Stadt, Land, Kulturschock

21. Juli 2009, 17:52
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Roland Neuwirths und Peter Ahorners "Schrammeloperette"

Litschau - Schrammeloperette? Noch vor wenigen Jahren hätte ob dieser vermeintlichen Mesalliance musikalischer Gestrigkeit selbst so mancher eingefleischte Dauergast der Seefestspiele Mörbisch mit den Ohren geschlackert. Doch die Zeiten ändern sich: An der Operette hat sich zuletzt etwa auch ein Max Nagl versucht. Wiener Musik erfährt generell eine bemerkenswerte Renaissance. Nicht zuletzt durch die Pionier-Arbeit Roland Neuwirths, der nun mit einer "Schrammeloperette" Hörerschaften sogar bis nach Litschau ins nördliche Waldviertel lockt.

Seit 2007 nützt Regisseur Zeno Stanek diesen Umstand in Gestalt des von ihm gegründeten Schrammel.Klang.Festivals: Für das Großprojekt der Schrammeloperette Und das bei uns! konnte Stanek als Komponisten Neuwirth und als Texter Peter Ahorner gewinnen. Zum Inhalt: Per Volksabstimmung wird beschlossen, dass für einen Sommer alle Wiener ins Waldviertel und alle Waldviertler nach Wien übersiedeln. Für die Bundeshauptstadt bedeutet dies einen kräftigen Schub von der Kultur zur Agrikultur, für das Waldviertel die Bekanntschaft mit Trupps eingerauchter Woodstock-Nostalgiker.

Amouröse Verstrickungen

Gelüste und Skepsis der kollektiv verpflanzten Einwohnerschaften werden personifiziert durch die Lehrerin Tamara (Anna Hauf), die in der Stadt auf männliche Jagdbeute hofft; den Regisseur Bertl (Andreas Jankowitsch), der zum Sturm aufs Burgtheater ruft; und die erfolglose Malerin Anna (Agnes Heginger).

Ihnen gegenüber: ein Banker (Sebastian Fuchsberger) samt prollig versnobter Begleiterin (Dagmar Bernhard), Schlagerfuzzi Günther (Reinhold G. Moritz als genialer Hansi-Hinterseer-Verschnitt) und ein Trafikant (Alfred Pfeifer).

Zwischen diesen Figuren entspinnt sich ein von Kulturschocks und amourösen Verstrickungen geprägtes Treiben. Das Bühnengeschehen lebt dabei von einem Ensemble scharf geschnittener und mit viel Wortwitz interagierender Charaktere, in dem stimmliche und schauspielerische Leistung gleichermaßen konvenieren. Zeno Staneks Inszenierung trägt auch durch die straffe Szenenfolge ihren Anteil zum Gelingen bei.

Weniger klar als die dramaturgische ist in Litschau die musikalische Typologisierung der Protagonisten: Die Musik wirkt in ihrer heurigenseligen Kalkulierbarkeit etwas gleichförmig. Von den differenzierenden Ansätzen, die Neuwirth in den swingjazzigen Einlagen andeutet, würde man gern noch mehr hören. (Andreas Felber/DER STANDARD, Printausgabe, 22. 7. 2009)

Weitere Vorstellungen: 24., 25., 31. Juli und 1., 7., 8. August

schrammelklang.at

 

  • Liebesreigen mit Witz: S. Fuchsberger und in D. Bernhard.
    f.: mussil

    Liebesreigen mit Witz: S. Fuchsberger und in D. Bernhard.

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