"Suche eine Alternative zur Demokratie"

24. Juli 2009, 10:21
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Niazi-Shahabi suchte in deutschen Parteien nach ihrem Traummann - Dabei hat sie vor allem viel über politische (Un)-Kultur erfahren

Ein Jahr lang war die Autorin Rebecca Niazi-Shahabi bei der Basis der deutschen Parteien unterwegs: Die 39-jährige Autorin und Werbetexterin besuchte Bezirkssitzungen, Vorträge und Parteifeste aller im Bundestag vertretenen Parteien. Ihr Ziel: Einen liebenswerten Mann finden. Nachzulesen sind die Ergebnisse in ihrem kürzlich erschienen Buch "Bündnispartner gesucht. Eine Frau auf der Suche nach dem richtigen Mann im 5-Parteien-System".

Parteien, so die nicht ganz ernst gemeinte These von Niazi-Shahabi, wären das ideale Jagdgebiet, weil sie die Möglichkeiten regelmäßiger unverfänglicher Treffen bieten. Hier kommen Menschen zusammen, diskutieren und lernen sich einfach kennen. Über langweilige Versammlungen, Dauerredner, unhöfliche Linke, Unterschiede und Ähnlichkeiten der politischen Parteien, sprach sie mit derStandard.at.

derStandard.at: Unerwartete Liebesbriefe, Anrufe, Abweisungen, Langweiler. Die Männersuche bei den Parteien war nicht immer lustig. Können Sie das weiterempfehlen?

Niazi-Shahabi: Natürlich hab ich das nicht in erster Linie gemacht, um einen Mann zu suchen. Sondern das war eine Verkleidung, um einen anderen Blick auf die Parteienlandschaft werfen zu können – unabhängig von der politischen Meinung.

Ich hatte einen doppelten Ansatz: Zum einen war es wirklich eine Möglichkeit, jemanden kennenzulernen, indem man regelmäßig irgendwohin geht. Der Witz bei der Sache war aber, dass das ein unpolitischer Blick auf die Leute ist und man so andere Erkenntnisse gewinnt.

derStandard.at: Was hat Sie dabei am meisten überrascht, und wo sind Ihre Erwartungen bestätigt worden?

Niazi-Shahabi: Überrascht hat mich, dass die Leute in den großen Parteien – also CDU und SPD – sehr viel toleranter ist als in den kleinen. Man ist in der CDU toleranter als bei den Linken und den Grünen.

derStandard.at: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Niazi-Shahabi: Wenn ich bei der CDU gesagt habe, ich sei von den Grünen, meinten sie immer `Ja, macht doch nichts. Das ist doch gar kein Problem`. Das ist mir öfters passiert.

Während bei den kleineren Parteien mehr Individualisten, mehr engagierte Leute dabei sind, ist bei den großen Volksparteien ein größerer Bevölkerungsdurchschnitt repräsentiert. Dort werden normale Umgangsformen nicht in Frage gestellt und man muss sich nicht immer so darstellen und Dinge anders machen als andere.

derStandard.at: Gibt es typische Eigenschaften in den unterschiedlichen Parteien, eine Art Parteikultur?

Niazi-Shahabi: Es gibt parteiübergreifend ähnliche Strukturen, aber auch parteitypische Strukturen. Es gibt immer Leute, die aus politischen Gründen da sind. Die sind dann immer sehr engagiert und sehr idealistisch. Dann gibt es Leute, die einfach keine anderen Interessen haben oder keine Möglichkeit sich auszudrücken und die gehen dann in eine Partei, nerven rum und wissen alles besser. Das gibt es bei jeder Partei: Da gibt es den Architekten, der zwei Kinder hat, jede Menge Arbeit und abends trotzdem noch zur SPD-Sitzung geht, weil er meint er möchte unbedingt was tun. Dann gibt es auch den Hartz IV-Empfänger, der zu jeder SPD-Veranstaltung rennt und dort Aufmerksamkeit bekommt und nervt. Diese typische Struktur habe ich in allen Parteien gefunden.

Aber es gibt auch Unterschiede zwischen den Parteien: Bei der CDU haben die Leute sehr konkrete Interessen: Zum Beispiel Parkplätze oder Arbeit. Bei den Grünen ist das Interesse natürlich die Umwelt, beziehungsweise, das was Einzelne dafür halten. Da haben viele Leute sehr individuelle Interessen. Da gibt es Tierschützer und dann jemanden der Olivenanbau macht. Bei der FDP wo das Image gepflegt wird, man sei sehr vernünftig und sachlich, habe ich die polemischen Leute gefunden.

derStandard.at: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass bei der FDP jeder frei seine Meinung sagen kann. Bei den Grünen war das nicht immer möglich.

Niazi-Shahabi: Ja, das stimmt. In der FDP war es am kühlsten. Auch der Umgang miteinander, zum Beispiel die Begrüßungen. Aber man hat sich korrekt behandelt, einander ausreden lassen. Es wurde auch nicht gepöbelt, wie bei der CDU. Man meinte bei der FDP allerdings man sei sachlich auf der richtigen Seite und alle anderen sind blöd.

derStandard.at: Bei wem hatten Sie den meisten Spaß und wo war es am langweiligsten?

Niazi-Shahabi: Am langweiligsten war es bei der FDP und am meisten Spaß hatte ich mit Abstand bei der SPD.

derStandard.at: Woran lag das?

Niazi-Shahabi: In den großen Volksparteien ist der Umgang miteinander normaler und angenehmer. Bei den Linken war man sehr unfreundlich. Zum Beispiel wenn ich irgendwo hinging und noch niemanden kannte, wurde ich nicht mal begrüßt.
Bei der SPD kam immer jemand und hat gesagt ‚Hallo! Ich bin der Soundso. Wer bist du denn? Setz dich. Kann ich dir was bringen'

Bei den Linken wurde ich nicht begrüßt. Dann wurde ein Film gezeigt. Der Ton war zu leise und ich habe gefragt, ob es möglich wäre ein wenig lauter zu drehen. Eine Frau hat mich daraufhin angeherrscht: ‚Wenn du die Klappe halten würdest, verstehst du vielleicht auch etwas'.

derStandard.at: Wie hat sich durch die Recherche für das Buch Ihre Einstellungen zu Politikern und Politik verändert?

Niazi-Shahabi: Mein Verhältnis zu Politikern hat sich nicht verändert, weil ich ja an der Basis war und nicht mit Berufspolitikern zu tun hatte. Meine Einstellung zur Politik hat sich aber dahingehend geändert, dass ich darüber nachdenke, was es für Alternativen zur Demokratie gibt, die keine Diktatur sind.

Diese Ortsvereinssitzungen und Besprechungen kommen mir so unpraktikabel vor. In diese Vereine und Sitzungen kommt ein ganz bestimmter Ausschnitt der Bevölkerung: Einige Idealisten, aber auch ganz viele Leute, die nerven und diskutieren. Man hat das Gefühl man muss gegen die arbeiten, um zu erreichen, dass da mal ein Baum an die Ecke gepflanzt wird. (Michaela Kampl, derStandard.at, 22.7.2009)

  • Zur Person: Die 39-jährige Rebecca Niazi-Shahabi kommt aus einer deutsch-iranischisraelischen Familie, lebt als freie Autorin in Berlin und arbeitet als Werbetexterin.
    foto: copyright: © marco p. schott

    Zur Person: Die 39-jährige Rebecca Niazi-Shahabi kommt aus einer deutsch-iranischisraelischen Familie, lebt als freie Autorin in Berlin und arbeitet als Werbetexterin.

  • Das Buch: "Bündnispartner gesucht. Eine Frau auf der Suche nach
dem richtigen Mann im 5-Parteien-System", ist als Taschenbuch im
Rowohlt Verlag erschienen, hat 256 Seiten und kostet 8,95 Euro.
    quelle: rowohlt verlag

    Das Buch: "Bündnispartner gesucht. Eine Frau auf der Suche nach dem richtigen Mann im 5-Parteien-System", ist als Taschenbuch im Rowohlt Verlag erschienen, hat 256 Seiten und kostet 8,95 Euro.

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