Tarantino und mögliche Wirklichkeiten

22. Juli 2009, 17:31
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Schon um 18 Uhr konnte man im "Kurier" lesen, was bei der Film-Premiere um 19 Uhr alles geschehen war

Mit das Schöne an Kunst, erklärte Schauspieler Christoph Waltz Standard-Kulturchefin Andrea Schurian auf der Bühne des Wiener Gartenbaukinos Dienstagabend, sei ja, dass die Kunst sich nicht zwingend an Fakten halten muss: "Es geht um Möglichkeiten, nicht um die Wirklichkeit." Darum, meinte Waltz nach der umjubelten, vom Standard veranstalteten Premiere von Quentin Tarantinos neuem Film Inglourious Basterds, sei es unproblematisch, dass Tarantino das Ende des Zweiten Weltkrieges grob verändert hat. Niemand, erklärte Waltz, behaupte, dass der Film historisch korrekt sei.

Was Tarantinos Hauptdarsteller nicht wusste: Der filmische Geschichtskonjunktiv war an diesem Abend die zweite "Beugung" der Wirklichkeit. Denn der Kurier hatte in seiner Abendausgabe den Premierenabend eindrucksvoll beschrieben: Um 18 Uhr konnte man lesen, was bei der Premiere um 19 Uhr alles geschehen war. Im Indikativ - im Volksschuldeutsch: "Wirklichkeitsform" .

Darum unterhielt Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid vor dem Filmstart das Publikum mit Leseproben aus dem Kurier: "Die Leinwand" , hieß es da, "ging erst auf, als Hauptdarsteller Christoph Waltz im Wiener Gartenbaukino eintraf. Zuvor huschte der gebürtige Wiener (einem ,Viennese Waltz‘ gleich) über den roten Teppich."

Blöd nur: Waltz ("er kennt den Film ja schon" , Föderl-Schmid) kam erst zum Schluss des Filmes. Allerdings sah der Kurier auch Prominenz, die gar nicht da war (ATV-Kupplerin Katrin Lampe) und "dokumentierte" die Anwesenheit anderer mit Archivfotos. (Designerin Niko Fechter).

Das nicht bloß in der Möglichkeitsform anwesende Publikum (die Werber Thomas Kratky und Marco de Felice, Flüchtlingshelferin Ute Bock etwa) kicherte vergnügt. Und erfuhr zum allgemeinen Gaudium vor dem Film, worüber es danach, bei der Premierenfeier in den Kasematten des Palais Coburg, geplaudert haben würde: Ob Waltz die "Filmfigur zu Oscar-Ruhm gereichen wird, war mit das Gesprächsthema" , nämlich.

Die Gäste waren froh: Ohne die Anweisung wäre ja Small-Talk-Themennotstand ausgebrochen - und man hätte über den Unterschied zwischen Journalismus und Dichtkunst geplaudert. Das wäre wirklich möglich gewesen.(rott, DER STANDARD Printausgabe 23.7.2009)

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  • Stellte Brad Pitt in den Schatten: Waltz
    foto: standard/ robert newaldrobert

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  • Die Standard-Galapremiere von Tarantinos umjubeltem neuen Film begann um 19 Uhr. Doch schon Stunden davor konnte man im "Kurier"  lesen, wer dort wann wie aufgetreten war. Oder auch nicht
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