Ein Hauch von Kulturstadt

27. Juli 2009, 12:07
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Der Sammelband "Phantom Kulturstadt" beleuchtet Wien als Kulturmetropole in einem internationalen Zusammenhang: Texte zur Zukunft der Kulturpolitik

Wien soll ja die Stadt mit der höchsten Lebensqualität sein - sogar weltweit gemessen. Schenkt man jährlich durchgeführten Rankings wie etwa der Mercer-Studie Glauben, so hat die österreichische Bundeshauptstadt mit knappen 0,6 Punkten Zürich von seiner Spitzenposition verdrängt. Soziale, ökonomische und Umweltaspekte werden bei diesem Vergleich von 215 internationalen Metropolen ebenso berücksichtigt wie persönliche Sicherheit, Bildungs- und Verkehrsangebote. Und die Kultur?

Aufstiegsmöglichkeiten

Ist Wien auch jene Kulturstadt, als die sie sich so gerne inszeniert? Hat Wien neben der Vermarktung seines kulturellen Erbes im Hinblick auf touristische Attraktionen auch etwas für den vermeintlichen Aufstieg der "kreativen Klasse" zu bieten? Oder handelt es sich doch nur um ein Phantom Kulturstadt, wie Konrad Becker und Martin Wassermair in der zweiten Ausgabe ihrer kürzlich beim Löcker Verlag erschienenen Text zur Zukunft der Kulturpolitik zur Diskussion stellen.

Globaler Zusammenhang

Ging es den beiden Herausgebern im ersten Band mit dem Titel Kampfzonen in Kultur und Medien noch darum, die Systematik der österreichischen Kulturpolitik seit der Jahrtausendwende zu beleuchten, so begreifen sie nun den urbanen Raum als globale Konfliktzone. Neben internationalen Schauplätzen wie Detroit, Dubai, Barcelona und Amsterdam wird auch Wien von den insgesamt 29 eingeladenen AutorInnen als "urbanes Territorium des 21. Jahrhunderts" verstanden und analysiert.

Fehlende Dynamik

So lokalisiert beispielsweise Christian Höller die Kunststadt Wien zwischen Selbstbehauptung und Selbsterwichtigung und attestiert nahezu allen Kunstinstitutionen, egal worin ihre jeweilige Kernkompetenz auch liegen mag, eine regelrechte "Fetischisierung alles Gegenwärtigen und Zeitgenössischen". In Möbelrücken auf der grünen Wiese spricht sich Anne Katrin Feßler gegen einen veralteten, statischen und "wenig dynamischen Begriff von Kunst im öffentlichen Raum" aus und Stefanie Carp entwickelt mit ihrem Text Im Themenpark der Hochkukltur Visionen über eine "lebenskulturelle und künstlerische Hybridität" in Form von Vernetzungen.

Rundumblick

Die AutorInnen des zweiten Bandes der Texte zur Zukunft der Kulturpolitik loten mit einem Blick auf globale Zusammenhänge Strategien aus, um Kulturpolitik mit einer kritischen und emanzipatorischen Praxis zu konfronieren. Neben der Revision der Ökonomien so genannter Kulturstädte, ihrer Raumordnung sowie der urbanen Konflikte, die sich aus dem Zusammenleben in Ballungsräumen unweigerlich ergeben, formuliert der Sammelband Phantom Kulturstadt seine Desiderata an die hiesige Kulturpolitik jenseits der kommerziellen Bewertungen von Mainstream-Studien.

Gut so, denn in der Mercer-Studie läuft Kultur unter dem Oberbegriff "Erholung" und ein Ausrasten in der Gestaltung von Freizeitmöglichkeiten ist unzulässig. (fair)


Info:
Konrad Becker und Martin Wassermair (Hrsg.): Phantom Kulturstadt. Texte zur Zukunft der Kulturpolitik II,Löcker Verlag, 2009, 19,80 Euro, ISBN 978-3-85409-506-4

Links:
http://world-information.org
http://www.loecker.at

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Mit Beiträgen von: Clemens Apprich, Roland Atzmüller, Konrad Becker,
Ljubomir Bratic, Boris Buden, Stefanie Carp, Ewen Chardronnet, Mike
Davis, Anne Katrin Feßler, Hanna Hacker, Christian Höller, Therese
Kaufmann, Christoph Laimer, Katharina Ludwig, Siegfried Mattl,
Elisabeth Mayerhofer, Monika Mokre, Klaus Neundlinger, Merijn
Oudenampsen, Matteo Pasquinelli, Peter Rantasa, Felix Stalder, Hito
Steyerl, Jan Tabor, Markus Wailand, Tom Waibel, Martin Wassermair, Beat
Weber, Stephanie Weiss, Rainer Zendron.
    cover: löcker verlag


    Mit Beiträgen von:
    Clemens Apprich, Roland Atzmüller, Konrad Becker, Ljubomir Bratic, Boris Buden, Stefanie Carp, Ewen Chardronnet, Mike Davis, Anne Katrin Feßler, Hanna Hacker, Christian Höller, Therese Kaufmann, Christoph Laimer, Katharina Ludwig, Siegfried Mattl, Elisabeth Mayerhofer, Monika Mokre, Klaus Neundlinger, Merijn Oudenampsen, Matteo Pasquinelli, Peter Rantasa, Felix Stalder, Hito Steyerl, Jan Tabor, Markus Wailand, Tom Waibel, Martin Wassermair, Beat Weber, Stephanie Weiss, Rainer Zendron.

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