"Meine Tochter spielt mit Puppen, das halte ich locker aus"

22. Juli 2009, 18:40
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Die Chemikerin Brigitte Ratzer fördert Frauen an der Technischen Uni in Wien. Statt immer an den Frauen herumzudoktern, fordert sie auch Veränderungen an den Unis und der "Technik" selbst

Der Frauenanteil in manchen technischen Studien ist nach wie vor verschwindend - und das im wahrsten Sinn des Wortes: Im Maschinenbau sind etwa nur 10 Prozent der StudienanfängerInnen Frauen und von diesem geringen Teil schmilzt dann während des Studiums noch die Hälfte weg. In anderen Bereichen wie Architektur und Baugewerbe beläuft sich der Anteil mittlerweile auf gut 45 Prozent.

Trotz der jahrelangen Bemühungen stehen Frauen bei einem technischen Studium noch zahlreiche Hürden im Weg und bei der wissenschaftlichen Karriere im Anschluss sieht es noch schlimmer aus. Brigitte Ratzer, seit 2005 Leiterin der Koordinationsstelle für Frauenförderung und Gender Studies der TU Wien, will mit ihrem Förderprogramm zum einen junge Mädchen vielseitig an Technik heranführen, sie fordert aber auch Veränderungen im herkömmlichen Technikstudium, das sich nach wie vor zu sehr an den Interessen "bestimmter Männer" orientiere. Welche Förderungsmaßnahme sie für die sinnvollste hält und warum Puppenspielen kein Zeichen von technischem Desinteresse sein muss, erklärt sie im Interview mit dieStandard.at.

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dieStandard.at: Was sind die Hauptgründe dafür, dass Frauen in der wissenschaftlichen Karriere das Nachsehen gegenüber Männern haben?

Ratzer: Einer der Gründe ist schlicht und einfach Tradition: Man hat keine Übung darin, Frauen in diesem Betrieb regelmäßig und routiniert aufzunehmen und Umlernen ist eine langfristige Angelegenheit, das hat strukturelle Gründe.
Andererseits ist die Art und Weise, wie wir heute Wissenschaft machen, relativ schwierig was die Lebensplanung betrifft: Hier kommt man erst sehr, sehr spät in der Laufbahn zu fixen Perspektiven. Das hält viele Männer und Frauen, aber eben mehr Frauen, davon ab, diesen weiteren Schritt zu machen. Hinzukommt, dass der Wissenschaftsbetrieb hochkompetitiv ist, es raufen sich immer mehr Menschen um immer weniger Geld, weil die Forschungsgelder eingefroren sind und die Zahl der ForscherInnen nach wie vor steigt. Das ist schon ein schwieriges Umfeld.

Zusammenhängend mit dieser Kultur ist die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Zum Teil antizipieren die Studentinnen allerdings auch die Situation: Sie gehen davon aus, dass eine wissenschaftliche Karriere mit Familie nicht geht - ohne es überhaupt auszuprobieren.

Auf der TU ist es ja nicht nur so, dass wir keine Professorinnen haben, sondern auch der Frauenanteil unter den Studentinnen ist zum Teil sehr gering, z.B. im Maschinenbau und in der Elektrotechnik (etwa 10 Prozent mit hoher Dropout-Quote). Diese Fächer sind nicht per se Dinge, die Frauen nicht können oder nicht interessieren. Man müsste aber Maßnahmen ergreifen, um das extrem konnotierte Feld aufzuweichen, damit eben auch Frauen Anschluss finden.

dieStandard.at: Von allen Frauenförderungsmaßnahmen, die sie kennen, welche wirkt am besten und warum?

Ratzer: Am besten wirken die Maßnahmen, die nicht direkt an den Frauen ansetzen, sondern direkt an dem Ort, in den man hineinfördern möchte. An den Frauen kann ich rauf und runter tun, ihnen Kurse eröffnen usw., aber solange sich vor Ort nichts ändert, wird das nicht viel bringen.

Das Problem haben ja nicht nur die Frauen mit der Technik, sondern vor allem die Technik mit den Frauen. Die wichtigsten Schritte wären deshalb, die Inhalte der Fachbereiche noch einmal anzuschauen. Die sind bis heute maßgeschneidert auf Interessen bestimmter Männer: Ob wir Roboterfußballweltmeister werden und welche Racing Cars wir haben sind dann auch Geschichten, die medial Verbreitung finden. Alternative Energien oder Medizinische Technik werden dann wieder nicht so nach außen getragen. Zweitens müssen wir bei den Menschen, die auf der Uni sind, ansetzen. Das sind derzeit hauptsächlich Männer. Sie müssen lernen, die Kapazitäten der Frauen überhaupt erst einmal wahrzunehmen und sie entsprechend zu fördern.

dieStandard.at: Was halten Sie von der Quote?

Ratzer: Mittlerweile bin ich absolute Befürworterin der Quote. Denn die Strategie der schönen Worte hatten wir jetzt in den letzten 15 Jahren und der Erfolg ist dermaßen mickrig, weshalb man sagen kann, so geht's offenbar nicht.

Mit den Ideen, die wir bisher hatten, kommen wir ein Stück weit, aber nicht dorthin, wo wir eigentlich hinwollten.

dieStandard.at: Welchen Stellenwert hat die feministische Technikkritik in der Frauenförderung?

Ratzer: Das ist eine lange Geschichte, in der es verschiedene inhaltliche Abschnitte gibt. Angefangen mit der radikalen Ablehnung gegenüber der Technik und den Methoden bis zur Frage, wie eine sinnvolle Beteiligung und Technikgestaltung von Frauen aussehen könnte. Alle Abschnitte haben ihre Berechtigung und bestimmte Perspektiven auf Technik überhaupt erst ermöglicht.

In Bezug auf die neue Techniken, die wir nutzen sollten, stellt sich aber gleich die Machtfrage. Leider haben wir auf den Unis inzwischen auch das Problem: "Wer zahlt, schafft an". Die Unis werden immer mehr von Industrieinteressen bestimmter Investorengruppen geleitet, und das wirkt sich natürlich auch auf die Ausbildung und die Forschungsfragen aus. Ich halte dies für eine gefährliche Entwicklung.

dieStandard.at: Um noch einmal auf die Frauen zurückzukommen. Welchen Einfluss hat das Kinderkriegen auf die Karrierechancen?

Ratzer: Die Evidenzen sind brüchig. Statistiken aus Österreich zeigen, dass Professorinnen überproportional kinderlos sind, während die männlichen Pendants meistens Familie haben. Andererseits ist es bei den Professorinnen an der TU wieder so, dass fast alle Familie haben. Die sind leicht zu beobachten, denn wir haben nur neun (lacht). Viele kommen allerdings aus dem Ausland, also zum Teil aus anderen Kulturen wie der ehemaligen DDR und auch aus Frankreich.
Zu einem ungünstigen Zeitpunkt in der Biographie schwanger zu sein, ist sicher ein Karrierehindernis. Damit meine ich nicht die Zeit während des Studiums, sondern dann bei der ersten Qualifikationsphase. Auch wenn die Mütter auf die Karenzzeit verzichten, können sie nicht auf so viele internationale Konferenzen fahren, können nicht so viele externe Termine wahrnehmen und da unterscheiden sie sich dann von denen, die das können.

dieStandard.at: Ist das auch wissenschaftlich belegt?

Ratzer: Nein, eigentlich nicht. Es gibt eine uralte Studie von Zuckerman und Cole aus den 80ern, wo sich keinerlei Evidenz zeigt, dass sich das Kinderkriegen auf die wissenschaftliche Karriere auswirkt. Die wissenschaftliche Produktivität lässt sich also nicht korrelieren mit biographischen Ereignissen, das zeigen auch andere Studien. Wo sich allerdings ein starker Zusammenhang zeigt, auch bei anderen Studien, ist die Position, in der sich die Forschenden befinden. Die höheren und die früher abgesicherten Positionen, die Verfügung über MitarbeiterInnen, und ganz wichtig: das Vorhandensein eines Mentors, einer Mentorin, die eine/n einführt in die internationalen Kontakte, die die Möglichkeit zur Publikation eröffnet, usw. Hier zeigen sich große Unterschiede bei den Geschlechtern, nur hat das nichts mit Kindern zu tun.

dieStandard.at: Wenn man sich ein bisschen mit Fördermaßnahmen und -mitteln beschäftigt, bekommt man den Eindruck, dass Frauen, wenn sie es erst einmal auf die technische Uni geschafft haben, auch gefördert werden. Ist der Sprung auf die Uni die größte Hürde? Müsste man mehr bei den Jugendlichen ansetzen?

Ratzer: Auf die zielen wir derzeit sehr stark ab. Wir haben eine Palette an Angeboten für Mädchen zwischen 10 und 18. Das halte für eine gute Idee: Diese Erfahrung zu machen, dass sie als Mädchen das können, am besten natürlich mehrere Male. D.h. ich glaube nicht, dass es hier ein Überangebot gibt.

Die größte Hürde ist allerdings nicht, als Mädchen auf die Technische Uni zu kommen, sondern durch das Grundstudium zu kommen. Hier haben wir den absolut größten Drop-out. Das heißt, die Frauen kommen her, stellen dann aber schnell fest, dass sie hier nicht sein wollen. Hohen Drop-out haben wir zwar auch bei den Männern, aber bei den Frauen ist er noch weit höher.

dieStandard.at: Glauben Sie, dass man als Elternteil die Töchter aktiv zum Technikinteresse erziehen kann?

Ratzer: Ja, unbedingt.

dieStandard.at: Oft hört man von engagierten Eltern, dass es ihnen nicht gelingt, nicht-geschlechterstereotypes Spielzeug durchzusetzen.

Ratzer: Ja, meine Tochter spielt auch gerne mit Puppen, das halte ich locker aus. Auch eine Puppe kann auf einer schiefen Ebene bergab rutschen, der Zugang dazu ist beliebig. Ich glaube, dass bei diesen Annahmen viel falsch Verstandenes dabei ist, was jetzt z.B. die Dichotomie von sozialem und technischem Verständnis betrifft. Das lässt sich von jedem Standort aus erschließen. Aber ich denke auch: Wenn ein Kind wirklich gar kein Interesse an Technik zeigt, dann soll man es einfach in Ruhe lassen. Man kann es unterstützen, wenn es da ist, und Angebote machen und dann wird es auch auf einen Boden fallen, aber verbiegen kann man die Kleinen nicht.  (Die Fragen stellte Ina Freudenschuß, dieStandard.at, 22.7.2009)

Zur Person:

Brigitte Ratzer (Jahrgang 1966) studierte Technische Chemie in Wien. Sie promovierte im Fach Wissenschaftssoziologie und war langjährige Lektorin und Universitätsassistentin an der TU Wien mit den Forschungsschwerpunkten feministische Technikforschung, Bioethik und biomedizinische Technikfolgenabschätzung, Wissenschaftsforschung/ Social Studies of Knowledge. Seit 2005 ist sie die Leiterin der Koordinationsstelle für Frauenförderung und Gender Studies der TU Wien.

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Koordinationsstelle für Frauenförderung an der TU Wien

  • Ratzer zur Frauenförderung in der Technik: "Das Problem haben ja nicht nur die Frauen mit der Technik, sondern vor allem die Technik mit den Frauen."
    foto: privat/ratzer

    Ratzer zur Frauenförderung in der Technik: "Das Problem haben ja nicht nur die Frauen mit der Technik, sondern vor allem die Technik mit den Frauen."

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