffentlichten Langzeitstudie infrage. Neun Jahre lang überwachten die Experten die Gesundheit zweier frei lebender Schimpansengruppen im tansanischen Gombe-Nationalpark. Diese Tiere sind an einen regelmäßigen Kontakt mit Menschen gewöhnt, was die Untersuchungen sehr begünstigte. Die Wissenschafter sammelten Kot- und Urinproben, die eindeutig individuellen Affen zuzuordnen waren, und testeten diese auf die Anwesenheit von SIV-Antikörpern und Viren-RNA. Sie wurden prompt fündig: Neun von insgesamt 94 Schimpansen erwiesen sich bei Beginn der Studie als SIV-positiv, acht weitere infizierten sich während ihres Verlaufs.

Die Folgen sind offenbar alles andere als harmlos, denn die Lebenserwartung der betroffenen Affen sinkt beträchtlich. Ihr jährliches Sterblichkeitsrisiko ist sogar nach konservativen Berechnungen fast zehnmal höher als bei nicht infizierten Tieren aus denselben Gruppen. Und keines der vier Junggeborenen von SIV-positiven Müttern vollendete sein erstes Lebensjahr.

Beim Virus selbst handelt es sich um den Typ SIVpcz. Die Urformen dieser Linie wurden von zwei anderen Affenarten auf Schimpansen übertragen. Die größeren Menschenaffen machen gelegentlich Jagd auf ihre kleineren Verwandten und haben sich so wahrscheinlich über Blutkontakt oder Bisse mit den Erregern angesteckt. Im neuen Wirt wären anschließend die zwei verschiedenen Viruslinien miteinander hybridisiert und hätten so SIVpcz hervorgebracht. Dieser Typ gilt auch als direkter Vorläufer von HIV-1, dem gefährlichsten der bei Menschen Aids auslösenden Viren.

SIVpcz und HIV-1 haben ein wichtiges gemeinsames genetisches Merkmal: Beiden fehlt die sogenannte Nef-Funktion, welche bei fast allen SIV-Typen den Tod infizierter T-Zellen verhindert und so einer Immunschwäche des Wirtes vorbeugt (vgl. Cell, Bd. 125, S. 1055). Mit anderen Worten: Das enorme zerstörerische Potenzial von SIVpcz und HIV-1 basiert allem Anschein nach nur auf einer einzigen Mutation.

Der Aids-Forschung dürfte die Entdeckung der Schimpansen-Immunschwäche faszinierende Perspektiven eröffnen. "Wir sind am meisten daran interessiert, den Zeitraum zwischen Infektion und dem Ausbruch der Symptome präzise zu bestimmen" , meint Studienleiterin Beatrice Hahn gegenüber dem STANDARD. Vielleicht haben die Affen mehr Zeit als Menschen, um ihr Immunsystem auf die neue Bedrohung einzustellen. Wichtig wäre auch zu wissen, wie stark die individuelle Anfälligkeit für eine dauerhafte SIVpcz-Infektion ist. Solche Vergleiche könnten zu neuen Erkenntnissen über die Wechselwirkungen zwischen HIV-1 und dem menschlichen Körper führen, sagt Hahn. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 23. 7. 2009)

  • Die Schimpansenmutter "Chimp-099"  im Gombe National Park in Tansania. Sie wurde infiziert und starb 2006.
    foto: michael l. wilson

    Die Schimpansenmutter "Chimp-099" im Gombe National Park in Tansania. Sie wurde infiziert und starb 2006.

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