"Mein Gott, was passiert da!"

21. Juli 2009, 17:19
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In der Doku "Freundschaft!" porträtiert der Medienforscher Lutz Hachmeister die FDJ-Vergangenheit in der DDR - Warum Egon Krenz und Gregor Gysi nichts dazu sagen wollten, erfuhr DER STANDARD

STANDARD: Wie sahen Sie als westdeutscher Jugendlicher die Freie Deutsche Jugend (FDJ)?

Hachmeister: Aus der Sicht des Westberliners habe ich die DDR immer als surrealen Operettenstaat wahrgenommen. Die Zweiweltentheorie - hier Ost, da West - stimmt hundertprozentig. Das war aber gleichzeitig die Herausforderung für mich, einen Film über die Kernorganisation der DDR zu machen.

STANDARD: Was bedeutete Freundschaft in der DDR?

Hachmeister:
Es war eine zweigeteilte Welt: Die eine ist die verordnete Form, die sich durch den Gruß- und Schlachtruf der FDJ ausdrückte. Die andere ist die Freundschaft in der Familie, Nachbarschaft mit Gleichaltrigen. Man hat sich der offiziellen Strukturen bedient, aber es gab auch im Untergrund zum Beispiel die Punk-Bewegung.

STANDARD: Offenbar gaben Ihre Interviewpartner gerne Auskunft. Haben alle gern geredet?

Hachmeister:
Gregor Gysi, Egon Krenz lehnten ab. Krenz wusste als ehemaliger Chef der FDJ, dass er nur schlecht wegkommen kann. Wir haben intensiv gemailt, ich habe letztlich sogar Verständnis für ihn. Er habe schlechte Erfahrungen mit den „West-Medien", wie er das nannte. Bei Gregor Gysi hat es mich verblüfft, weil er sehr medienpräsent ist. Aber er hatte wohl Angst, dass wir ihn fragen, ob er etwas mit dem FDJ-Vermögen zu tun hat, das 1989 auf mysteriöse Art und Weise verschwunden ist. Für einige Schauspieler war die Frage ein richtiger Schock. Sie haben keine große Sehnsucht, mit der DDR in Verbindung gebracht zu werden. Sie wollen mit einem anderen Image wahrgenommen werden und nicht als ehemalige DDR-Bürger. Da taucht dann schon dieser Verdacht auf, die FDJ sei doch so etwas wie die Ost-Hitlerjugend.

STANDARD: Innerer Widerstand wurde nach der Wende gerne von ehemaligen FDJlern herbeigeredet. Gab es ihn tatsächlich?

Hachmeister: Die FDJ war in keiner Weise an der Zersetzung der DDR beteiligt. Man muss aber sagen, die Führungsebene der FDJ hat im Frühjahr 1989 am ehesten verstanden, dass sich etwas auflöst. Nehmen Sie das Beispiel mit Elf 99. Die FDJ initiierte im September 1989 eine Jugendsendung und organisierte auch Ferienkader. Die haben schnell begriffen, dass es vorbei war.

STANDARD: Bei Schilderungen über sozialistische Jugendkultur schwingt manchmal Bedauern über politikverdrossene Jugendliche heute mit. Auch bei Ihnen?

Hachmeister: In der DDR war das Interesse für Politik verordnet. Politikverdrossenheit war damals mindestens so stark wie im Westen. Lothar Bisky (EU-Parlamentarier für Die Linke, Anm.) sagt das im Film sehr schön: So ein verordneter Jugendverband, der mühselig den Schein aufrechterhält - das bringt nichts. Meine Motivation, den Film zu machen, waren diese Bilder von den FDJ-Mädchen, die noch 1989 Honecker vorbereitete Fragen stellen. Als ich das sah, dachte ich: "Mein Gott, was passiert da! Dieser Staat bricht auseinander, und die machen ihre Veranstaltungen, als wäre nichts." Dieser Prozess der Derealisierung war für mich am erstaunlichsten. 

STANDARD: Stichwort Derealisierung: Sie prägten den Begriff vom gegenwärtigen "Wohlstandsjournalismus". Sie meinten Journalismus, der sich zuletzt mehr durch Verteidigung von konservativen Werten und Besitztum verstand. Trifft das in der Krise noch zu?

Hachmeister: Journalismus wird zu sehr an die Krise der gedruckten Zeitung angeschlossen. Es wird auch in Zukunft starke journalistische Institutionen geben. 

STANDARD: Wie wird die Krise journalistische Inhalte verändern?

Hachmeister: Das ist die Drei-Millionen-Dollar-Frage. Journalismus verhält sich anders als alle anderen Märkte. Es gibt eine hohe qualitative Differenzierung im Angebot, die Nachfrage danach wird steigen.

STANDARD: Zuletzt kritisierten Sie die öffentlich-rechtliche ARD für fehlende Doku-Programmplätze - das hört der ORF auch immer wieder. Ihre ist Dienstag um 22.45 Uhr zu sehen. Okay für Sie?

Hachmeister: Für mich ist das okay, denn wenn ein Film ganz im Schaufenster landet, ist der Druck der Quote auf den Dokumentaristen sehr groß. Der Film wird auf 3sat und Phoenix wiederholt und kann in der Mediathek abgerufen werden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Filme viel im Nachhinein gesehen werden. Inzwischen ist die Schlacht um den Sendeplatz sekundär - wenn er nicht unbedingt 0.15 Uhr ist.  (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgab,e 22.7.2009)

Zur Person
Lutz Hachmeister (49), Dokumentarfilmer ("Ich, Reich-Ranicki", "Das Goebbels-Experiment"), Sachbuchautor ("Schleyer") und Medienforscher ("Die Fernsehproduzenten") dreht derzeit schon wieder einen neuen Film über Sterne-Köche in Europa.

Hinweis
"Freundschaft! Die Freie Deutsche Jugend", Das Erste, Dienstag, 28. Juli ab 22:45 Uhr

  • Regisseur Lutz Hachmeister.
    foto: ndr

    Regisseur Lutz Hachmeister.

  • Liebe im blauen Hemd mit FDJ-Abzeichen: "Die FDJ war in keiner Weise an der Zersetzung der DDR beteiligt", sagt Medienforscher und Dokumentarfilmer Lutz Hachmeister.
    foto: ndr/

    Liebe im blauen Hemd mit FDJ-Abzeichen: "Die FDJ war in keiner Weise an der Zersetzung der DDR beteiligt", sagt Medienforscher und Dokumentarfilmer Lutz Hachmeister.

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